Mehr Mut für unser Wiener Blut

August 30th, 2010


H.C. Strache, ein blauäugiger Blutsauger?

Mit Fragezeichen, nicht mit Rufzeichen!!! Wohlgemerkt, mit Fragezeichen, liebe Rechtsanwälte. Ich möchte doch nicht wegen Rufschädigung, Rufmord oder was weiß ich, was bei den Blauen sonst noch gerufen wird, vor Gericht gezerrt werden. Obwohl, wenn die Blauen, nein, bleiben wir bei H.C. Strache und lassen seine Gefolgschaft aussen vor, wenn also Heinz-Christian Strache drei Bier bestellt, dann hat er keinen Grund, dies lauthals in die Welt zu schreien. Nein, H.C. macht dies mit dem Drei-Finger-System. Bitte verwechseln Sie den H.C. nicht mit dem dänischen H.C., H.C. Andersen, auch ein guter Geschichtenerzähler und Märchenonkel, nein, nicht auch, sondern nur, also eben nur nur, also kein Vergleich mit H.C. aus Österreich.

Sie haben verstanden, was ich meine? Nein, haben Sie natürlich nicht. Also noch einmal. Ach was, vergessen Sie´s. Machen wir es kurz und bündig. Wenn also H.C. Strache im Kreise seiner Freunde, lauter echte rechte Freunde wahrscheinlich, ich kann dies natürlich nicht wissen, deshalb schreibe ich wahrscheinlich, schließlich war ich noch nie dabei in jenem Kreis. Wenn also H.C. der Durst plagt, bestellt er Bier mithilfe seiner drei Finger, sozusagen aus einer bierseligen Laune heraus.

Da gibt es sogar Fotos. Ja wirklich. H.C. Strache bestellt drei Bier und das wortlos nach dem Drei-Finger-System eines Herrn Kühnen, im Kreise seiner Freunde. Guckst Du hier: Erstes Foto von FPÖ-Chef Strache mit Neo-Nazi-Gruß. Und warum darf er dazu nicht den Kühnen-Gruß verwenden? Verbietet ihm schließlich keiner, am wenigsten der Staat selbst. Im Verbotsgesetz ist er nicht explizit, im Gegensatz z.B. zum Hitlergruß, aufgeführt. Also darf H.C. Strache sein Bier bestellen, wie er will.

Apropos Kreis. Glücklicherweise herrschte damals in den verschiedenen Lokalitäten noch kein Rauchverbot. Da war der blaue Rauch noch gerne gesehen in Österreichs Gasthäusern. Man konnte förmlich, wenn dementsprechend viel geraucht wurde, vom sprichwörtlichen Dunstkreis sprechen, dem blauen Dunstkreis. Hatte ich im letzten Satz “man” geschrieben? Nun ja, frau ist mittlerweile auch gern gesehener Gast in den einstigen Burschenschaften. Die Hauptsache ist: Blau muss sie sein. Vorher blau, mittendrin blau und nachher sowieso blau. Je blauer, desto besser. Quasi Power to the Blauer! 

Österreicher hatte sicherlich einige grosse PolitikerInnen. Denken Sie nur an den unvergessenen Jörg Haider. Sie wissen schon, der blaue Jörgl, der irgendwann zum orangenen Jörgl mutierte. Oder jene unvergleichliche Barbara Rosenkranz, sozusagen das Pendant zur deutschen Eva Herman. Aber unserem H.C. Strache kann im Moment einfach keiner das Wasser reichen, allerhöchstens mit drei Fingern der rechten Hand. Der Herr ist so etwas von kreativ. Schauen Sie sich sein neuestes Plakat für den Wiener Wahlkampf 2010 an und Sie wissen alles.

Wahlkampf Wien 2010 der FPÖ: Mehr Mut für unser Wiener Blut

Sie schütteln missbilligend den Kopf? Warum bitteschön? 2006 zur Nationalratswahl trat H.C. Strache und “seine” FPÖ unter anderem mit folgendem Plakat an:

H.C. Strache und FPÖ Wahlkampf 2006: Daham statt Islam

Na sehen Sie! Hatte H.C. und seine Wahlkampfstrategen damals noch mit der deutschen Sprache zu kämpfen, kommt jetzt alles in astreinem Deutsch rüber, wir sagen dazu übrigens: Er redet nach der Schrift. “Mehr Mut für unser Wiener Blut”, hört sich doch ganz passabel an. Vielleicht hätten die Verantwortlichen ein paar klitzekleine Details jedoch verbessern können, aber soll so sein. Ich für meinen Teil hätte etwa den Slogan auf die andere Seite gesetzt und das strahlende Lächeln, natürlich mit dem restlichen Gebissträger H.C. dazu, also dem Konterfei, weiter nach rechts gesetzt. Nein, eigentlich hätte ich das Bild ganz nach rechts gesetzt, sozusagen an den rechten Rand. Weiterhin hätte ich den darunterstehenden Satz “Zuviel Fremdes tut niemandem gut” auch nicht schwarz gehalten, sondern eher in einem leichten Braunton, möglicherweise sogar in einem kräftigen Braun. Lassen Sie mich erklären, warum!
Dieser Untertitel “Zuviel Fremdes tut niemandem gut” ist eine hervorragende Kreation, leicht verständlich und über alle Maßen erhaben. Aber eben schwarz. Das weckt in meinen braunen Augen, meine Augen sind doch tatsächlich braun, rehbraun und unschuldig blickend, im Gegensatz zu den strahlend blauen Augen von Herrn H.C. Strache, der Neid frisst mich bei solch blauen Augen, einen gewissen Argwohn. Bei solch einem genialen Slogan sehe ich doch tatsächlich schwarz. Und das wiederum weckt negative Stimmungen, lässt mich sogleich an die Schwarzen denken, also an die ÖVP, lässt mich förmlich Schwarzsehen, ob ich will oder nicht. Schwarz ist für solch einen hervorragend konzipierten Wahlkampfslogan völlig falsch gewählt. Wie gesagt, ich mit meinen rehbraunen unschuldig blickenden Augen hätte dieses “Zuviel Fremdes tut niemandem gut” tiefbraun gedruckt, passt doch gleich viel besser zur Augenfarbe der meisten Menschen. Immerhin haben laut Wikipedia 90 Prozent der Menschen braune Augen.
Und der Rest? Nun, die Augenfarbe des traurigen Rests der Menschheit, H.C. Strache gehört also diesbezüglich zu einer Minderheit der Gattung Homo sapiens, teilt sich auf in Blau, Grau und Grün. Aber das Beste kommt zum Schluss!
Der dänische Genforscher Hans Eiberg kommt zu dem Schluss, dass aufgrund einer Genmutation des Gens OCA2 sämtliche blauäugigen Menschen von einem einzigen Menschen abstammen müssen, welcher vor ca. 6000-10000 Jahren das (blaue) Augenlicht der Welt erblickt haben muss. Jeder Mensch mit blauen Augen lässt sich also auf ein und dieselbe blauäugige Urmutter bzw. ein und denselben Urahnen zurückführen. Siehe dazu z.B. Blauäugigkeit liegt in der Familie oder Trendfarbe der Evolution. Moment, es kommt noch besser!
Diese besondere Vererbung im Erbgut blauäugiger Menschen hat Eiberg nun aufgrund einer Studie entdeckt, in dem er eine dänische Großfamilie untersuchte, deren Familienmitglieder seit bereits drei Generationen nur mit blauen Augen zur Welt kamen. Alle Familienmitglieder, aber auch Hunderte anderer Dänen, hatten dabei exakt die gleiche Mutation. Und wer hatte außerdem dieses Gen?
Richtig! Blauäugige Menschen aus Jordanien und der Türkei. H.C. Strache trägt doch tatsächlich dieselbe Mutation in seinem Erbgut wie blauäugige Türken. Türkische Gene im Wiener Blut des H.C. Strache. Eiberg kommt deshalb zu dem Schluss, dass alle Menschen mit blauen Augen diese Genmutation vom selben Urahnen geerbt haben und dementsprechend auch aus ein und derselben Linie abstammen müssen. Und weiterhin vermuten Eiberg und seine Kollegen, dass der erste blauäugige Mensch aus dem Gebiet rund um das nordwestliche Schwarze Meer stammen müsse. Und dort befinden sich Länder wie das heutige Bulgarien, Rumänien, Moldawien oder die Ukraine.

Nun, sehr geehrter Herr H.C. Strache, eines muss ich Ihnen lassen. Eigentlich nicht schlecht für einen Zuwanderer aus Osteuropa, so blauäugig an der Spitze der FPÖ zu stehen.


Den kompletten englischsprachigen Forschungsbericht von Hans Eiberg und seiner Forschergruppe finden Sie unter Human Genetics: Blue eye color in humans may be caused by a perfectly associated founder mutation in a regulatory element located within the HERC2 gene inhibiting OCA2.  


Werbung, mein täglicher Wegbegleiter

August 29th, 2010


Oder: Was macht eine tote Sprache im Fernsehen?

Welche Irrungen und Wirrungen mich auf diesen Artikel brachten, ist schlichtweg schon wieder so kompliziert, dass es eigentlich relativ einfach ist. Ich möchte es Ihnen trotzdem erklären.

Ich saß, wie es nun einmal meinem Naturell des trägen Menschen, welcher tagtäglich mit 26 Buchstaben, Umlaute, Zweilaute und sonstigen menschlichen Laute seien hierbei der Einfachheit halber vernachlässigt, jongliert, hantiert, würfelt und um sich wirft, vor meinem Aussentor zur menschlichen Welt, dem Computer, salopp als “Blechtrottel” von der allerbesten Ehefrau der Welt, nämlich der meinigen, bezeichnet.

“Curiosity kills the cat” dachte ich mir gelangweilt und stürzte mich schamlos und immer auf der Suche nach Neuem und Abenteuer ins virtuelle Nachtleben. Auf dem Blog gedankennetz stieß ich auf eine ganz entzückende Idee und Projekt unter dem Titel “Bärenlohn für Eigenutz“. Liebe Szintilla, großartige Idee, gefällt mir sehr gut. Aber zurück zu meinen eigenen Irrungen und Wirrungen. Also wieder zurück zu Szintilla. Sie sehen, so ein Leben im Voyeurismus kann unglaublich stressig sein. Rechts unter “Aktuell” steht: “Jeder Kommentar, der mit einer kommerziellen Webseite verlinkt ist, wird von mir gelöscht. Ich unterstütze grundsätzlich keine kommerziellen Webseiten, denn ich bin ungern Sprachrohr für Produkte jeglicher Art.”

Werbung und diese unsäglichen Spamkommentare. Dachte ich und legte den Satz, eigentlich sind es derer zwei, doch wieder beiseite. Doch sie ließen mich einfach nicht los, rüttelten an meinem Gedanken-Ummantelungsapparat namens Gehirn, rissen an meiner Hirnrinde, bis es schmerzte, zerrten an meinen Nerven, nagten sich durch die schützende Isolierung der Gelassenheit, bis sie als kleine dünne blanke Ideen-Stahlseile vor mir lagen, ekelhaft schmatzend und wiederkäuend.

Kurzum, ich kapitulierte. Ließ also diesen Gedanken freien Lauf, freier Lauf in meiner freien Zeit, sozusagen, ganz unspektakulär, vollkommen unpreziös. “Was heißt eigentlich Werbung auf lateinisch?” führte ich meine Gedanken spazieren, also Gassigehen für Gedanken, Gedanken-Gassigehen mit denselben. Rittlings setzte ich mich auf dieses ungesattelte imaginäre nicht gedachte, bisher ungedachte Pferd, trat ihm mit aller mir zur Verfügung stehenden Gedankenkraft in die Flanken, in die Gedanken-Flanken und preschte in Windeseile, schneller als ein Gedanke, in die virtuelle Welt davon.

“Werbung auf lateinisch.” Google ist allwissend, Google ist allmächtig, Google ist anbetungswürdig. Hätte die Menschheit und allen voran Nietzsche (und natürlich ich im Gefolge) Gott nicht bereits getötet (Theodizee oder der Gute, der Böse und der Atheist) , hätte wahrscheinlich Google sogar Gott überholt. Oder besser noch: Gott wäre von Google ins Leben gerufen worden, Gott sozusagen als Stellvertreter von Google, ein Vize-Google mit Namen G.O.T.T., Abkürzung für Google On The Top. Doch auch für jenen Gott hätte ein unmissverständliches Gebot gegolten: Du sollst keinen Google neben mir haben! Aber da Sekundär-Google nun von Friedrich, mir und den vielen liebenswerten Kinderschändern im und auch ohne Priestergewand hingemeuchelt wurde, bleibt mir dementsprechend nur meine Hinwendung zu Google herself, himself and ourselves.

Wenn ich also in Zukunft durch die Welt, meine eigene Welt, dicht verknüpft mit der nach Google zweitmächtigsten Kraft unserer modernen Zeit, der Werbewelt, stolpere, dann nur noch mit einer toten, auf wundersame auferstandenen Sprache an meiner Seite. Lassen Sie uns gemeinsam solch einen typischen werbeinfizierten Tag beginnen, aber nicht mit den in aller Munde hinlänglich bekannten Produktnamen, sondern mit den damit verbundenen lateinischen Deutungen und Bedeutungen. Also begleiten Sie mich auf meinem täglichen Weg durch das Labyrinth meines Konsumwahns (am Ende des Artikels finden sie die dazugehörigen Bedeutungen zu den kursiven Wörtern). Der beschriebene Morgen spiegelt dabei allerdings nicht mein wirkliches Leben wider, aber in Anbetracht der heute vorherrschenden und gezeigten Werbespots verleitet er geradezu zu solch drastischem Beginn.

Ich stehe vor dem Spiegel. Doch bevor er bricht, kotze ich mir das Weisse aus den Augen. Schneeweiss blickt mir mein blutunlerlaufenes Spiegelbild entgegen. Ich ziehe in Erwägung, dem Rat des Apothekers zu folgen und mir eine jener wunderbaren schmerzstillenden Köstlichkeiten zu gönnen. Doch dann überlege ich es mir wieder anders und setze ein Zeichen. Der Geschmack brennt auf der Zunge, doch langsam lassen die Kopfgeburtswehen nach. Die Ausdünstungen liegen unheilvoll in der Luft, drängen sich mit Macht als Gestank-Potpourri in die entlegensten Winkel des kleinen Badezimmers und verbreiten ihre durchdringende schwere Duft-Wolke. Der Geruch frischer Wäsche legt sich sanft in meinen Nasenflügeln schlafen, erfüllt mich mit neuem Brechreiz. Ein weiteres Mal suche ich den Weg zur Toilette, knie vor der Keramiköffnung, welche mich mit gähnender Leere zu sich winkt und mich willkommen heisst, mich häuslich niederzulassen und den Palast der Exkremente liebevoll zu umarmen.

Wieder nehme ich einen neuen Anlauf, schleppe mich bleich und ausgelaugt zurück ins Badezimmer. Laut prahlend schluckt die Spülung die Reste meines Magens hinunter, erklärt sich glucksend rauschend großartig zum Sieger. Dieses Mal lasse ich mir Zeit, überstürze nichts. Und siehe da, die Schutzgötter des Staates und der Familie legen ihre fürsorglichen Hände über mein Haupt, zeigen meinen Gegnern ihre überirdischen scharfen Zähne und führen mich in ein Land aus Mich und Honig.

Ich schalte den Fernseher wieder ein. Liebevoll umfangen und umgarnen mich bunte laufende sprechende fröhliche nichtssagende bewegende Bilder. Endlich wieder ein langer entspannender spannender Werbeblock. Nur den Spielfilm dazwischen könnten sie in Zukunft streichen. Der stört gewaltig. Kaum beginnt der Film, muss ich schon wieder aufstehen und mir die Seele aus dem Leib kotzen. Und wieder stehe ich vor dem Spiegel. Ein neuer Tag beginnt. Ich glaube, ich bin werbeinfiziert.

  • Schneeweiss von niveas: Nivea Hautcreme
  • Erwägung von ratio (auch Verstand) und Apotheker von pharmacopola (ursprünglich Zaubertrankhändler): ratiopharm Schmerzmittel
  • Zeichen von signum: Signal Zahnpasta
  • Gestank von odor und Duft von oris: Odol Mundwasser
  • Sanft (lieblich, mild) von lenis: Lenor Weichspüler
  • Häuslich von domesticus und Palast von domus: Domestos WC-Reiniger
  • Groß, prahlend von magnus: Magnum Eis
  • Zeit von tempus: Tempo Taschentücher
  • Schutzgötter des Staates und der Familie von penates: Penaten Creme
  • Scharfe Zähne von dentatus: Dentagard Zahnpasta
  • Honig von mel und Bewegung von actio: Actimel Drink  

Nun, liebe LeserInnen, an diesem Punkt bin ich mit meinem Latein am Ende, sozusagen am toten Punkt angelangt. Doch bevor ich diesen Punkt, quasi meinen ganz persönlichen Rubikon überschritten habe, danke ich noch der Seite Werbung auf lateinisch für die inspirierenden und informativen Details.

In diesem Sinne grüsst Sie der virtuelle gottlose Reiter auf der Suche nach jener Katze, welche die Neugierde getötet hat. Oder hat womöglich Nietzsche nicht nur Gott getötet, sondern auch diese sieben Leben auf dem Gewissen? Ich weiss es nicht, also suche ich weiter!   


Rundumsicht

August 25th, 2010

Er drückt seinen mageren Körper gegen die riesige schwere braune Holztüre. Von schräg oben, aus der Distanz, emotionslos, geräuscharm, sieht er müde aus. Die helle Hose fleckig, viel zu lang, hängt ihm lose über die abgenutzten Schuhe. So steht er da, fühlt sich sicher neben dieser riesigen schweren braunen Holztüre, welche ihm Schutz bietet. Schutz vor neugierigen Blicken, während er langsam sorgsam sorglos das belegte Brot aus dem zerrissenen Stückchen Papier schält. Ein heftiger Windstoss krallt sich in das ungeschnittene Haar, von schräg oben sieht es ungepflegt aus, aus der Ferne betrachtet, von schräg oben aus gesehen. Er tritt schnell einen weiteren Schritt nach hinten, auf die Seite, auf die rechte Seite, von ihm aus gesehen, von schräg oben gesehen nach links, hin zur Türe, zu dieser riesigen schweren braunen Holztüre.

Langsam fressen sich die Lichter durch die Nacht, beissen sich förmlich fest in dieser Schwärze, reissen Stück für Stück heraus aus der Nacht des Parks, schlucken die Finsternis hinunter und geben den Weg frei, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne. Dann taucht der Wagen auf, schiebt sich von links in das Bild hinein, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne. Sie fahren bereits zum vierten Mal ihre Runde, immer auf der Suche nach Störung, nach Gewalt, nach Gesetzesübertretung. Von rechts kommt eine Gruppe junger Menschen ins Bild, zwanglos lärmend, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne.

Ein junger Mann, ist es ein junger Mann, vielleicht auch eine junge Frau, eine junge Frau mit kurzen Haaren, vielleicht auch nicht, möglicherweise ein junger Mann, eine junge Frau, wer weiss das schon, jetzt um diese Uhrzeit, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet. Bedächtig geht er, geht sie über den Asphalt, aus dem Schatten heraus von hinten kommend, unter das gelbliche Licht der Laternen, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet, um diese Uhrzeit. Links ein grüner Streifen Rasen, jetzt bei Nacht schwarz, ansonsten grün. Daneben der breite Streifen Asphalt, grau, jetzt gelblich-weiss, bei Nacht, beleuchtet durch unsichtbare Laternen, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet, um diese Uhrzeit gelblich-weiss fahl, sonst grau, hellgrau, bei Tageslicht gesehen.

Der alte ärmlich gekleidete Mann hat sein Brot gegessen, direkt neben der riesigen schweren braunen Holztüre. Ratlos steht er inmitten der Überwachung, weiss nichts von seiner nächtlichen Observation, ahnt nichts von den schräg über ihm schwebenden spiegelnden Augen, steht einfach nur da neben der riesigen schweren braunen Holztüre und weiss von nichts, von schräg oben betrachtet.

Der junge Mann drückt sich an der Betonwand entlang, die junge Frau streift dicht an der Wand entlang, wer will es schon wissen, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet. Langsam geht sie aus dem Bild, lautlos verschwindet er, nach oben weg, Szene, Schnitt. Die Augen starren ins Leere, drei Meter hoch angebrachte schwebende spiegelnde Augen.

Rot leuchten die letzten Reste der Rücklichter, leuchten am rechten Rand des Bildschirms, leuchten von leicht unterhalb von vorne. Die Lichter haben sich weitergefressen, Kannibalen auf der Suche nach Gesetzesbrechern, Gesetzeslückenübertretern, Verbrechensbekämpfungsgegnern. Das Auge schaut weiter in die Finsternis, immer auf der Suche, rastlos überwachend, staatstragend, staatsdienend, staatstreu.

Überwachung muss sein, jetzt, um diese Uhrzeit, doch wer weiss das schon. Von schräg oben betrachtet, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet. Die Bildschirme sind leer, jetzt um diese Uhrzeit. Der alte Mann ist satt.  


Jemmy Button, der wirkliche Jim Knopf

August 18th, 2010


Wenn wir schon unsere Freizeit vor dem Fernseher verbringen, dann aber gleich richtig. Wir haben vor kurzer Zeit eines der letzten großen und wohl auch bestgehütetsten Geheimnisse der Fernsehgeschichte gelüftet, paradoxerweise war hierbei ein über alle verbrecherischen Zweifel erhabener und bis ins Knochenmark unbestechlicher amerikanischer Polizist der Mordkommission des Police Department Los Angeles Hauptfigur. Natürlich spreche ich von Inspektor Columbo, Sie wissen schon, Vorname Inspektor und Nachname Columbo. Oder hat Columbo womöglich doch einen Vornamen? Aber lesen Sie selbst, sofern Sie den Artikel über Columbo, den Mann ohne (Vor)Namen noch nicht kennen.

Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Ich kann mich an wenige Dinge meiner Kindheit erinnern, welche sich derart tief in mein Gedächtnis eingegraben haben wie die Augsburger Puppenkiste. Und irgendwie und sowieso, groß geschrieben als “Irgendwie und Sowieso” auch eine meiner Lieblingsserien mit dem jungen Ottfried in der Hauptrolle, der feschen Michaela May und Wepper, hatte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, das Bedürfnis, mich wieder einmal in die alten Zeiten meiner vergangenen und langsam verblassenden Jahre unbeschwerter Jahre zurückzukatapultieren.

Eigentlich surfte ich mehr als ich suchte. Ich ließ mich sozusagen auf den virtuellen Wellen der Internetmeere treiben, dachte dabei mit verklärtem Blick an all die Stars, fadenscheinige Puppen im wahrsten Sinne des Wortes. Der sprechende und manierliche Kater Mikesch, natürlich Urmel aus dem Eis und die Muminfamilie. Kommt ein Löwe geflogen mit dem bösen Mister Knister und seinem technischen Wunderwerk mit dem wunderbaren Namen Krozeppon, einem Konglomerat aus Krokodil, Zeppelin und Ballon. Und dann eben jener kleine Bursche Jim Knopf, treuer Weggefährte und bester Freund des gemütlichen Lokomotivführers Lukas. Was mussten die beiden liebenswerten Protagonisten, selbstverständlich immer mit Emma, der Lokomotive gemeinsam, für Abenteuer bestehen. Emma, jene Wunder-Dampflok, einmal Perpetumobil, dann wieder Schienenfahrzeug ohne Schienen, schwimmendes Dampfross und Flugobjekt, niemals gleichzeitig, aber alles ermöglichend. Und Lummerland, die Heimat der beiden Helden meiner Kindheit, der gemütliche Herrscher König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte.

Wissen Sie eigentlich, warum Jim Knopf dunkel war, und mit dunkel meine ich schwarz im Sinne von Schwarzer und dementsprechend Pendant zu Weisser. Irgendwie war auch die Sprache damals wesentlich einfacher, unkomplizierter, geradliniger. Darf ich nun Neger sagen oder gelte ich damit schon als ausländerfeindlich, ist Farbiger der richtige Ausdruck oder steht Afroamerikaner für das korrekte Synonym? Ich weiß es nicht, aber da ich die nicht-weissen Menschen als Menschen unter anderen Menschen und nichts anderes sehe, weder politisch noch wertend, spielt dies auch keine übergeordnete Rolle für meine heutige Geschichte. Mag möge mir diese Oberflächlichkeit verzeihen, aber Mensch bleibt Mensch, egal ob schwarz, weiss, rot, gelb, weiss oder grün, wie ich es bin. Der Waisenjunge Jim Knopf war, zumindest deutet alles darauf hin, ein in 33. Generation von Caspar, einem der Drei Heiligen Könige, abstammender Abkömmling war.  

Was aber ist nun so besonders an Jim Knopf, jener von Michael Ende erfundenen Figur des kraushaarigen liebenswerten Jungen ohne Eltern? Die Antwort ist einfach, aber um so verblüffender: Jim Knopf alias Jemmy Button war ein Reisegefährte von Charles Darwin. Jene Phantasiegestalt Jim Knopf gab es wirklich, im wirklichen Leben hieß sie Jemmy Button und fuhr auf der H.M.S. Beagle mit dem berühmten Forschungsreisenden Charles Darwin nach Feuerland. Jim Knopf alias Jemmy Button, aber bleiben wir doch bei seinem menschlichen Namen Jemmy Button, wenngleich auch dieser nur ein weiteres Pseudonym ist, war ein nach England verschleppter Ureinwohner Feuerlands, welcher, zumindest besagt dies die Legende, für einen Perlmuttknopf von britischen Forschern gekauft wurde. Für einen Knopf, einen Button gekauft, um die damalige sogenannte Zivilisation der vermeintlich fortschrittlichen Kolonialmacht England kennenzulernen und diese Eindrücke später unter den Ureinwohnern Südamerikas weiterzuverbreiten. Der Historiker Nick Hazlewood spricht in seinem Buch “Der Mann, der für einen Knopf verkauft wurde” übrigens vom Eingeborenen-Jungen Orundellico. Erst der Tausch gegen den Perlmuttknopf lässt aus Orundellico Jemmy Knopf werden (siehe Sauseschritt: Die Geschichte Jemmy Buttons). 

Ja, liebe LeserInnen, die Welt zu Anfang des 19. Jahrhunderts war einfach, überschaubar, eingeteilt in grenzenloses Weiss und limitiertes Schwarz. Ein Menschenleben für einen Knopf! Und heute? Ein Druck auf einen roten Knopf im Tausch gegen Millionen Menschenleben. Aber lassen wir das und wenden uns wieder unserem “… Liebling aller…” zu. “… sein Gesichtsausdruck zeigte sogleich sein freundliches Gemüt. Er war fröhlich, lachte oft und war bemerkenswert mitfühlend mit allen, die Schmerzen litten“. Zumindest zeugen die Aufzeichnungen von Charles Darwin in seinem ersten Buch “Die Fahrt der Beagle” davon, dass Jemmy Button von einnehmendem Wesen war.

Was Charles Darwin jedoch nicht beschreibt, ist der weitere Lebensweg der historischen Figur des Jemmy Button und seines Zeichens Vorbild für Michael Ende´s vermeintliches Kinderbuch “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer”. Im November 1859 wurden bei einem Massaker, verübt durch die Yahgan, jenem Eingeborenenstamm, welchem auch Jemmy Button angehörte, acht Missionare getötet. Jemmy Button wurde der Teilnahme an den Morden bezichtigt und verurteilt. Ab jetzt gehen die Meinungen auseinander, wobei sich insbesondere hinsichtlich seines Todes keine wirklichen Details finden. Einzig sein Sterbedatum des Jahres 1864 scheint einigermaßen verbürgt. In einem Zeitungsartikel in der The Patagonia Times über ein Theaterstück mit dem Titel “The story of Jemmy Button, the boy part of a civilization experiment” steht, dass seine Verurteilung durch ein Gericht auf den Malvinas-Islands (Falkland-Inseln) aufgehoben wurde, sein wirkliches Ende bleibt aber auch hier verborgen. Der chilenische Schriftsteller Benjamin Subercaseaux hat dies in seinem 1950 mit dem Literatur- und Wissenschaftspreis “Premio Atenea” gewürdigten Werk “Jemmy Button” ebenfalls nachgereicht. Auch der Artikel in Welt online: Knopf über Bord gibt einen knappen, aber guten Einblick, wie sich zwei vollkommen konträre Welten, gegensätzlich in ihrer Lebensweise und Lebensanschauung, unversöhnlich und unvereinbar gegenüberstanden.

Jemmy Button, ein Junge zwischen den Welten

Tom Maher, Santiago Times

Wenn wir Charles Darwin eines, bei all seinen wissenschaftlichen Entdeckungen und Leistungen, vorhalten und vorwerfen müssen, so ist es die einseitige und deshalb auch lange nachhallende negative Berichterstattung der gewonnen Eindrücke über die Ureinwohner Südamerikas. Lebten zu seiner Zeit noch an die 3000 Angehörige des Stammes der Yahgan, waren es im Jahr 1924 gerade noch 70. Und heute, keine 200 Jahre nach Darwin´s Feuerland-Reise? Die Yahgan sind in den Annalen der Menschheitsgeschichte verschwunden, leben einzig noch weiter in den Aufzeichnungen eines Charles Darwin. So schreibt er etwa beim ersten Zusammentreffen mit dem einheimischen Empfangskomitee:

“Es war ohne alle Ausnahme das merkwürdigste und interessanteste Schauspiel, das ich erblickte: Ich hätte kaum geglaubt, wie groß die Verschiedenheit zwischen wilden und zivilisierten Menschen sei: Sie ist größer als zwischen einem wilden und domestizierten Tier, insofern beim Menschen eine größere Veredelungsfähigkeit vorhanden ist. Ihr einziges Kleidungsstück besteht aus einem aus Guanacohaut gefertigten Mantel, mit den Haaren nach außen. Diesen tragen sie nur über ihre Schulter geworfen und lassen dadurch ihren Körper ebenso oft nackt, als bedeckt. Ihre Haut ist von einer schmutzig kupferigroten Farbe…. Sie ahmen ausgezeichnet nach: sooft wir husteten oder gähnten oder irgendeine eigentümliche Bewegung machten, ahmten sie uns augenblicklich nach. Einer von unserer Gesellschaft fing an zu schielen und von der Seite zu sehen; aber einer der jungen Feuerländer (dessen ganzes Gesicht schwarz gemalt war mit Ausnahme eines weißen Streifens quer über seine Augen) übertraf ihn doch noch und machte noch widerwärtigere Grimassen…”. (”Verkümmerte, elende, unglückliche Geschöpfe” - Charles Darwin und die Feuerländer)

Was aber hat nun unser Jemmy Button mit dem Jim Knopf auf Lummerland gemeinsam? Welche Intentionen wollte Michael Ende mit seiner Geschichte des schwarzen Waisenjungen Jim Knopf ausdrücken, welcher sich gegen Frau Mahlzahn oder die Wilde 13 behaupten musste?

Frau Mahlzahn: Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer in der Augsburger Puppenkiste

Bildquelle: http://www.tv-nostalgie.de/AugsburgerPuppenkiste.htm

Und vor allem das Wichtigste: Wie gelingt der Brückenschlag zwischen einem Kinderbuch und dem Nationalsozialismus, welcher sich den Darwinismus und die Evloutionstheorie als Glaubenslehre für seinen Rassenwahn und die Reinheit der Rassen auserkoren hatte? Dazu möchte ich nun das Wort an Julia Voss übergeben, welcher mit ihrem Artikel “Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie” in der FAZ ein wirklich bemerkens- und deshalb lesenswerter Beitrag und eine Neuinterpretation der in vielen Augen reinen Kindergeschichte über Jim Knopf gelungen ist.  



I will survive in Auschwitz

August 12th, 2010

oder eine Hommage an das (Über)Leben

I will survive in Auschwitz oder “I will survive: Dancing Auschwitz” von Jane Korman und ihrem Vater Adam (Adolek) Kohn, einem Überlebenden des Holocaust

Auch ich muss gestehen, dass ich zuerst ratlos war, als ich zum ersten Mal das Video (siehe unten) der australischen Künstlerin Jane Korman mit dem Titel “I will survive in Auschwitz” oder auch “I will survive: Dancing Auschwitz” sah. Nein, ich war nicht brüskiert, ich war nicht schockiert, war weder angewidert noch empört, sondern eben schlicht und einfach ratlos. 

Es zeigt ihren 89 Jahre alten Vater Adam (Adolek) Kohn im Kreise seiner Enkel, wie er sich vor den grausamsten Relikten der gesamten Menschheitsgeschichte tanzend und lachend im Takt zu Gloria Gaynor´s “I will survive” bewegt. Vom Rost zerfressene Viehwaggons, der Eingangsbereich des KZ Theresienstadt, die grauenvollsten Assoziationen mit dem Holocaust namens Dachau und Auschwitz, überall tanzt sich Adam Kohn mit seinen Enkeln durch die immer gegenwärtige Vergangenheit, zuerst zögerlich und zaghaft, mit jeder weiteren Sekunde des Films aber unbeschwerter, ausgelassener und fröhlicher. Er posiert mit dem Victory-Zeichen vor einem Verbrennungsofen, wie zum Hohn trägt er ein weisses Shirt mit der Aufschrift “Survivor” zur Schau. Seht her, ich bin ein Überlebender jener Vernichtungsmaschinerie, welche Millionen von Menschen zu toten “I will not survive”-Mahnmalen degradiert hat. Adam Kohn hat die Pforten der Konzentrationslager als Lebender, Über-Lebender, wieder verlassen.

Warum bricht Adam Kohn mit jenen Tabus, welche uns die Gesellschaft Tag für Tag diktiert? Weshalb provoziert uns seine Tochter mit einem Kurzvideo, welches den unheilvollen Titel “I will survive in Auschwitz” trägt? Haben seine Enkel keinen Anstand und Sinn für Pietät, dass sie fröhlich und ausgelassen vor den Überbleibseln des Holocaust tanzen?

Nein, Adam Kohn und seine Familie setzen Zeichen. Wo andere nur betreten schweigen, die Vergangenheit möglichst für alle Zeiten ruhen lassen wollen, treten sie feierlich aus dem Schatten heraus und schreien: “Seht her, das verstehen wir unter Vergangenheitsbewältigung! Ihr sagt, wir dürfen nicht tanzen. Wir werden Euch eines Besseren belehren!”

Wer, wenn nicht Adam Kohn selbst, darf seiner Freude über das Leben Ausdruck verleihen? Ist es sittenwidrig, wenn er sich über alle gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzt, anstatt mit gramgebeugtem Haupt heuchlerisch dazustehen und Kränze niederzulegen? Nein, Adam Kohn bricht weder Tabus noch Regeln, er bittet vielmehr jenen zum Tanz, welcher vor mehr als 60 Jahren Solotänzer war, den Tod höchstpersönlich. Nicht feige grausam und hinterlistig blutrünstig wie die braune Brut, sondern schelmisch blinzelnd und verschmitzt zwinkernd.

Möge Adam Kohn noch viele Jahre mit seiner Tochter und seinen Enkeln tanzen. “I will survive in Auschwitz” ist ein kleines Meisterwerk von Jane Korman. Danke!