Eis-Zeit
heißt Stillstand,
doch die Welt dreht sich weiter, muß sich ganz einfach weiterdrehen, ob Sie es wollen oder ich es nicht möchte. Es mutet möglicherweise seltsam an, wie dieser Artikel entstand. Doch es ist, wie es ist und in diesem speziellen Fall war es so und nicht anders.
Ich sitze also wieder einmal zu nachtschlafener Zeit da, so wie Sie es im Moment vielleicht tun und sehe durch ein Fenster den schwarzen Schwingen der Nacht zu, wie sie sich mit leisen Flügelschlägen Minute für Minute davonstehlen, meine so vermeindlich kostbare Zeit des Lebens mitnehmen, unmerklich davontragen, Sekunde für Sekunde, Augenblick für Augenblick. Es ist etwa 2:15 Uhr, die Strassen liegen verlassen da, die wenigen vertrauten Geräusche vermischen sich mit den Klängen von Ludwig Hirsch, welcher mir mit seiner tieftraurigen melancholischen Stimme wohltuende Gesellschaft leistet. Brave ehrenwerte Bürger liegen zuhause in ihren wohlig warmen Betten, lassen den Ärger und Streß des vergangenen Tages vor der Schlafzimmertüre stehen, begraben Streß, Hektik und Unausgelebtes im dichten Daunenwerk, decken sich und ihre unausgegorenen Probleme zu, um zumindest für ein paar Stunden der sorgenreichen Zukunft ihres mühsamen Lebens Lebewohl zu sagen.
Kinder schlafen nebenan in ihren Gitterbetten, die bunten Tapeten verblassen im Licht des Leuchtens und Scheinens der schwachen Zimmerbeleuchtung, welche ihnen das Dunkel ihrer kindlichen Seelenängste aus ihrem kurzgelebten Dasein nimmt. Langsam drehen sich über den kleinen Schlafstätten an unsichtbaren Nylonschnüren befestigte Micky Mäuse, in roter Hose und gelben Schuhen der zweidimensionalen Welt entstiegen, Runde für Runde dauerlachend endlos drehend, stumme Sprechblasen in einer zum Schweigen verdammten Welt. Teddybären und Stoffhasen kuscheln sich an die warmen Körper, mit leblosen weit geöffneten Glaspupillen starren ihre leeren Blicke in die Unendlichkeit der Drehungen von Micky Maus und Donald Duck. Die Töne von “La le lu, nur der Mann im Mond schaut zu” hängen noch in der Luft, hallen vibrierend seufzend verstummt summend nach, während sich zwei Nachtfalter flatternd um das warme Glas der Lampe der Scheinheiligkeit jagen.
Das leuchtende Orange eines Mitarbeiters der Strassenreinigung bewegt sich langsam von Lichtkegel zu Lichtkegel, sein Schatten immer ein paar Schritte vor ihm her eilend, nach allen Seiten schwarzhöhlend schauend, schwarzgestaltig kriechend, schwarztaub hörend. Ratten werden durch die einsamen Schritte aufgeschreckt, ihre farblosen Gestalten huschen Deckung suchend von Mauer zu Mauer, fliehen vor dem nahenden Rauschen, welches unmerklich schonungslos erbarmungslos gnadenlos sein Kommen ankündigt.
Plötzlich dringt ein unbekanntes Geräusch durch das offene Fenster, ein leises Klack-klack, stakkatoartig, sich wiederholend, ein leises Klack-klack schiebt sich in den Vordergrund der nächtlichen Stille. Klack-klack, ein Geräusch ohne Urheber, nicht auszumachen im Dunkel der Strasse. Bis zwei Gestalten sichtbar werden, zwei junge Männer bei näherem Hinsehen, welche sich aus dem Grau der geräuschlosen Grausamkeit herausschälen, um unter einer Straßenlaterne erkennbare Gestalt anzunehmen. Der eine hat sich beim anderen untergehakt, beide lachen, fühlen sich unbeobachtet, hermetisch abgeriegelt in einer Welt voller menschlicher Hermetik, den einsamen Voyeur am Fenster mißachtend. Und wieder dringt dieses leise Klack-klack an mein Ohr, schlängelt sich schwindelnd tänzelnd in meine Gehörgänge, ein weißer Stock tastet sich in mein Blickfeld, erst zögerlich, mit jedem Schritt fordernder, mit jedem Ton tönender, verhöhnender, klack-klack, tack-tack hallt es, Stock auf Asphalt, Asphalt unter Stock, klack-klack, tack-tack.
Einer der beiden jungen Männer ist blind, lachend tastet er sich durch die Finsternis am Arm seines Begleiters, geht ohne Zögern durch seine eigene finstere Welt, der weiße Stock immer ein paar Schritte voraus, trippelnder tippelnder schmaler schwarzkriechender körperloser Schatten in einer tauben stummen blinden vertaubten verstummten verblendeten Schattenwelt.
Ich sehe aus dem Fenster, schaue auf den jungen Mann, sehe auf den weißen Stock in seiner Hand, erblicke das helle Klack-klack, wie es auf dem Beton entlang kriecht, um 2:16 Uhr an einem Montag.
Der blinde Mann schaut sich um, blickt in meine Richtung, schaut gläsern durch Glas geradewegs in mein Auge, sein blickender Blick trifft den meinen, sein schwarzes Licht schneidet sich durch die Schwärze der Nacht, sein weißer Stock erhellt das Grau des Asphalts, sein aufrechter Schatten vereint sich mit dem Weinen des Kindes, unendliches Echo.
Und leise dreht sich Micky Maus am seidenen Faden, tanzt unbarmherzig mit Donald Duck im Kreise, mit gelben Schuhen durch die Schwärze der Nacht. Ein Stoffhase liegt im Gitterbett, schaut aus kalten starren glanzlosen Glaspupillen auf den kalten starren glanzlosen Körper des Kindes, schmiegt sich mit all seiner Leblosigkeit an das leblose Wesen, unendlich traurig verschmolzen sein totes Glas mit dem gebrochenen schwarzen Glas der Augen des Kindes. Und ein Albtraum macht sich auf seinen Weg, wachgeworden vom letzten Seufzer eines Kindes. Ein großer schwarzer Vogel mit eisgrauen zeitlosen Augen und eisernen stählernen Fängen.



