Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken

28.4.2010

Eis-Zeit

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 00:04

heißt Stillstand,
doch die Welt dreht sich weiter, muß sich ganz einfach weiterdrehen, ob Sie es wollen oder ich es nicht möchte. Es mutet möglicherweise seltsam an, wie dieser Artikel entstand. Doch es ist, wie es ist und in diesem speziellen Fall war es so und nicht anders.

Ich sitze also wieder einmal zu nachtschlafener Zeit da, so wie Sie es im Moment vielleicht tun und sehe durch ein Fenster den schwarzen Schwingen der Nacht zu, wie sie sich mit leisen Flügelschlägen Minute für Minute davonstehlen, meine so vermeindlich kostbare Zeit des Lebens mitnehmen, unmerklich davontragen, Sekunde für Sekunde, Augenblick für Augenblick. Es ist etwa 2:15 Uhr, die Strassen liegen verlassen da, die wenigen vertrauten Geräusche vermischen sich mit den Klängen von Ludwig Hirsch, welcher mir mit seiner tieftraurigen melancholischen Stimme wohltuende Gesellschaft leistet. Brave ehrenwerte Bürger liegen zuhause in ihren wohlig warmen Betten, lassen den Ärger und Streß des vergangenen Tages vor der Schlafzimmertüre stehen, begraben Streß, Hektik und Unausgelebtes im dichten Daunenwerk, decken sich und ihre unausgegorenen Probleme zu, um zumindest für ein paar Stunden der sorgenreichen Zukunft ihres mühsamen Lebens Lebewohl zu sagen.

Kinder schlafen nebenan in ihren Gitterbetten, die bunten Tapeten verblassen im Licht des Leuchtens und Scheinens der schwachen Zimmerbeleuchtung, welche ihnen das Dunkel ihrer kindlichen Seelenängste aus ihrem kurzgelebten Dasein nimmt. Langsam drehen sich über den kleinen Schlafstätten an unsichtbaren Nylonschnüren befestigte Micky Mäuse, in roter Hose und gelben Schuhen der zweidimensionalen Welt entstiegen, Runde für Runde dauerlachend endlos drehend, stumme Sprechblasen in einer zum Schweigen verdammten Welt. Teddybären und Stoffhasen kuscheln sich an die warmen Körper, mit leblosen weit geöffneten Glaspupillen starren ihre leeren Blicke in die Unendlichkeit der Drehungen von Micky Maus und Donald Duck. Die Töne von “La le lu, nur der Mann im Mond schaut zu” hängen noch in der Luft, hallen vibrierend seufzend verstummt summend nach, während sich zwei Nachtfalter flatternd um das warme Glas der Lampe der Scheinheiligkeit jagen.

Das leuchtende Orange eines Mitarbeiters der Strassenreinigung bewegt sich langsam von Lichtkegel zu Lichtkegel, sein Schatten immer ein paar Schritte vor ihm her eilend, nach allen Seiten schwarzhöhlend schauend, schwarzgestaltig kriechend, schwarztaub hörend. Ratten werden durch die einsamen Schritte aufgeschreckt, ihre farblosen Gestalten huschen Deckung suchend von Mauer zu Mauer, fliehen vor dem nahenden Rauschen, welches unmerklich schonungslos erbarmungslos gnadenlos sein Kommen ankündigt.          

Plötzlich dringt ein unbekanntes Geräusch durch das offene Fenster, ein leises Klack-klack, stakkatoartig, sich wiederholend, ein leises Klack-klack schiebt sich in den Vordergrund der nächtlichen Stille. Klack-klack, ein Geräusch ohne Urheber, nicht auszumachen im Dunkel der Strasse. Bis zwei Gestalten sichtbar werden, zwei junge Männer bei näherem Hinsehen, welche sich aus dem Grau der geräuschlosen Grausamkeit herausschälen, um unter einer Straßenlaterne erkennbare Gestalt anzunehmen. Der eine hat sich beim anderen untergehakt, beide lachen, fühlen sich unbeobachtet, hermetisch abgeriegelt in einer Welt voller menschlicher Hermetik, den einsamen Voyeur am Fenster mißachtend. Und wieder dringt dieses leise Klack-klack an mein Ohr, schlängelt sich schwindelnd tänzelnd in meine Gehörgänge, ein weißer Stock tastet sich in mein Blickfeld, erst zögerlich, mit jedem Schritt fordernder, mit jedem Ton tönender, verhöhnender, klack-klack, tack-tack hallt es, Stock auf Asphalt, Asphalt unter Stock, klack-klack, tack-tack.

Einer der beiden jungen Männer ist blind, lachend tastet er sich durch die Finsternis am Arm seines Begleiters, geht ohne Zögern durch seine eigene finstere Welt, der weiße Stock immer ein paar Schritte voraus, trippelnder tippelnder schmaler schwarzkriechender körperloser Schatten in einer tauben stummen blinden vertaubten verstummten verblendeten Schattenwelt.

Ich sehe aus dem Fenster, schaue auf den jungen Mann, sehe auf den weißen Stock in seiner Hand, erblicke das helle Klack-klack, wie es auf dem Beton entlang kriecht, um 2:16 Uhr an einem Montag.

Der blinde Mann schaut sich um, blickt in meine Richtung, schaut gläsern durch Glas geradewegs in mein Auge, sein blickender Blick trifft den meinen, sein schwarzes Licht schneidet sich durch die Schwärze der Nacht, sein weißer Stock erhellt das Grau des Asphalts, sein aufrechter Schatten vereint sich mit dem Weinen des Kindes, unendliches Echo.

Und leise dreht sich Micky Maus am seidenen Faden, tanzt unbarmherzig mit Donald Duck im Kreise, mit gelben Schuhen durch die Schwärze der Nacht. Ein Stoffhase liegt im Gitterbett, schaut aus kalten starren glanzlosen Glaspupillen auf den kalten starren glanzlosen Körper des Kindes, schmiegt sich mit all seiner Leblosigkeit an das leblose Wesen, unendlich traurig verschmolzen sein totes Glas mit dem gebrochenen schwarzen Glas der Augen des Kindes. Und ein Albtraum macht sich auf seinen Weg, wachgeworden vom letzten Seufzer eines Kindes. Ein großer schwarzer Vogel mit eisgrauen zeitlosen Augen und eisernen stählernen Fängen.     

St. Anna Kinderkrebshilfe: Spende gegen den großen schwarzen Vogel

22.4.2010

Barbara Rosenkranz wählt Blau-Pause!

Abgelegt unter: Frei-Zeit — Paul Boegle @ 02:21

“Zeit zu gehen!”,

dachte ich, als mich ein Blick auf die Uhr darin bestätigte, daß es wieder einmal soweit war, den beschwerlichen Weg zur Arbeit anzutreten. Also verabschiedete ich mich von Frau und Kind, packte meine sieben Sachen und machte mich auf den Weg zur Schnellbahn. So ging ich meines Weges, dachte nichts Böses, dachte wohl auch nichts Gutes, dachte eigentlich wenig bis überhaupt nichts. Ich setzte Schritt für Schritt, einer links, einer rechts, den einen für Heinz Fischer, den anderen für Barbara Rosenkranz, einen Schritt links, der andere ganz weit rechts.

Für alle jene, die sich dieser Bedeutung meiner linken und rechten Schritte nicht bewußt sind respektive welche zu Heinz Fischer und Barbara Rosenkranz keinen Bezug haben, was ich vollkommmen verstehen kann, da auch ich zu Rosenkranz und Fischer nicht den geringsten Bezug habe, sei angemerkt, daß es sich hierbei um zwei unserer Kandidaten für die Wahl zur österreichischen Bundespräsidentin/zum österreichischen Bundespräsidenten 2010 handelt. Weiterhin muß ich natürlich noch der Form halber betonen, wobei ich selbstverständlich auf die Meinungsfreiheit in unserem Staate vertraue, daß die Tatsache meiner Bezugslosigkeit sowohl zu Heinz Fischer als auch zu Barbara Rosenkranz nicht als Diffamierung verstanden werden soll, sondern daß mein bisheriges Leben ohne persönliche Kontake zu den beiden genannten Personen verlief und mir aus diesem triftigen Grunde jeglicher Bezug zu genannten Persönlichkeiten fehlt. Übrigens, den dritten Kandidaten oder Bewerber für die österreichische Bundspräsidentenwahl 2010, den sehr verehrten Herrn Dr. Rudolf Gehring, muß ich in meinem ganz speziellen Falle außen vor lassen. Auch dies hat weder mit Diffamierung und schon gar nicht mit Diskriminierung zu tun, eigentlich gehört Herrn Dr. Gehring sogar meine geschätzte Hochachtung, schließlich ist er bekennender Christ und vertritt damit immerhin eine Minderheit, aber vor allem eine Weltanschauung, welche dem Begriff der Nächstenliebe in Zeiten wie den unsrigen eine völlig neue Bedeutung gibt. Alleine das wunderschöne Weihnachtslied “Ihr Kinderlein kommet” läßt mich immer wieder von Neuem an die römisch-katholische Kirche und ihre sprichwörtliche Kinderliebe denken, einer ganz und gar schlagkräftigen Liebe zu den Kindern, wie man so manches Mal in den Medien hört, sieht und liest.

Ein Schelm aber auch, wer jetzt denken würde, daß dieses Hören, Sehen und Lesen (Sagen) einen Rückschluß auf die berühmten drei Affen zuließe, welche diesen drei Eigenschaften nicht die geringste Bedeutung zukommen lassen, weit gefehlt! Schließlich wusste sowieso jeder, nun gut, nicht jeder, aber zumindest einige bis einige mehr oder vielleicht auch einige viele, sei es nun vom Hören, Sagen oder Sehen, daß die Institution Kirche dem Thema Kinderliebe besondere Aufmerksamkeit widmet, schenkt und angedeihen läßt. Ganz im Gegensatz zu jenen drei Affen, welche sich unmißverständlich durch bedeutungsvolle Gesten dem Reden, Sehen und Hören verschließen.

Aber das ist wieder ein vollkommen anderes Thema. Ich wollte vielmehr anführen, warum ich Herrn Dr. Rudolf Gehring meine geteilte, ungeteilt schon gar nicht aufgrund der linken und rechten Begleitung in Form von Frau Rosenkranz und Herrn Fischer, Aufmerksamkeit während meines Gehens Richtung Schnellbahn nicht schenken konnte. Der Grund hierfür ist ein trivialer, bei näherer Betrachtung sogar einleuchtender, womöglich für das Lager der Christen sogar erleuchtender. Ich bin ein Vertreter der sogenannten Gattung Homo sapiens, Sie wissen schon, leichtfertig und umgangssprachlich auch als Mensch bezeichnet. Und als solcher obliegt es mir, auf und durch diese Welt auf zwei Füssen zu wandeln, nicht mehr aber, Darwin sei Dank, auch nicht weniger. Und da ich stillschweigend bereits diesen beiden Gehwerkzeugen ihre Aufgaben zugedacht hatte, links wandelt der imaginäre Herr Heinz Fischer, rechts befindet sich Frau Barbara Rosenkranz, war für Herrn Dr. Rudolf Gehring einfach kein Platz mehr. Hätte ich drei Füsse zur Verfügung, hätte ich selbstredend Dr. Gehring gerne in unserer trauten Runde aufgenommen, aber so blieb mir nichts anderes übrig, als ihn zu übergehen. Welch herrliches Wortspiel! Ich ging mit Heinz Fischer zu meiner Linken und Barbara Rosenkranz, die sich rechts befindet und trotz alledem muß ich Dr. Gehring übergehen.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich ein Dramolett daraus machen, aber es hat sich der leider viel zu früh verstorbene Thomas Bernhard schon mit seinem Stück “Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ bereits dieser Idee bedient. So ziehe ich also den möglicherweise voreiligen Schluß, daß Dr. Gehring mit uns, also mit Heinz Fischer zu meiner Linken und Barbara Rosenkranz, welche rechts steht und natürlich auch rechts geht, mit uns nicht wird Schritt halten können. Nebenbei bemerkt, welch wunderbares Getier muß ein Tausendfüßler sein, nicht daß er unbedingt derer tausend Füße sein eigen nennen darf, aber zumindest kann er sich neben roten Lackschuhen, blauen Stiefeln und gelben Sandalen auch schwarze High-Heels oder grüne Turnschuhe anziehen, immer vorausgesetzt, sie stehen zum Abverkauf. Aber gut, lassen wir den dezimierten Tausendfüßler weiter seiner Wege ziehen und halten wir wieder Schritt mit unserer kleinen Gruppe.    

Ich befinde mich nun, nach vielen Metern des imaginären Wandelns mit Heinz Fischer zu meiner Linken und Barbara Rosenkranz, welche auf den letzten Metern noch etwas weiter rechts steht und natürlich auch geht, Dr. Gehring wandelt in dieser Zeit in der Mitte seiner rechten Glaubensgemeinschaft der Christen, verfolgt uns sozusagen auf Schritt und Tritt, man könnte in diesem speziellen Falle durchaus von einer regelrechten Christenverfolgung sprechen, ohne dies werten zu wollen, also ich befinde mich endlich am Ziel meines Begehrens, der Schnellbahn. Zufälligerweise schreiben wir Sonntag, den 25. April 2010 Anno Domini oder, um Herrn Dr. Rudolf Gehring nun doch noch ein gewisses Maß an Ehrerbietung entgegenzubringen, wir haben Sonntag, den 25. April 2010 Anno Domini Nostri Iesu Christi. Es ist der Tag des Herrn, selbstredend ist es auch der Tag der Dame, schließlich stehen nicht nur die Herren Fischer und Gehring zur Disposition, sondern ebenfalls Frau Rosenkranz.

Von weitem schon höre ich fröhliches Lachen, freue mich innerlich, bald mir freundlich gesinnte Menschen zu sehen. Und siehe da! Schon werde ich ihrer gewahr. Vier junge Menschen, welche mir mit entwaffnendem Charme eine kleine Grußbotschaft hinhalten. Schon will ich begierig zugreifen, denn mit der kredenzten Botschaft wird mir ebenfalls ein Kugelschreiber als Präsent hingehalten. Was gibt es Schöneres für einen Mann des Schreibens als ein dafür benötigtes Werkzeug, und dieses gratis, kostenlos und umsonst? Doch irgend etwas läßt mich zögern. Ich weiß nicht, was es ist? Vielleicht Heinz Fischer zu meiner Linken, aber möglicherweise auch die mich verfolgenden Christen mit ihrem Dr. Gehring in ihrer gläubigen Mitte, keinesfalls jedoch Barbara Rosenkranz, die immer brav rechts bleibt, am rechten Rand, schließlich befinden wir uns alle gemeinsam am Rande einer verkehrsreichen Strasse und da ist Vorsicht geboten, um nicht unter die Räder zu kommen. Die jungen Menschen tragen alle entzückende Pullover und auf jedem dieser entzückenden Kleidungsstücke prangt in entzückend blauer Schrift FPÖ. Ich glaube sogar, mich erinnern zu können, daß dieses FPÖ auf der rechten Seite aufgedruckt war, ziemlich weit rechts, wie mir jetzt nach längerem Nachdenken wieder einfällt, eigentlich ganz rechts war dieses FPÖ aufgedruckt, wie mir nach noch viel intensiverem Sinnieren und Stracheieren wieder einfällt. Ich zucke also unmerklich zurück, meine rechte Hand will sich zwar begierig nach vorne schieben, will diesen schreibenden Strohhalm ergreifen und triumphierend von dannen ziehen, aber von links bekomme ich gehörig eine auf die Finger. Haben Sie übrigens die beiden Wörter Sinnieren und Stracheieren bemerkt, welche ich verwendet habe? Beiden ist die Endung “…ieren” gemein, das eine beginnt mit Sinn, das andere mit Strache, fragen sie mich jetzt allerdings nicht, ob dies in irgendeinem kausalen Zusammenhang steht. 

Ich lasse also die leere Hülle mit lauer Tinte, den Kugelschreiber meine ich, was denn sonst, sein und schaue betrten zu Boden. Beleidigt murmle ich etwas von “Entschuldigung, aber ich bin Anal-Phabet, die Betonung natürlich auf der zweiten Silbe, also An-Alphabet!” Vom Hörensagen glaube ich, daß man dieses Wort sogar Analphabet schreibt, also zusammen, sicher bin ich mir aber jetzt nicht. Also lasse ich den schönen neuen blauen Kugelschreiber sowohl links als auch rechts liegen, besteige alleine die Schnellbahn und höre noch, wie Heinz Fischer zu Barbara Rosenkranz sagt: “Also, dem geb ich sicherlich nicht meine Stimme. Da wähl ich lieber weiß!” Und bevor sich die Türen schließen, werde ich noch der Worte von Barbara gewahr, wie sie erwidert: “Weiß der Teufel, oh, Entschuldigung Rudolf, wie der jemals sein Kreuz ohne meinen schönen blauen Kugelchreiber machen will. Dem bleibt wirklich nichts anderes übrig als weiß zu wählen!”

Jetzt sitze ich also in der Schnellbahn, still ist es, die Füße schmerzen gehörig, sowohl der linke als auch der rechte. Und im Schritt, also zwischen den Beinen, sozusagen in der Mitte, tut es auch gehörig weh. Aber zumindest habe ich eine weiße Weste. Ich bin noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen, obwohl ich schon schwarz gesehen habe, weil ich Angst hatte, rot sehen zu müssen. Aber dafür gibt schließlich überhaupt keine Grün(de).       

21.4.2010

Meinungsfreiheit - freie Meinung?

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 22:14

Lauthals schreien oder leise treten?

Paul Bögle: Meinungs-frei oder Meinungsfreiheit?Jeder sollte eine Meinung haben, seine Meinung, womöglich gar seine eigene freie Meinung! Impliziert aber diese freie Meinung auch Meinungsfreiheit? Steht das Recht auf Meinungsfreiheit auch für die Äußerung der eigenen, der freien Meinung? Oder unterliegen wir doch wieder gewissen Zwängen, welche uns in bestimmte Meinungskanäle hineinspülen, d.h. unterwandern wir selbst unser Recht auf freie Meinung, in dem wir auf unser verbürgtes Recht auf Meinungsfreiheit verzichten, sei es aus gesellschaftlichen, von der Gesellschaft genormten, politischen oder vielleicht aus ganz persönlichen Gründen? Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bzw. der Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskommision (EMRK) definiert diesen Grundsatz auf Meinungsfreiheit im folgenden Wortlaut:

Jeder Mensch hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung
Dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

(siehe z.B. Informationsplattform humanrights.ch)

Dieses Recht auf freie Meinungsäußerung unterliegt selbstverständlich gewissen Restriktionen, deren Einhaltung sicherlich in den meisten Fällen schon anhand des eigenen moralischen Empfindens garantiert ist. Die Qualität gewisser ethischer Regeln wird uns einerseits bereits durch Erziehung und Bildung, zu deren Einhaltung wir uns meist stillschweigend verpflichten bzw. deren Regeln wir “erlernen”, andererseits bestimmen aber wohl ebenso bestimmte normative Größen unsere Selektion von “Ja, das ist konform!” bzw. “Nein, dies darf ich unter keinen Umständen!”
Per definitionem ist diese Einhaltung bestimmter Pflichten zur Erhaltung dieses elementaren Grundrechts in Artikel 10 Absatz 2 der EMRK geregelt:
Die Ausübung dieser Freiheiten ist mit Pflichten und Verantwortung verbunden; sie kann daher Formvorschriften, Bedingungen, Einschränkungen oder Strafdrohungen unterworfen werden, die gesetzlich vorgesehen und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig sind für die nationale Sicherheit, die territoriale Unversehrtheit oder die öffentliche Sicherheit, zur Aufrechterhaltung der Ordnung oder zur Verhütung von Straftaten, zum Schutz der Gesundheit oder der Moral, zum Schutz des guten Rufes oder der Rechte anderer, zur Verhinderung der Verbreitung vertraulicher Informationen oder zur Wahrung der Autorität und der Unparteilichkeit der Rechtsprechung.
Nur derjenige Mensch, welcher sich diesen Regeln zur Einhaltung und besonders auch zur Erhaltung dieses subjektiven Rechts unterwirft, kann sich auch auf deren Anwendung im eigenen Falle berufen. Des besseren Verständnisses wegen soll hierbei auf eine Unterscheidung von Staat und Mensch verzichtet werden, d.h. wo die Mechanismen der Einhaltung der Meinungsfreiheit für das Individuum, den Einzelnen greifen, werden diese a priori für die Institution Staat ebenfalls vorausgesetzt und umgekehrt.

Kann ich mich als Individuum dementsprechend, unter der Prämisse der Einhaltung dieser Regeln, auf der Erfüllung berufen? Darf ich im Rahmen dieser Möglichkeiten meine freie Meinung äußern und gleichzeitig auf mein Recht auf Meinungsfreiheit pochen? Muß ich mich vor Repressalien fürchten, sollte die von mir geäußerte Meinung nicht der gewünschten Meinungsfreiheit einer autoritären Staatsmacht entsprechen? Habe ich mit Sanktionen zu rechnen von jenen regimetreuen Meinungsmachern, welche partout nicht meine eigene, meine freie Meinung, womöglich die Meinung einer Minderheit, vertreten sehen wollen? Wird meine Meinung vielleicht sogar mit Füssen getreten, werde ich mit Füssen getreten, sollte ich äußern, wo keine Äußerung erwünscht ist. Werde ich bei Zuwiderhandlung mundtot gemacht, werde ich möglicherweise sogar nicht nur mundtot gemacht?
Nein, sehr verehrte Leserschaft, nichts von alledem kann Ihnen passieren! Wir leben in demokratischen Staaten. Jeder darf sagen, was er möchte. Alle dürfen laut denken, ohne Kompromisse, ohne Furcht, ohne Angst, ohne Wenn und Aber, vorausgesetzt, bestimmte Konventionen werden erfüllt. Wohlgemerkt, Artikel 10 Absatz 2 der EMRK spricht von der …Ausübung dieser Freiheiten…in einer demokratischen Gesellschaft…. Glaubensfreiheit und Gewissensfreiheit als Individualrechte sind zwingend notwendig, das Individuum als solches zu schützen und wohl auch zu bewahren. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind Grundrechte, welche uns die Chance eröffnen, auf politischer Ebene am Entscheidungsfindungsprozess mitzuwirken, welcher die Allgemeinheit betrifft und folglich unabdingbar für das Funktionieren jeder Demokratie notwendig ist.
Meinungsfreiheit wird heutzutage, in der weit vorangeschrittenen posthumanistischen Zeit der Aufklärung, welche immerhin schon die Gedanken der griechischen Antike aufgriff, in demokratischen Staaten großgeschrieben. Nein, natürlich nicht im Sinne von Großschreibung, also “Meinungsfreiheit” statt “meinungsfreiheit”, sondern Meinungsfreiheit wird gelebt.
Sie wird in Zimbabwe gelebt (Zimbabwe: Leere Versprechen zur Meinungsfreiheit), sie wird in China praktiziert (Liu Xiaobo zu elf Jahre Haft verurteilt), die Meinungsfreiheit wird in Nordkorea und Eritrea (unabhängige Medien komplett ausgeschlossen) geradezu vergöttert (“Weltrangliste” unfreier Presse: Turkmenen, Nordkorea, Eritrea) und in Birma und Turkmenistan wird großen Teilen der Bevölkerung der Zugang zum Internet völlig verwehrt, natürlich immer im Sinne der Meinungsfreiheit. Doch was nun auf den ersten Blick als Kontrollmechanismen nur einiger weniger totalitärer Staaten erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung sicherlich als Folgeerscheinung des allmächtigen Mediums Internet in seiner Gesamtheit. Ein Erklärungsversuch, wie dies zu verstehen ist, gerade im Hinblick darauf, das Internet als gezieltes Mittel der Demagogie, möglicher politischer und sozialer Einflußnahme sowie Steuerung vorgefertigter Meinungen zu instrumentalisieren, ist gerade in Vorbereitung und wirdim Laufe der nächsten Wochen veröffentlicht. Besonderes Augenmerk lege ich dabei auf das gezielte Streuen von Gerüchten, einem sozialwissenschaftlichen und philosophischen Phänomen, welches in der virtuellen Welt Internet zu erstaunlichen und teilweise sogar bedenklichen Ergebnissen führt.
Denn diese Problematik erfasst mittlerweile nicht nur Staaten, welche aufgrund der tagtäglichen Medienberichte in aller Munde sind, sondern vielmehr verschlechtert sich diese Situation der in den Grundrechten verankerten Medien- und Pressefreiheit in jenen Demokratien, welche gemeinhin als Vorbilder der Wahrung dieser Menschenrechte angesehen werden. Die von Reporter ohne Grenzen jährlich veröffentlichte Rangliste der Pressefreiheit weltweit sieht demnach auch weitere Tendenzen dafür, daß sich gerade europäische Mächte wie Frankreich, Italien oder insbesondere die Slowakei im Gegensatz zum Vorjahr deutlich verschlechtert haben (siehe Rangliste der Pressefreiheit 2009: Vorreiterrolle der europäischen Staaten in Gefahr).
Abschließend sei deshalb eines gesagt: Das Recht auf die eigene freie Meinung, unser aller Recht auf Meinungsfreiheit wird nur solange als existentes immaterielles Gut und möglicherweise manches Mal sogar notwendiges Übel angesehen, solange wir uns nicht damit konfrontiert sehen, auf dieses Recht verzichten zu müssen. Meinungsfreiheit geht uns alle an, denn nur wer für die eigene Meinung eintritt, besitzt die Möglichkeit, eigene Ideen zu kommunizieren, fremde Gedanken zu diskutieren und öffentlich zu hinterfragen sowie gesellschaftlich zu interagieren. Gerade ich als Blogger habe mitunter große Möglichkeiten, als sogenannter Meinungsmacher zu fungieren, da die eigene Sichtweise bestimmter Dinge einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Aber diese Chance ist ebenfalls auch mit einer gewissen Verantwortung verbunden. Blogger sollen nicht leise treten, denn leise treten bedeutet in den meisten Fällen auch auf der Stelle treten. Blogger dürfen aber ebenso wenig nicht nur lauthals schreien, denn Schreien bedeutet verlieren. Ein gesundes Mittelmaß, ohne jedoch im Mittelmaß zu versinken. Ein Konsens zwischen laut und leise, laut genug, um nicht überhört zu werden, aber auch wiederum so leise, um nicht bedrohlich zu wirken.

20.4.2010

Tote Zeit

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 03:40

Er schaute sich im Zimmer um. Die Sonne schien mit ihren unverschämten Strahlen durch das von Autoabgasen und toten Insekten verdreckte Fenster. Ein leiser Windhauch bewegte den vergilbten nikotingelben Vorhang. Sein Blick fiel auf eines der unzähligen Brandlöcher, mit gezackten Rändern erwiderte es seinen Blick aus einem braunen toten kalten erloschenen unförmigen Auge. Andere Brandlöcher gesellten sich hinzu, aus Dutzenden leerer brauner toter erloschener unförmiger Augen starrten sie ihn an, machten sich über seine Nacktheit lustig, tuschelten lautlos über seinen erigierten Penis, dessen Kontur sich unter der Decke als weiche Pyramide abzeichnete. Draußen hörte er die Straßenbahn vorbeirumpeln, kreischend drangen die Bremsen in seine Abgeschiedenheit, bahnten sich schmerzend ihren Weg in seine Gehörgänge, rüttelten an seinem Trommelfell. Ungeduldig hupten sich Autos ihren Weg frei, während die Straßenbahn mit einem letzten Seufzer endgültig zum Stehen kam und die Fahrgäste aus den sich zäh öffnenden schmatzenden Türen spie. Kinder drängten sich vor den Türen, drängelten mit überladenen Schulranzen an älteren Frauen mit Einkaufstaschen vorbei, um sich einen Platz in der überfüllten Bahn zu sichern. Ein Mann mit riesigen Schweißflecken unter seinen Achseln versperrte demonstativ den Weg, sein Atem roch nach Bier und kaltem Zigarettenrauch, während auf seiner Stirn dicke Schweißperlen standen. Der Schweiß unter seinen Achseln färbte sein rot-grün-weiß gestreiftes Hemd mit zwei unregelmäßig dunklen Flecken. Sein Atem roch säuerlich, während er die Schulkinder aus roten blutunterlaufenen Augen feindselig anstarrte, welche sich in den hinteren Teil des Waggons zurückzogen.

Er lag immer noch auf seinem schmutzigen Bett, ein übelriechender Schwall kroch unter der Bettdecke hervor, als er sich auf die Seite drehte, um nach den Zigaretten auf seinem Nachttisch zu angeln. Er würgte einige Male, sein Mund war trocken, die Zunge klebte am Gaumen. Er fand weder Zigaretten noch Feuerzeug, als er seine Hand tastend über den kleinen braunen hölzernen Tisch bewegte, ohne hinzuschauen. Mit einem lauten Geräusch fiel der Aschenbecher zu Boden, verstreute den übervollen Inhalt aus kalter Asche und Zigarettenfiltern auf dem fleckigen Fußboden. Seufzend hielt er in der Bewegung inne, verbarg seinen Kopf im Kopfkissen und blieb so einige Sekunden lang regungslos liegen. Draußen hörte er die Straßenbahn, wie sie sich ächzend aufmachte, Schulkinder, Einkaufstaschen schleppende Frauen und schwitzende unrasierte stinkende vom Alkoholdunst benebelte Männer weiterzutragen.

Er spürte, daß er noch eine Socke trug. Seine Zunge löste sich nur widerwillig von seinem ausgedörrten Gaumen, während er überlegte, wo die verdammten Zigaretten waren. Das einzige, was er noch zu wissen glaubte, war, daß er sie, als er torkelnd auf sein Bett zusteuerte, auf das Nachttischchen warf. Doch da waren sie nicht. Seufzend hob er den Kopf, sah sich im Zimmer um. Als er sie neben dem Bett auf dem Boden sah, das Feuerzeug wenige Zentimeter neben der zerknitterten Packung liegend, robbte er bäuchlings darauf zu, streifte die störende Socke ab, dabei stützte er sich mit einer Hand auf den kalten rötlichbraunen fleckigen Fliesen ab. Als er endlich eine Zigarette aus dem Päckchen fischte und sie mit zitternden Fingern anzündete, spürte er den wohlbekannten stechenden Schmerz in seinen Schläfen. Gerade als er das Stechen mit einer Hand herausmassieren wollte, fiel sein Blick auf seine Hand. Verkrustetes Blut zeichnete die Hügel seiner Fingerknöchel nach, als er plötzlich den Schmerz in der rechten Hand spürte. Mit einem leisen Zischen verließ der Zigarettenrauch seinen schmerzverzerrten Mund. Langsam ballte er seine Finger zu einer Faust, drehte sie in alle Richtungen und besah sich die zerschundenen Fingerknöchel, welche sich langsam weiß verfärbten. Gedankenverloren öffnete und schloß er seine Hand, dachte über die vergangene Nacht nach, um letztendlich zum Schluß zu kommen, daß er wahrscheinlich in eine Schlägerei verwickelt war. Wieder einmal, dachte er emotionslos, ohne sich jedoch an Zeit, Ort und Gegner erinnern zu können.

Seine letzte Schlägerei, welche ihm sein stechendes Gehirn nach längerem Nachdenken, den Rauch durch die Nase ausblasend, preisgab, lag gerade zwei Tage zurück. Oder lag dies bereits drei Tage zurück? Wieder seufzte er, die Erinnerung wollte sich einfach nicht einstellen. Darüber nachdenkend, hörte er das zufriedene Brummen zweier Wespen, welche über den eingetrockneten Resten einer Pizza auf dem neben dem Fenster stehenden Tisch tanzten kreisten sangen summten. Unwirsch blickte er auf die beiden Störenfriede, die sich in trägen Bewegungen über der weißen Verpackung aus Pappkarton hin und her links und rechts auf und nieder vor und zurück bewegten. Plötzlich verstummte das Geräusch. Mißmutig sah er den Insektenleibern zu, wie sie über die Salamireste krochen. Er konnte förmlich die mahlenden Essgeräusche der kleinen Insektenkiefer hören. Wieder nahm er einen tiefen Zug, seine Lungen brannten vom übermäßigen Nikotin der letzten ausgelöschten vergessenen Stunden. Der unerträgliche Durst meldete sich wieder, schonungslos schrie er nach Befriedigung.

Er überlegte, ob er onanieren sollte, aber der stechende Schmerz seines Kopfes überwog die Lust. Mit beiden Füssen strampelte er die Decke von sich, sah an sich hinunter und betrachtete die Socke, welche sich am Ende seines Bettes befand. Sein erigiertes Glied stand als Fremdkörper zwischen ihm und der Socke, versperrte ihm die Sicht. Mechanisch wollte er die Zigarette im Aschenbecher ausdrücken, erst im letzten Moment wurde ihm bewußt, daß dieser nicht am üblichen Platz stand. Die frische Asche hatte ihre Spuren im dreckigen Laken hinterlassen, vermischte sich mit den anderen schwarz-grauen Spuren früherer Zigaretten. Vorsichtig drehte er sich ein zweites Mal auf die Seite, versuchte den Aschenbecher zu erreichen, welcher aber spurlos unter dem Nachttisch verschwunden war. Seine Finger schmerzten, als er den Rest der Zigarette auf den schmutzigen Fliesen ausdrückte.

Langsam erhob er sich, setzte sich bedächtig auf, um seinen Kopf nicht zu neuerlichen Schmerzen anzuregen. Mit gesenktem Kopf saß er da, seine Handballen rieben sich die pochenden Schläfen. Ein altbekanntes Schwindelgefühl stellte sich ein, untrügliches Zeichen einer durchzechten Nacht. Der Durst meldete jetzt unablässig seine Ansprüche an, er schluckte ein paar Mal, um den Speichelfluß anzuregen. Dann sah er sich in seinem Zimmer um.

Seine Jeans lag auf den Fliesen vor der Türe, das Innere nach außen gekrempelt. Daneben lag die zweite Socke, ebenfalls verkehrt. Kleingeld lag überall verstreut auf dem Boden, Zigaretten mit geknickten Filtern daneben. Als er sich nach seinem T-Shirt, welches neben dem Bett lag, bückte, sah er die großen eingetrockneten Blutflecken. “Können sicher nicht von mir sein”, dachte er gleichgültig, während er das Kleidungsstück wieder auf die kalten dreckigen schmutzigen Fliesen warf. Mit unsicheren Schritten erhob er sich, ging nackt auf die Toilette, um bei offener Türe zu urinieren. Danach beugte er sich über das Waschbecken, ließ kaltes Wasser laufen und trank aus der hohlen Hand. Vorsichtig wusch er sich das verkrustete Blut ab, er sog immer wieder die Luft geräuschvoll ein und zuckte unter den Schmerzen.

Sein Gesicht blickte ihn im Spiegel an. Mit ausdruckslosen Augen sah er in sein Innerstes, blickte in sein Ebenbild hinein, welches ihn mit ebensolchen gefühllosen kalten Augen fixierte. So hielt er seinem eigenen Blick stand, wie ein Boxer kurz vor Beginn des Kampfes stand er da, unfähig, den Blick vom Gegner zu wenden. Einschüchternd drohend standhaltend niemals nachgebend zwang er sein Gegenüber in die Knie, den Blick in den seines Kontrahenten bohrend befahl er ihm, befahl er sich selbst wegzublicken, niederzublicken, die Augen beschämt zu senken. Er war der Sieger, wieder hatte er gewonnen, ein erneutes Mal unbezwungen, einen weiteren Kampf erfolgreich beendet. Niemand kommte ihm standhalten, seinem Blick, nicht einmal sein eigenes Spiegelbild.

Zufrieden sah er seine Faust an, ballte sie unter Schmerzen. Das Weiße trat auf den Knöcheln hervor, blutleere Höcker auf einer Siegerhand, seiner Siegerhand. Langsam zog er sich an, fischte sich ein T-Shirt aus dem Berg schmutziger Wäsche, roch kurz daran, um es sich dann überzustreifen. Er sammelte die Münzen ein, nahm das Feuerzeug und die restlichen Zigaretten vom Nachttisch. Eine weitere Straßenbahn kreischte durch das Glas der Fenster, sein Blick fiel auf die beiden Wespen. Langsam hob er den Deckel der Schachtel, um ihn in einem 90-Grad zu den Resten der Pizza verharren zu lassen. Seine Hand zitterte, das Zittern übertrug sich auf den Deckel, schwappte in leisen Wellen auf den Tisch über, nahm vollkommen Besitz von ihm, erregte ihn auf seltsame Art. Sein Glied erigierte, als er den Deckel mit einer schnellen Bewegung auf die beiden Insekten niederschlug. So verharrte er für einen Moment, sah durch die von Abgasen und toten Insekten dreckigen Scheiben, sein Blick traf sich mit seinem verschwommenen Spiegelbild. Wieder fraß sich sein Blick in sein Gegenüber, trotzig wollte es ihm standhalten, wollte ihn besiegen, wollte ihn erniedrigen. Seine Augen begannen zu glühen, Zorn loderte durch die Brandlöcher des verschlissenen Vorhangs, verschmolz mit dem Kreischen der Bremsen, langsam verbrannte sein gläserner Schatten im verzehrenden Feuer seiner selbst. Sein Blick senkte sich, während er den Deckel von den Resten der Pizza hob. Die beiden schwarz-gelben Körper lagen zusammengepresst auf den vertrockneten Salamischeiben, aus ihren dicken Leibern quollen die kleinen weißen Eingeweide, vermischten sich auf seltsam faszinierende Weise mit der tiefroten Oberfläche.   

Zufrieden öffnete er die Türe, blickte auf den finsteren Gang hinaus und zog sie hinter sich zu.                 

19.4.2010

Freie Zeit

Abgelegt unter: Frei-Zeit — Paul Boegle @ 22:08

Freie Zeit ist online

Nun habe ich mich doch dazu durchgerungen, neben meinem Flaggschiff Bio Natur - Der Weblog und weiteren Webprojekten einen weiteren Minensucher in die virtuellen Weiten des Internets vom Stapel zu lassen. Sie stellen die weniger berühmte, doch umso berüchtigtere Frage: “Warum bitte noch ein Blog bei der heutigen Blog-Inflation?” Keine Frage, eine gute Frage!

Es ist ganz einfach die Zeit gekommen, all jenen Themenbereichen und Gedanken, welche abseits von Bio und Natur durch meine freien Gehirnwindungen wandeln, rasen und oftmals nicht die “Kurve kriegen”, einen Teil meiner Aufmerksamkeit, sozusagen meiner freien Zeit zu schenken. Der Blog “Freie Zeit” wird deshalb auch, anders als mein bereits erwähntes Flaggschiff, wesentlich kommerzieller ausgerichtet sein. Nein, wird er natürlich nicht. Würde ich zwar gerne, doch irgendwie fehlt mir hierzu das Talent. Also habe ich mich entschlossen, möglichst vielen Menschen, und Sie glauben ja gar nicht, wieviele Wesen diesen manches Mal doch sehr anrüchigen Titel für sich beanspruchen, ich gehe selbstverständlich mit bestem Beispiel voran, also ich habe mich deshalb entschlossen, Ihnen Ihre kostbare Zeit zu stehlen.

Ich bin Ihr ganz persönlicher Zeitstehler, ein sadistischer Zeitnehmer. Ich bin jener Zeitdieb, welcher sich in Ihre sorgsam gehütete Freizeit schleicht und dort im Verborgenen Sekunde für Sekunde Ihres Lebens zu meinem eigenen macht. Aber gleichermaßen gebe ich auch. Ich bin ein Zeitgeber, ein kleiner Zeitteiler, sozusagen teile ich meine Teilzeit mit Ihnen, bin nicht nur Zeitteiler, sondern auch Teilzeitler.

Sie sitzen stumm da, erschlagen und erledigt? Sie fragen: “Was will er, dieser gnomenhafte Mensch der Zeit, dieser winzige Zeitmensch? Warum gewaltsam an der Uhr drehen, wenn sich diese doch auch ohne unser Zutun weiterdreht! Will er Zeit gewinnen? Doch wozu, wo doch jeder Zeitgewinn mit Zeitverlust einhergeht! Möchte er womöglich der Zeit ein Schnippchen schlagen? Dann wäre er möglicherweise eine Zeiten-Schnäppchenjäger! Oder ist er einer jener ominösen Zeitfrevler, welcher einzig und allein Zeit schinden will? Jener sagenumwobenene Zeit-Schinder-Hannes! Ich bin nichts davon und doch wiederum auch alles. Und ich bin noch wesentlich mehr, doch vordergründig bleibe ich ein nichtsnutziger Zeitdieb!    

Es soll hierbei gleich an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, verheimlichen läßt sich diese Tatsache auf Dauer gesehen sowieso nicht, daß ich mehr und mehr mein ursprüngliches Hobby Schreiben zu einem zweiten finanziellen Standbein forcieren und ausbauen möchte. Da ich jedoch meinen Hauptblog nicht mit solch trivialen Dingen belasten möchte, was bleibt als Alternative?

Richtig, der Aufbau eines neuen Blogs mit dem viel- und doch wiederum nichtssagenden Titel “Freie Zeit”. So bleibt mir letztendlich, sozusagen als Abschluß eines Neubeginns nur noch eines: Ich heiße mich selbst herzlich willkommen mit “Freie Zeit” und hoffe, daß ich Ihnen die eine oder andere Minute Ihre eigenen freie Zeit vielleicht stehlen darf.

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