Tote Zeit
Er schaute sich im Zimmer um. Die Sonne schien mit ihren unverschämten Strahlen durch das von Autoabgasen und toten Insekten verdreckte Fenster. Ein leiser Windhauch bewegte den vergilbten nikotingelben Vorhang. Sein Blick fiel auf eines der unzähligen Brandlöcher, mit gezackten Rändern erwiderte es seinen Blick aus einem braunen toten kalten erloschenen unförmigen Auge. Andere Brandlöcher gesellten sich hinzu, aus Dutzenden leerer brauner toter erloschener unförmiger Augen starrten sie ihn an, machten sich über seine Nacktheit lustig, tuschelten lautlos über seinen erigierten Penis, dessen Kontur sich unter der Decke als weiche Pyramide abzeichnete. Draußen hörte er die Straßenbahn vorbeirumpeln, kreischend drangen die Bremsen in seine Abgeschiedenheit, bahnten sich schmerzend ihren Weg in seine Gehörgänge, rüttelten an seinem Trommelfell. Ungeduldig hupten sich Autos ihren Weg frei, während die Straßenbahn mit einem letzten Seufzer endgültig zum Stehen kam und die Fahrgäste aus den sich zäh öffnenden schmatzenden Türen spie. Kinder drängten sich vor den Türen, drängelten mit überladenen Schulranzen an älteren Frauen mit Einkaufstaschen vorbei, um sich einen Platz in der überfüllten Bahn zu sichern. Ein Mann mit riesigen Schweißflecken unter seinen Achseln versperrte demonstativ den Weg, sein Atem roch nach Bier und kaltem Zigarettenrauch, während auf seiner Stirn dicke Schweißperlen standen. Der Schweiß unter seinen Achseln färbte sein rot-grün-weiß gestreiftes Hemd mit zwei unregelmäßig dunklen Flecken. Sein Atem roch säuerlich, während er die Schulkinder aus roten blutunterlaufenen Augen feindselig anstarrte, welche sich in den hinteren Teil des Waggons zurückzogen.
Er lag immer noch auf seinem schmutzigen Bett, ein übelriechender Schwall kroch unter der Bettdecke hervor, als er sich auf die Seite drehte, um nach den Zigaretten auf seinem Nachttisch zu angeln. Er würgte einige Male, sein Mund war trocken, die Zunge klebte am Gaumen. Er fand weder Zigaretten noch Feuerzeug, als er seine Hand tastend über den kleinen braunen hölzernen Tisch bewegte, ohne hinzuschauen. Mit einem lauten Geräusch fiel der Aschenbecher zu Boden, verstreute den übervollen Inhalt aus kalter Asche und Zigarettenfiltern auf dem fleckigen Fußboden. Seufzend hielt er in der Bewegung inne, verbarg seinen Kopf im Kopfkissen und blieb so einige Sekunden lang regungslos liegen. Draußen hörte er die Straßenbahn, wie sie sich ächzend aufmachte, Schulkinder, Einkaufstaschen schleppende Frauen und schwitzende unrasierte stinkende vom Alkoholdunst benebelte Männer weiterzutragen.
Er spürte, daß er noch eine Socke trug. Seine Zunge löste sich nur widerwillig von seinem ausgedörrten Gaumen, während er überlegte, wo die verdammten Zigaretten waren. Das einzige, was er noch zu wissen glaubte, war, daß er sie, als er torkelnd auf sein Bett zusteuerte, auf das Nachttischchen warf. Doch da waren sie nicht. Seufzend hob er den Kopf, sah sich im Zimmer um. Als er sie neben dem Bett auf dem Boden sah, das Feuerzeug wenige Zentimeter neben der zerknitterten Packung liegend, robbte er bäuchlings darauf zu, streifte die störende Socke ab, dabei stützte er sich mit einer Hand auf den kalten rötlichbraunen fleckigen Fliesen ab. Als er endlich eine Zigarette aus dem Päckchen fischte und sie mit zitternden Fingern anzündete, spürte er den wohlbekannten stechenden Schmerz in seinen Schläfen. Gerade als er das Stechen mit einer Hand herausmassieren wollte, fiel sein Blick auf seine Hand. Verkrustetes Blut zeichnete die Hügel seiner Fingerknöchel nach, als er plötzlich den Schmerz in der rechten Hand spürte. Mit einem leisen Zischen verließ der Zigarettenrauch seinen schmerzverzerrten Mund. Langsam ballte er seine Finger zu einer Faust, drehte sie in alle Richtungen und besah sich die zerschundenen Fingerknöchel, welche sich langsam weiß verfärbten. Gedankenverloren öffnete und schloß er seine Hand, dachte über die vergangene Nacht nach, um letztendlich zum Schluß zu kommen, daß er wahrscheinlich in eine Schlägerei verwickelt war. Wieder einmal, dachte er emotionslos, ohne sich jedoch an Zeit, Ort und Gegner erinnern zu können.
Seine letzte Schlägerei, welche ihm sein stechendes Gehirn nach längerem Nachdenken, den Rauch durch die Nase ausblasend, preisgab, lag gerade zwei Tage zurück. Oder lag dies bereits drei Tage zurück? Wieder seufzte er, die Erinnerung wollte sich einfach nicht einstellen. Darüber nachdenkend, hörte er das zufriedene Brummen zweier Wespen, welche über den eingetrockneten Resten einer Pizza auf dem neben dem Fenster stehenden Tisch tanzten kreisten sangen summten. Unwirsch blickte er auf die beiden Störenfriede, die sich in trägen Bewegungen über der weißen Verpackung aus Pappkarton hin und her links und rechts auf und nieder vor und zurück bewegten. Plötzlich verstummte das Geräusch. Mißmutig sah er den Insektenleibern zu, wie sie über die Salamireste krochen. Er konnte förmlich die mahlenden Essgeräusche der kleinen Insektenkiefer hören. Wieder nahm er einen tiefen Zug, seine Lungen brannten vom übermäßigen Nikotin der letzten ausgelöschten vergessenen Stunden. Der unerträgliche Durst meldete sich wieder, schonungslos schrie er nach Befriedigung.
Er überlegte, ob er onanieren sollte, aber der stechende Schmerz seines Kopfes überwog die Lust. Mit beiden Füssen strampelte er die Decke von sich, sah an sich hinunter und betrachtete die Socke, welche sich am Ende seines Bettes befand. Sein erigiertes Glied stand als Fremdkörper zwischen ihm und der Socke, versperrte ihm die Sicht. Mechanisch wollte er die Zigarette im Aschenbecher ausdrücken, erst im letzten Moment wurde ihm bewußt, daß dieser nicht am üblichen Platz stand. Die frische Asche hatte ihre Spuren im dreckigen Laken hinterlassen, vermischte sich mit den anderen schwarz-grauen Spuren früherer Zigaretten. Vorsichtig drehte er sich ein zweites Mal auf die Seite, versuchte den Aschenbecher zu erreichen, welcher aber spurlos unter dem Nachttisch verschwunden war. Seine Finger schmerzten, als er den Rest der Zigarette auf den schmutzigen Fliesen ausdrückte.
Langsam erhob er sich, setzte sich bedächtig auf, um seinen Kopf nicht zu neuerlichen Schmerzen anzuregen. Mit gesenktem Kopf saß er da, seine Handballen rieben sich die pochenden Schläfen. Ein altbekanntes Schwindelgefühl stellte sich ein, untrügliches Zeichen einer durchzechten Nacht. Der Durst meldete jetzt unablässig seine Ansprüche an, er schluckte ein paar Mal, um den Speichelfluß anzuregen. Dann sah er sich in seinem Zimmer um.
Seine Jeans lag auf den Fliesen vor der Türe, das Innere nach außen gekrempelt. Daneben lag die zweite Socke, ebenfalls verkehrt. Kleingeld lag überall verstreut auf dem Boden, Zigaretten mit geknickten Filtern daneben. Als er sich nach seinem T-Shirt, welches neben dem Bett lag, bückte, sah er die großen eingetrockneten Blutflecken. “Können sicher nicht von mir sein”, dachte er gleichgültig, während er das Kleidungsstück wieder auf die kalten dreckigen schmutzigen Fliesen warf. Mit unsicheren Schritten erhob er sich, ging nackt auf die Toilette, um bei offener Türe zu urinieren. Danach beugte er sich über das Waschbecken, ließ kaltes Wasser laufen und trank aus der hohlen Hand. Vorsichtig wusch er sich das verkrustete Blut ab, er sog immer wieder die Luft geräuschvoll ein und zuckte unter den Schmerzen.
Sein Gesicht blickte ihn im Spiegel an. Mit ausdruckslosen Augen sah er in sein Innerstes, blickte in sein Ebenbild hinein, welches ihn mit ebensolchen gefühllosen kalten Augen fixierte. So hielt er seinem eigenen Blick stand, wie ein Boxer kurz vor Beginn des Kampfes stand er da, unfähig, den Blick vom Gegner zu wenden. Einschüchternd drohend standhaltend niemals nachgebend zwang er sein Gegenüber in die Knie, den Blick in den seines Kontrahenten bohrend befahl er ihm, befahl er sich selbst wegzublicken, niederzublicken, die Augen beschämt zu senken. Er war der Sieger, wieder hatte er gewonnen, ein erneutes Mal unbezwungen, einen weiteren Kampf erfolgreich beendet. Niemand kommte ihm standhalten, seinem Blick, nicht einmal sein eigenes Spiegelbild.
Zufrieden sah er seine Faust an, ballte sie unter Schmerzen. Das Weiße trat auf den Knöcheln hervor, blutleere Höcker auf einer Siegerhand, seiner Siegerhand. Langsam zog er sich an, fischte sich ein T-Shirt aus dem Berg schmutziger Wäsche, roch kurz daran, um es sich dann überzustreifen. Er sammelte die Münzen ein, nahm das Feuerzeug und die restlichen Zigaretten vom Nachttisch. Eine weitere Straßenbahn kreischte durch das Glas der Fenster, sein Blick fiel auf die beiden Wespen. Langsam hob er den Deckel der Schachtel, um ihn in einem 90-Grad zu den Resten der Pizza verharren zu lassen. Seine Hand zitterte, das Zittern übertrug sich auf den Deckel, schwappte in leisen Wellen auf den Tisch über, nahm vollkommen Besitz von ihm, erregte ihn auf seltsame Art. Sein Glied erigierte, als er den Deckel mit einer schnellen Bewegung auf die beiden Insekten niederschlug. So verharrte er für einen Moment, sah durch die von Abgasen und toten Insekten dreckigen Scheiben, sein Blick traf sich mit seinem verschwommenen Spiegelbild. Wieder fraß sich sein Blick in sein Gegenüber, trotzig wollte es ihm standhalten, wollte ihn besiegen, wollte ihn erniedrigen. Seine Augen begannen zu glühen, Zorn loderte durch die Brandlöcher des verschlissenen Vorhangs, verschmolz mit dem Kreischen der Bremsen, langsam verbrannte sein gläserner Schatten im verzehrenden Feuer seiner selbst. Sein Blick senkte sich, während er den Deckel von den Resten der Pizza hob. Die beiden schwarz-gelben Körper lagen zusammengepresst auf den vertrockneten Salamischeiben, aus ihren dicken Leibern quollen die kleinen weißen Eingeweide, vermischten sich auf seltsam faszinierende Weise mit der tiefroten Oberfläche.
Zufrieden öffnete er die Türe, blickte auf den finsteren Gang hinaus und zog sie hinter sich zu.

