Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken

26.5.2010

Auszeit…(3. Teil: Das große Sterben)

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 22:53

Wir nähern uns heute gemeinsam dem Ende unserer tragischen Geschichte um die traurigen Helden O. und W., zwei vom Leben nicht gerade übervorteilte Kreaturen, Gestalten und im Verborgenen lebende Wesen, keine Lichtgestalten, sondern Schattenwesen, aber dazu am Ende dieser Geschichte mehr. Wer sich erst jetzt in die Kurztrilogie mit dem Titel “Auszeit” eingefunden hat, den möchte ich bitten, natürlich nur des besseren Verständnisses wegen, sich in die Vergangenheit zu begeben, und die beiden ersten Teile Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke) und danach Auszeit…(2. Teil: Der Plan) zu lesen. Für alle anderen geht es nun dort weiter, wo sich O. und W. zuletzt befanden, nämlich in W.´s armseliger Behausung.  

Ein ums andere Mal trat O. auf den Mantelsaum, nur mühsam konnte er sein Gleichgewicht halten, mit ein Grund waren möglicherweise auch die sieben LSD-Tabletten, welche er zur Beruhigung zwanzig Minuten vorher nahm, ein Vorschuß des Dealers seines Vertrauens, wobei O. mittlerweile, streng genommen, keine großen Optionen in der Wahl seiner Drogenlieferanten offen standen. Der weiße Bart rutschte ihm andauernd nach oben, verdeckte die ohnehin schon vernebelten Augen bis zur Gänze, wobei ihm mit jedem Atemzug ein Schwall an eingetrocknetem Erbrochenen entgegenströmte, welches sich aus der flaumigen ehemals weißen kindlichen Illusion heiler Welt löste und in kleinen Krümeln langsam in sein Hemd rieselte. Der große Sack, welche für die Beute gedacht war, hatte ein riesiges und mehrere kleine Löcher, ausgerfranste Überbleibsel von vier Flaschen Cognac, welche nach W.´s letztem Arbeitstag ihren illegalen Weg in den Sack fanden und eigentlich für eine Betriebsfeier gedacht waren. O. hatte behelfsmäßig einige Streifen Isolierband über das größte der Löcher geklebt, aber aufgrund der rauhen Oberfläche lösten sich bereits nach wenigen Augenblicken die Ränder.

Ursprünglich waren es sechs volle Flaschen. Feinster französischer Cognac, für die verwöhnten Gaumen der in fröhlicher Weihnachtsstimmung befindlichen Damen und Herren jener Firma bestimmt, welche ihn gebucht hatte, woher sie seine Adresse hatten, wusste er bis heute noch nicht, aber er durfte in Zeiten wie diesen nicht mehr wählerisch sein. In einem unbemerkten Augenblick griff W. zu, packte sozusagen die Gelegenheit auf eine mindestens zwei Tage andauernde Volltrunkenheit beim Schopf und ließ die sechs mit der bernsteinfarbenen verführerisch glitzernden Flüssigkeit gefüllten Flaschen im großen Sack seines sachlichen und von Nüchternheit und einem Hang zum Pragmatismus, sah man von seinem Dauerrauschzustand einmal ab, geprägten Lebens verschwinden. Sein Auftritt war ein voller Erfolg, denn trotz seiner Volltrunkenheit schaffte er es, zwar lallend und unter dem Gelächter der Anwesenden, sein “Hohoho, von draussssn, vomm Lald komm ich, hohoho” aufzusagen. Danach kam sein Redefluß für einen kurzen Moment ins Stocken, mühsam sah er sich unter den Gästen um, bis sein Blick auf ein riesiges Mosaik fiel, welches an irgendwelche Höhlenmalereien erinnerte. Orange- und Brauntöne dominierten das Wandrelief und plötzlich, einer inneren Eingebung folgend, führte W. seinen Zeigefinger zur Nase, blickte mit verklärtem Blick auf die bräunlich-gelbe Fingerspitze und begann mit langsam kreisenden Bewegungen, Figuren in die Luft zu malen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er mühsam sagte: “Das ist Rrurudi, mmein Scheiß-Rentier! Undd dasss issst eine rrode Nassse! Abba die gehöhört mir, ihr Aschlööcher!” Als ihn sanft, doch bestimmt kräftige Arme an beiden Seiten packten, versuchte er sich loszuschütteln. Doch der Druck wurde stärker und so verließ er unter lautem Protest, der sich in “Ihr Ssscheiß-Aschlööcher!” äußerte, die Empfangshalle.

Als ihm der kalte Wind der nächtlichen Stadt mit eiserner schneeweißer Faust in sein aufgedunsenes Gesicht schlug, stellte er den Sack, in welchem sich Attrappen bunter Geschenke befanden, so heftig auf der betonierten Insel seiner Einsamkeit ab, daß vier der sechs Flaschen voller Schmerz aufschrien und im nächsten Moment bereits ihr hochprozentiges Blut über den Gehsteig sickerte. W. versuchte zu retten, was zu retten war. Mit bloßen Händen griff er in den Tumult schiffbrüchiger Scherben, grub sich bis zu den beiden eingeschlossenen Überlebenden vor und packte beherzt und mit blutverschmierten Fingern zu. Die ausgelaufene Flüssigkeit brannte in den Schnittwunden, welche ihm die in ihrer Agonie verharrenden Flaschenhälse zufügten, aus toten scharf gezackten Schlündern schrien sie ihm seine Zukunft in sein gefrorenes Gesicht, gruben sich in die speicheltriefende weiße Illusion ein, um ihn letztendlich alleine in der Welt voller hohler Geschenke und billiger bunter nichtssagender Verpackungen zurückzulassen.   

Doch während O. in einer Art Hassliebe mit dem zu großen Kostüm verschmolzen war, konnte sich W. mit dem von O. ausgeliehenen Kostüm ebenfalls überhaupt nicht anfreunden. Immer wieder verhedderte sich der buschige Stummelschwanz zwischen seinen Beinen, rieb sich an seinem After, vermischte sich mit den Ausdünstungen und brachte ihn ein ums andere Mal fast zu Fall, wobei bei genauerer Überlegung auch die zwei Flaschen Selbstgebrannter ihre Wirkung nicht verfehlen mochten, welche er sich zur Beruhigung innerhalb von 52 Minuten einflößte. Die engen Ärmel schnürten ihm das Blut oberhalb der Ellbogen ab, packten ihn mit ihren unbarmherzigen Zangen aus braunem Stoff und pumpten ihre 36,5 °C warme rote Brühe aus seiner mit Brachialgewalt angereicherten Gefühlslosigkeit. Immer wieder versuchte er durch schnelles Schütteln der Arme die eingeschlafenen Gliedmaßen zum Leben zu erwecken, schüttelte die lähmende Leere seines Gehirns polternd nach links und rechts. Die flauschigen Hosenbeine verdeckten kaum seine Knöchel, aber bei jedem Schritt zwickte die enge Hose in seiner stinkenden gottlosen Genitalität, trieb den verdorrten Samen in die Kanäle vergangener Fortpflanzungsbereitschaft und trieb einen riesigen Pfropfen zwischen sich und einen längst vergessenen Zeugungsakt. Nach vier oder fünf Schritten griff sich W. jedesmal zwischen seine Beine, um die drückenden Hoden mit Daumen und Zeigefinger aus ihrer Beengtheit zu befreien.

Es war bereits dunkel, als sie vorsichtig die Wohnung verließen. Sich nach allen Seiten umschauend, schlugen sie den Weg zur Got Tistot-Bank ein, welche seit zwei Jahren eine große Filiale gleich um die Ecke betrieb. Menschen hasteten tief vermummt an ihnen vorüber, manche schauten erstaunt die beiden Gestalten an, welche sich durch das einsetzende Schneetreiben an ihnen vorbeidrängten, ohne ihnen jedoch weiter Beachtung zu schenken. Die Temperaturen waren wieder unter die Null-Grad-Grenze gesunken, ein eiskalter Nordwind zeigte den beiden seine kälteste Schulter. “Scheiße”, fluchte W. plötzlich leise, als sie bereits die ersten hellerleuchteten Fenster der Bank vor sich im dämmrigen Licht der Straßenbeleuchtung sahen. O. blickte ihn sorgenvoll und mißtrauisch von der Seite an, die Schnapsfahne war sogar sprichwörtlich gegen den Wind zu riechen. “Was ist?”, wollte O. wissen, als W. plötzlich stehen blieb und fieberhaft sein enges Kostüm abtastete, ohne zu finden, was er suchte. “Ich hab die Pistole auf dem Tisch liegen lassen”, sagte er kleinlaut, ohne O. dabei anzublicken. O. suchte in seinem wabernden, vom LSD benebelten Hirn nach der Bedeutung des Wortes Pistole, als sich endlich, nach einigen Sekunden intensiven Nachdenkens, der Begriff mit dem dazugehörigen Bild einstellte. “Ich glaub´s nicht! Du bist wirklich das dümmste, versoffenste Arschloch! Und mit so einem Trottel geh ich Banken knacken! Kein Wunder, daß Du bis zum 24. nicht fertig wirst! Also das ganze noch einmal von vorne. Los, hol die verdammte Spritzpistole, bevor Dir noch Dein gottverdammtes Hirn komplett einfriert!” O. schrie die letzten beiden Sätze, ohne auf die vorbeieilenden Passanten zu achten, welche sich neugierig nach den beiden umdrehten, aber aufgrund der beißenden Kälte ihre Schritte nicht verlangsamten. “Geht nicht, der Hausschlüssel liegt auch zuhause!”, W. wich zwei Meter zur Seite, um sich, wenn nötig, in Sicherheit bringen zu können. O. stand wortlos da, überlegte wieder einige Augenblicke, um dann unbeirrt seinen Weg fortzusetzen. Langsam folgte ihm W., murmelte etwas von “Kein Wunder, wenn nichts zu trinken da ist, wie soll ich da denken!”

Vor dem Haupteingang der Bank drehte sich O. um, verfing sich zum x-ten Male im viel zu langen roten Mantel, dessen Saum von der nassen Straße bereits völlig durchweicht und schmutzig braun war. Er wartete geduldig auf W., der mit langsamen und unsicheren Schritten auf ihn zuwankte, ohne ihn anzusehen. “Also, wie besprochen. Wir gehen beide rein, Du bleibst beim Eingang stehen, laß am besten eine Hand unter dem Kostüm, das schaut dann wie eine Pistole aus. Ich geh´nach vorne, hol die Kohle und wir sind schon wieder weg, ehe die überhaupt wissen, was los is´. Verstanden?” Noch bevor W. antworten konnte, stieg er stolpernd die Treppe zum Haupteingang hinauf, während W. zum letzten Mal mit Daumen und Zeigefinger das viel zu enge Kostüm aus seinen Hoden fischte und sich ausgiebig die eingetrockneten Exkremente aus der Furche seines Hintern kratzte. Danach führte er die Hand zur Nase, roch ausgiebig daran und beschloß im Stillen, wieder einmal zu duschen.

Was O. und W. in diesem Moment nicht sahen, war ein schwerfälliger gepanzerter Wagen, welcher sich in den abendlichen Verkehr der Stadt einfädelte, um die Einnahmen der Bank in die Hauptfiliale zu bringen. Vier schwerbewaffnete Männer saßen schweigend mit kugelsicheren Westen im Inneren und freuten sich, in einer Stunde zuhause bei ihren Familien den Abend verbringen zu dürfen. So stolperten die beiden in den Schalterrraum der Bank und gerade, als sich O. mit erhobener Waffe zu den Schaltern begeben wollte, trat W. auf den viel zu langen roten vom Schnee der Straße schwer gewordenen Mantel von O.. Ruckartig wurde O. in der Vorwärtsbewegung gestoppt, mit einem lauten Fluchen fiel er nach hinten, die schwarze Plastikpistole entglitt seiner Hand und mit einem scheppernden Geräusch schlitterte sie etwa drei Meter in den Schalterrraum der Bank.

Die Gespräche der Kunden verstummten, Bankangestellte hörten auf, Geldscheine zu zählen, andere blickten verwundert von ihren Computern auf. Ein junges Paar, welches gerade einen Wohnkredit zu völlig überhöhten Zinsen unterschreiben wollte, drehte sich um, die junge Frau erblickte die Waffe und mit einem spitzen Schrei lenkte sie die Blicke der Anwesenden auf den schwarzen Gegenstand, welcher nun einsam bedrohlich mitten im Raum lag. Geistesgegenwärtig drückte eine Frau einen unter einem Tisch versteckten Alarmknopf und ebenso geistesgegenwärtig stieß O. seinen einzigen Freund im Leben zum Ausgang hin, robbte zu der am Boden liegenden Waffe und richtete diese auf ein unbestimmtes Ziel im Raum. Sekundenlang herrschte Schweigen, Menschen starrten auf die Waffe, O. starrte auf die Menschen und W. starrte auf O.. Dann, nach unendlich langen zäh verrinnenden Sekunden begann O. zu sprechen: “Ddies iiist ein Üüberfall! HäHäHände hoch!” Dutzende Male hatte er sich diese zwei Sätze zurechtgelegt, auf dem Weg von W.´s Wohnung bis zur Bank immer wieder vor sich hingesprochen. Und jetzt stand er da, stotternd und zitternd. Eine alte Frau mit einer weinroten Wollhaube verlor das Interesse an ihm, bückte sich zu ihrem Yorkshire-Terrier, welcher sie aus verblödeten Augen und mit heraushängender rosa Zunge, eine hellblaue Plastikmasche zwischen den Ohren, anblickte, und tätschelte ihn mit ruhiger Hand. Dann erhob sie sich wieder und mit ihrer Fistelstimme sagte sie zu der Bankangestellten: “Haben Sie schon die Polizei angerufen? Weil Daisy hat Hunger und ich muß noch einkaufen!” Die junge Frau blickte sie aus entsetzten Augen an, schüttelte unmerklich und mit weit aufgerissenen Augen den Kopf und machte sich hinter der kleinen alten Frau noch kleiner. Glitzernd lagen kleine Schneekristalle auf der roten Wollhaube, schmolzen unendlich langsam durch das Leben der versammelten Menschen, um schließlich durch die warme Röte in die Schädeldecke der alten Frau einzudringen und ihre schmelzenden Körpern mit den Gedanken der Alten zu vereinigen. O. schüttelte ebenfalls seinen Kopf, resigniert und heimlich W. verfluchend ging er mit langsamen Schritten auf die erste kleine Schlange vor einem der Schalter zu. W. kratzte sich gedankenverloren an seinem Hintern, befühlte die verkrusteten Spuren eingetrockneter Exkremente in seiner Unterhose, welche er durch das dünne Kostüm ertastete und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, ob der Wasserhahn seiner Dusche tropfte. Wieder führte er die Hand zur Nase, beroch sie ausgiebig und beschloß, mit dem Duschen noch bis morgen zu warten, denn ihm fiel ein, daß er kein Duschgel, Seife oder sonstiges zuhause hatte, das fehlende warme Wasser aufgrund unbezahlter Rechnungen ignorierte er schon seit langer Zeit. Erst brauchte er einen ordentlichen Schluck Selbstgebrannten und gleichzeitig dachte er, während er sehnsüchtig mit der Zunge schnalzte: “Scheiß Welt, die geht mir voll auf den Sack!”

Zwischen Drücken des stillen Alarms, immer noch verschwendeten weder O. noch W. einen einzigen Gedanken an Flucht, und der nun sabbernden und verständnislos aus blöden Augen glotzenden Daisy waren kaum 90 Sekunden vergangen, aber schon hörten alle Anwesenden die Polizeisirenen, welche rasend schnell näher kamen. Erste helle blaue Lichtblitze, welche sich als verschwommene Irrlichter ihren Weg durch die großen Fenster in den Schalterraum bahnten, kündigten das Kommen der Polizei an, schleuderten erst zaghaft, dann immer vehementer ihr Blau in die Bank. Wieder schüttelte O. resigniert seinen Kopf, verwünschte seinen einzigen Freund und blieb plötzlich stehen. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung, wünschte sich sehnlichst eine kleine Spur Kokain, nur soviel, um wieder klar denken zu können. Oder wenigstens seine Opiumpfeife oder zumindest einen Zug aus einem schönen Joint, nur einen einzigen Zug. Aber so musste er improvisieren, musste zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wahrscheinlich sogar seit Jahrhunderten, dachte er pathetisch, ein Problem ohne Drogen lösen. “Scheiß Welt, die geht mir voll auf die Eier!”, dachte er insgeheim und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart, wo ein orgiastisches Konzert an kreischendem Blau Einzug in das Leben der Anwesenden hielt.         

Und dann hatte er eine Idee und mit dieser Idee beschloß das Verhängnis, zum Grande Finale anzusetzen. Als allerletzten Ausweg, eigentlich war jedoch alles schon zu spät, nahmen sie drei Geiseln. Zu allem entschlossen, aber letztendlich mit dem Rücken zur Wand stehend, der Fluchtweg abgeschnitten, das Geld verloren, drängte O. drei Bankkunden, welche gerade heimlich hinter seinem Rücken die Bank verlassen wollten, mit der Spielzeugpistole Richtung Ausgang. Die einzige Genugtuung bestand darin, daß es sich um die großen Drei handelte, wie O. jetzt erkannte, welche gerade ihre redlich verdienten Einnahmen aus ihren Auslandsgeschäften auf die Bank trugen. “Setzen!”, herrschte er die großen Drei an, die ihn aus verständnislosen Augen anblickten. “Setzen!”, schrie er und richtete die Waffe auf den Kopf des vordersten. Langsam ließen sie sich nieder, während alle anderen ihrem Beispiel folgen wollten. “Nein, stehen bleiben!”, schrie O. in die Runde und sah nicht, daß sich auch W. hinter seinem Rücken setzen wollte. Alle hielten in der Bewegung inne und langsam erhoben sie sich wieder, auch die großen Drei. “Nein, Ihr setzt Euch und alle anderen bleiben stehen!”. Die Verzweiflung stand in O.´s Gesicht, während er mit seiner Pistole, wie ein Dirigent sein Orchester, den Taktstock auf und nieder schlug. “Sie, herkommen!” winkte er die alte Frau mit der weinroten Wollmütze und der blöd schauenden Daisy zu sich her. “Sie gehen jetzt da raus”, er deutete mit der Spielzeugpistole Richtung Ausgang. “Und dann erzählen Sie den Bullen, daß wir bewaffnet sind und jede Stunde eine der Geiseln erschießen werden. Und dann sagen Sie, daß wir ein Fluchtauto brauchen. Die sollen es direkt vor der Bank hinstellen. Und dann, dann, ja dann melde ich mich. Also, raus jetzt!” “Komm Daisy, der nette Herr hat gesagt, wir dürfen nach Hause gehen.” “Nein, Sie sollen den Bullen sagen, daß wir ein Auto brauchen. Und wenn nicht, erschießen wir die Leute. Wissen Sie was, der Hund bleibt da. Den kriegen Sie wieder, wenn das Auto vor der Türe steht.”

Mit einer schnellen Bewegung riß O. der alten Frau die Leine aus der Hand, schob sie vor sich her, zerrte den röchelnden Hund rücksichtslos hinter sich her und, ehe sie noch etwas erwidern konnte, deutete er W., die Türe zu öffnen und schob sie, selbst rückwärts gehend, vor die Bank. Dann schloß er die Türe selbst, sah resigniert auf seinen einzigen Freund und überlegte gleichzeitig, ob der junge Bankangestellte, der mit dem glasigen Blick, wohl auf Drogen war und vielleicht noch etwas übrig hatte. Währendessen roch W. beim Hinausgehen anerkennend die Schnapsfahne der alten Frau und überlegte, ob sie möglicherweise in ihrer Handtasche einen kleinen Flachmann versteckt hatte.

Die Verhandlungen zogen sich nun schon seit Stunden dahin. Doch sie verliefen ohne nennenswerte Ergebnisse. Forderungen wurden gestellt, Versprechen gemacht, Zusagen nicht eingehalten, weitere Forderungen gestellt, scheinbar endlos und ewig drehten sich die Parteien im Kreis, belauerten sich, tasteten die Grenzen ab, ohne jedoch einen gemeinsamen Nenner zu finden.  

Von den umliegenden Dächern zielten Scharfschützen auf die beiden Bankräuber, welche jedoch geschickt hinter ihren Geiseln standen und Deckung suchten. Die zähen Verhandlungen wurden fortgeführt, welche jedoch mit Fortdauer der Nacht in eine Sackgasse führten. O. und W., welche von den großen Drei sofort erkannt wurden, mussten sich als Dilettanten verhöhnen lassen. “Ihr könnt ja noch nicht einmal kleine Kinder bestehlen, ihr Versager!”, waren noch die freundlichsten Worte, welche die großen Drei für sie übrig hatten. O. und W. hatten mittlerweile sämtliche Bankangestellte und die Kunden aus ihrer Geiselhaft entlassen, alleine blieben sie mit ihren drei Geiseln in dem großen neonbeleuchteten Schalterrraum zurück. Plötzlich, die Wirkung des LSD hatte nachgelassen, kam O. auf die Idee, die drei Geiseln zu durchsuchen. Zwei kleinkalibrige Waffen, mehrere Schlagringe, ein paar Goldstücke sowie zwei kleine Plastikbeutel mit undefinierbaren Substanzen kamen zum Vorschein, als W. mit seinen schweren Händen die Kleidung der Geiseln abklopfte. Sofort öffnete O. die beiden Beutel, in der Hoffnung auf neue bewußtseinserweiternde Hilfsmittel, welche sich positiv auf sein Seelenleben und in weiterer Folge natürlich auf ihre aussichtslose Lage auswirken konnten. Doch zu seiner Enttäuschung handelte es sich nur um ein klebriges Harz und irgendwelche Räucherstäbchen, deren Duft ihn an die Kirche erinnerten, eine Vorstellung, die ihn frösteln ließ.

Trotzdem fletschte er seine großen vorstehenden Schneidezähne, höhnisch blickte er auf die nun zusammengesunkenen Gestalten vor ihm, die jetzt ihrer letzten Hoffnung beraubt waren. “Na, ihr kleinen Arschlöcher, und jetzt blasen wir euch euer Scheißhirn aus eurem Scheißschädel!” W. hatte sich währendessen zu einem der Fenster begeben, vorsichtig schaute er auf die Straße, welche vom Widerschein der unzähligen Blaulichter bizarr erleuchtet war. Sein Kopf begann zu schmerzen, als er daran erinnert wurde, daß er nun bereits seit Stunden nichts mehr Vernünftiges getrunken hatte. Er dachte sehnsüchtig an einen Liter Selbstgebrannten, während ihm die Zunge am fauligen stinkenden Gaumen klebte. Das Fluchtfahrzeug war direkt vor der Bank abgestellt worden, ein Polizist entfernte sich gerade mit erhobenen Händen vom Wagen.

Gedankenverloren sang er leise einen Refrain eines Liedes vor sich hin, immer wieder murmelte er “Je ne regrette rien!” Den Rest des Textes hatte er aus seinem Gedächtnis katapultiert, genauso wie den Namen des Interpreten. Oder war es eine Sängerin? Er wusste es nicht mehr, dachte nur daran, daß ihm die Melodie gefiel. Mit der rechten Hand schlug er den Takt der Melodie dazu, bedächtig und der Situation angemessen. Dann löste sich ein Schuß. Die Pistole, welche W. in der rechten Hand hielt, war ungesichert. Die Kugel schlug mit einem lauten Knall in der Schädeldecke einer der Geiseln ein, grub sich hinter der Stirn ein, überhalb des oberen Nasenraumes schaufelte sich das Projektil mit schnellen Bewegungen einen geraden schmalen Kanal durch den Hypothalamus, räumte kleine Mengen des Stirnlappens fein säuberlich auf die Seite, um endlich im Stammhirn seine rasende glühende Fahrt zu stoppen. Wortlos kippte der sitzende Körper zur Seite, fiel auf den sauberen Granitboden, um dort regungslos liegenzubleiben. Kleine rote Spritzer kokettierten mit dem glänzenden Stein, langsam züngelnd kroch eine dünne rote Natter aus dem kreisrunden Loch des Toten, räkelte sich lüstern auf der harten Oberfläche, obszön beschienen von der gelblichen Neonbeleuchtung. Das grüne Licht einer Notbeleuchtung gesellte sich hinzu, blickte neugierig von oben über die Schulter des Schützen auf den Leichnam, um sogleich wieder mit dem flackernden Blaulicht der Einsatzfahrzeuge zu tanzen.    

So hob das große Sterben an, ein Blutvergießen sondergleichen. Im Kugelhagel starb einer nach dem anderen, sank nieder oder starb im Sitzen, von der heißen Glut der Projektile großkalibriger Waffen getroffen, welche durch die gläserne Leichtigkeit der Scheiben berstend in den weichen Körpern einschlugen. Von Kugeln durchbohrt, taumelnd, mit schwindelerregenden Kreisen, die erstaunten Münder erstaunt geöffnet, stumm mit den grünen und blauen Lichtern tanzend, Pirouetten drehend, baten sie zum Tanze. Sie liebkosten das Blei, welches pfeifend nach ihren Gedärmen suchte, engumschlungen sein heißes Stahl in Nieren und Leber füllte, Rippen splitternd sprengte und die breiigen Gedanken, welche viel zu lange schon hinter den Schädeln nach Freiheit schrien, aufbegehrten gegen ihr Gefangensein, langsam und zäh fließend über den blanken harten Stein ergoß.

Ich lasse Sie nun wieder einmal allein, kehre aber noch ein allerletztes Mal zurück, um Ihnen in einem kurzen Epilog die ganze Tragweite dieser Geschichte näherzubringen. Bis dahin sage respektive schreibe ich zum wiederholten Male: Bleiben Sie mir gewogen!

Ihr Paul Bögle

22.5.2010

Give a KISS to AC/DC…

Abgelegt unter: Frei-Zeit — Paul Boegle @ 02:21

…oder das erbärmliche Leben eines Lärm-Junkies!

Sie müssen sich höchstwahrscheinlich nach meinem letzten Artikel (siehe Wer Zeit hat…) denken, daß Sie es mit einem rastlosen Zeit-Genossen par excellence zu tun haben. Und soll ich Ihnen etwas sagen: “Da liegen Sie nicht einmal falsch, um nicht sogar zu sagen, voll ins Schwarze meiner ebensolchen Seele getroffen!” Ich bin so von Zeitlosigkeit getrieben, daß ich mich in jenen finsteren Abgründen bewege, nein geradezu suhle, daß es schon gotterbärmlich wäre, wenn denn ein solcher sich meiner erbarmen könnte, was ich natürlich, frei nach Kant´s kategorischem Imperativ, für ausgeschlossen halte.

Und deshalb habe ich nichts zu befürchten. Ich kann mich in meiner Welt aus Gehörstürzen und satanischem Liedgut so frei bewegen, wie es meine alten Gehörgänge zulassen. Denn Sie haben selbstverständlich ein Recht darauf zu erfahren, was ich mit jener Zeit, welche Sie mir gütigerweise so reichhaltig schenken, anfange. Also, um bei der Wahrheit zu bleiben, und was sollte mir ferner liegen als Ihnen die volle Wahrheit lauthals und vor allem lautstark ins Gesicht zu schmettern, ich tausche die gewonnene und geschenkte Zeit um. Ja, liebe Leserschaft, ich bin ein treuer Anhänger der Tauschwirtschaft.

Kaum habe ich mehrere Stunden Zeit angesammelt, mühsam und mit Ihrer dankenswerten Unterstützung angespart, fange ich schon an, die Sekunden, Minuten und Stunden zu zählen. Ich bin kein Kostverächter, ich zähle jede Sekunde meines Lebens, welche mir zur Verfügung steht, da können Sie sicher sein. Wer also nur wenige Sekunden Zeit zur Verfügung, natürlich zu meiner Verfügung hat, immer her damit, ich nehme einfach alles. Ja, und dann, wie bereits gesagt, fange ich an, alles zusammenzurechnen, fein säuberlich addiere ich, was ich an Zeit so angespart habe. Und wenn ich genügend für mein Vorhaben angesammelt habe, renne ich, was das Zeug hergibt. Ich renne nicht im Sinne von Fortbewegen, also von Punkt A nach Punkt B, warum auch, ich habe schließlich nichts gestohlen, nun gut, sieht man einmal von jener Zeit ab, welche ich Ihnen gestohlen habe, so wie auch jetzt im Moment, falls Sie es schon bemerkt haben. Falls nicht, bleiben Sie noch etwas bei mir, Sie wissen ja, ich bin nicht wählerisch, wenn es um Zeitgewinn geht.

Aber zurück zum Thema. Also, ich beginne meine freie Zeit zu tauschen. Nicht, wie sich vielleicht manch eine(r) jetzt vorstellt, daß ich Zeit gegen Muscheln tausche oder möglicherweise sogar gegen Nahrungsmittel oder, was natürlich der absolute Gipfel wäre, gegen Nutztiere, z.B. neun Stunden, 18 Minuten und 44 Sekunden gegen eine ausgewachsene Kuh. Dies wäre in meinen Augen ein Kuhhandel und auf den lasse ich mich nicht ein, ausgenommen mich plagt gar fürchterlicher Hunger, aber der ist eigentlich mein ständiger Wegbegleiter, soviel Zeit könnte ich gar nicht haben, daß ich mich einmal richtig satt essen könnte. Aber lassen wir dies, Sie sitzen schließlich hier und verschwenden eine Sekunde nach der anderen, lassen Sie mich nachrechnen, ja, das lohnt sich schon wieder, sehr schön, bleiben Sie mir noch ein Weilchen gewogen.

Erst gestern wieder, es war der 20. Mai 2010, habe ich solch ein hervorragendes Tauschgeschäft hinter mich gebracht. Wiener Stadthalle, Punkt 21:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Vier grell geschminkte ältere Herren, älter als ich, betreten die Bühne. Es handelt sich um die Herren Gene Simmons und Paul Stanley, die Urgesteine der Gruppe, welche von den beiden Herren Tommy Thayer und Eric Singer komplettiert werden. Der jüngeren Generation werden diese Namen wahrscheinlich nicht unbedingt viel sagen, die älteren werden unweigerlich an The Demon, The Starchild, The Spaceman und The Catman denken. Und wer immer noch ratlos dasitzt, dem sei der Name der Gruppe verraten: KISS. Aha, ich höre oder besser gesagt ich sehe, denn mit Hören ist es seit gestern nicht mehr weit her, ehrfürchtiges Staunen macht sich breit. KISS besitzt immer noch jene Magie, welche sie seit nunmehr 37 Jahren verbreiten. Eine perfekte Bühnenshow, bunter Glam-Rock, schrille Outfits und vor allem eines: Zwei Stunden unbeschwertes Vergnügen, Abtauchen in längst vergangene Zeit, Ausgraben vergessener Erinnerungen und Heben versenkter Gefühls-Schätze.

Ich kann mich so richtig herrlich gehen lassen. Schreien, Brüllen, Singen, Tanzen, alles auf einmal, alles kunterbunt nebeneinander, aufgestaute Gefühle, welche plötzlich nach oben drängen, mit aller Macht nach draußen wollen, explosionsartig, überwältigend, mitreissend. Ja, liebe LeserInnen, alt bin ich geworden, zusammen mit jenen Helden meiner Kindheit und Jugend, welche dort vorne, mit riesigen Plateauschuhen und in schwarz-weißen Phantasiekostümen, nietenbestückt und durch die Luft schwebend, ihre Show abliefern. Die eigenen Falten grell hinter einer dicken Schicht Schminke versteckt glätten sie meine eigenen Falten, welche sich durch die Jahrzehnte hindurch längs und quer in mein eigenes Gesicht, tief in mein Ich, gegraben haben. Jede Falte mühsam erworben bin ich doch auf jede einzelne stolz, trage sie hoch erhobenen Hauptes durch mein bisher gelebtes Leben, freue mich über jede, welche sich noch in mich eingraben wird, heiße sie willkommen.

Wir sind alt geworden, gemeinsam alt geworden. KISS dort vorne auf der Bühne und ich dort hinten, auf meiner ganz persönlichen Bühne des Lebens und des Höllenkonzertes namens Leben. Und doch sind wir jung geblieben und seien es auch nur für zwei Stunden. Zwei Stunden voller Schreien, Brüllen, Singen und Ausflippen. Zwei Stunden ohrenbetäubender Lärm, zwei Stunden höllisches Inferno, zwei Stunden Lebensfreude, zwei Stunden Irrwitz, zwei Stunden pures Leben.

Und heute, am 21. Mai 2010 reflektiere ich, lasse die Vergangenheit für einen kurzen Moment noch einmal aufleben und danke einem Menschen für mehr als zwei Stunden gemeinsamen Lebens, welche ich mit diesem wunderbarsten Menschen verbringen durfte und darf. Ein unendlich langer KISS an die allerbeste Ehefrau der Welt, ein KISS, welcher nun schon so viele Jahre dauert und hoffentlich noch viele Jahre anhalten wird. Auch wir sind alt geworden, manches Mal mit Lärm, einige wenige Augenblicke mit Brüllen, aber eigentlich immer mit gemeinsamer Lebensfreude und einem Irrwitz an purem Leben. Ich tausche sicherlich vieles, doch eines werde ich sicherlich niemals eintauschen, meine Ehefrau, auch nicht für zwei Stunden KISS, abgesehen für einen zwei Stunden andauernden gemeinsamen innigen KISS .

So, liebe LeserInnen, die Karawane zieht weiter. Ich muß mich jetzt wieder auf den Weg machen, die Zeit drängt. Und wenn ich schnell nachrechne, sehe ich, daß ich schon wieder ein schönes Sümmchen Zeit angesammelt habe. Wissen Sie was, das tausche ich jetzt gleich gegen etwas ein, natürlich eine Konzertkarte. Und da sich mein Gehör schon wieder erholt hat, habe ich beschlossen, morgen AC/DC einen kleinen Besuch abzustatten. Und wie es der Zufall will, Gründungsjahr der Brachial-Metaller war 1973, also im selben Jahr wie KISS. Und zufälligerweise habe ich an AC/DC genauso schöne Erinnerungen wie an KISS, mindestens, nein sogar schönere. Ja, alt sind wir geworden, Angus Young in seiner zeitlosen Schulinform dort vorne auf der Bühne und ich dort hinten, auf meiner ganz persönlichen Lebensbühne, inmitten lauter junggebliebener Damen und Herren, für zwei Stunden faltenfrei.          

P.S.: Vielleicht verstehen Sie jetzt auch, warum ich so viel schreibe. Denn an Gesprächen kann ich mich einfach nicht mehr beteiligen, weil ich nicht mehr verstehe, was gesprochen wird. Aber trotz alledem, ich bereue nichts, wie schon die bezaubernde Edith Piaf mit leiser Stimme sang.     

20.5.2010

Wer Zeit hat…

Abgelegt unter: Frei-Zeit — Paul Boegle @ 04:33

…möge mir etwas davon abgeben!

Ja, liebe LeserInnen, weit ist es mit mir gekommen! Ich bin jetzt endgültig ganz unten angelangt, sozusagen am Boden eines bodenlosen Fasses, wobei ich gestehe, daß ich mit Erreichen dieses Bodens jenes bodenlose Fass geradezu zum Überlaufen gebracht habe. Und was nun? Ich unten, Sie oben! Sie schauen, ich schaue zurück! Sie grinsen, mir vergeht das Lachen! Ich befinde mich nämlich in einem großen Dilemma. Denn die Zeit rinnt mir davon, rinnt eigentlich schon durch die Finger, obwohl überhaupt keine Zeit mehr da ist, welche rinnen könnte.

Also stelle ich höflichst folgende Frage an Sie: “Wer hat Zeit?” Ich könnte etwas Ihrer wertvollen Zeit brauchen, habe sie eigentlich schon so notwendig wie den berühmten Bissen Brot, wobei ich sagen muß, daß mir aufgrund meines fortgeschrittenen Alters ein kleiner Happen Zeit wesentlich lieber wäre und folglich auch besser zu Gesicht stünde. Wobei, bei näherer Betrachtung, also ganz ehrlich gesagt, wenn ich mein Gesicht genauer betrachte, müsste schon ein großzügiger Zeit-Spender daherkommen mit einer ordentlichen Portion Zeit, damit vielleicht zu retten ist, was die Zukunft, also meine verbleibende Zeit, schon gar nicht mehr retten kann.

Es ist nämlich folgendes Problem aufgetreten, mittlerweile schon zeitlich unbegrenzt, vom dazugehörigen Raum möchte ich aufgrund meines Zeitmangels erst gar nicht schwadronieren, da mir einfach die Zeit dazu fehlt. Also, letzte Weihnachten, manch eine(r) wird diesen Zeitraum jetzt unweigerlich mit der besinnlichen Zeit in Verbindung bringen, nun ja, jede(r) wie er glaubt. Aber lassen wir das, nehmen wir doch einfach dieses Zeitfenster so um den 24., 25. und von mir aus auch noch 26.12., Ostern würde ebenfalls zeitlich passen, aber es war nun einmal Weihnachten und so bleiben wir dabei. Also justamente um den 24. Dezember herum begab es sich, daß ich in Ermangelung anderer Wünsche, welche ich im Kreise meiner Familie zu äußern hatte, phantasielos und nichts Böses ahnend leichtfertig von mir gab, man möge mir doch den simplen Wunsch erfüllen und mir nur etwas Zeit schenken. Manch eine(r) wird dies nun mit einer gehörigen Portion Auszeit assoziieren, doch seien Sie vor solch vorschnellen Überlegungen gewarnt, denn solch ein beseelter frommer Wunsch kann förmlich in die Katastrophe führen. Ich selbst kenne zwei Herren, die können davon ein (Weihnachts)-Lied singen, was sage ich, eine ganze Weihnachts-Litanei mit anschließender Oster-Lithurgie (siehe dazu Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke) und Auszeit…(2.Teil: Der Plan)), doch aufgrund unglücklicher Umstände lassen sich gewisse Ereignisse nicht mehr rückgängig machen, übrigens eines der übelsten Phänomene vergangener Zeit. Aber dies bemerken wir meist erst dann, wenn die Zukunft uns sagt, daß die Gegenwart schon wieder Vergangenheit ist. Oder so ähnlich eben.

Weihnachten kommt also still und leise daher, taumelt und torkelt aus dem unübersichtlichen Hades von Einkaufsstrassen, Konsumtempeln und Shopping-Megacities in mein ruhiges und übersichtliches Leben, breitet seine “Stille Nacht, heilige Nacht”-Flügeln über mich, betört mich mit betörender Glühweinfahne und schenkt mir, Sie werden es nicht für möglich halten, Zeit! Sie lesen richtig! Nikolausi, Weihnachtsmanni, Christkindl, Santa Clausi und all die anderen heiligen 333 Könige samt den dazugehörigen Schnapsfahnen haben sich verschwörerisch dazu entschieden, mich reichlich mit Zeit zu beschenken.

Unter Weihnachtsbaum, Christbaum, Tannenbaum, Holunderbaum, Affenbrotbaum und Albtraumbaum liegt ein riesengroßes Päckchen Zeit. Meine eigene, ganz persönliche Zeit, nur für mich bestimmt, nur mir gehörend. Mit gierigen Händen wühle ich mich in das Päckchen, öffne mit zitternden bebenden feuchten vibrierenden transpirierenden Fingern mein Kleinod, schnapsfahnenfrei, stillenachtfrei, heiligenachtfrei, nikolausifrei, weihnachtsmannifrei und was weiß ich wie frei.  

Eine neue Uhr habe ich bekommen, fürwahr ein schönes Instrument, muß ich ehrlich gestehen. Sie tickt, sie tackt, sie dreht, sie geht, sie sekündelt, sie minütelt, sie stündelt. Aber leider in die falsche Richtung. Denn ihre Zeiger bewegen sich vorwärts! Was bitte soll ich mit einer Uhr, welche mir die Zeit wegnimmt anstatt mir Zeit zu schenken? Ich brauche eine Uhr, deren Zeiger sich rückwärts drehen, Sekunde für Sekunde sozusagen ein Zeitgewinn. Eine Uhr muß re-ticken und re-tacken, sie muß anti-sekündeln, gegen-minüteln und rückwärts-stündeln. Und was bekomme ich? Einen Zeitstehler, einen Zeitdieb, einen Zeitverschwender, einen Zeitvergeuder, einen Zeitnehmer! Stellen Sie sich das bitte einmal vor! Ich bekomme einen Zeitnehmer! Einen Zeitnehmer! Und was wollte ich von Manni, Lausi und Clausi? Sie sagen es! Ich wollte einen Zeitgeber, einen stinknormalen, einfach zu bedienenden Zeitgeber, ohne Schnick, ohne Schnack, ohne Schnickschnack! Einen Zeitgeber, ohne Firli, ohne Fanz, ohne Firlifanz!

So appelliere ich also an Ihr zeitloses und jugendlich junggebliebenes Herz und bitte inständig: “Wer bitte hätte etwas Zeit für mich übrig?” Je mehr, desto besser! Und als kleines Dankeschön bekommen Sie eine nagelneue Uhr von mir. Mit viel Schnick, mit viel Schnack, mit noch mehr Firli und ganz viel Fanz. Auf der können Sie dann beobachten, wie die Zeit vergeht. Ihre Zeit, welche Sie mir geschenkt haben! So gebe ich Ihnen zum Schluß mit auf den Weg: Kommt Zeit, kommt Rat!

Oder war das womöglich: Geht Zeit, kommt Tod! Ich werde gelegentlich darüber nachdenken, vorausgesetzt mir bleibt noch etwas Zeit.      

16.5.2010

Warum sprechen Pantomime nicht …

Abgelegt unter: Frei-Zeit — Paul Boegle @ 04:45

… wenn sie etwas gefragt werden?

Wir kennen sie alle, jene sprachlosen Geister auf unseren Strassen, auf den von Touristenströmen frequentierten Plätzen und den Stätten menschlicher Begegnung. Von Pantomimen soll hier die Rede sein, nein, vollkommen falsch, natürlich nicht die Rede, sondern mehr die Geste. Und doch will ich zur Sprache bringen, was sich niemand zu sagen traut, wenngleich jene Protagonisten, von denen hier die Rede sein soll, stillschweigend sozusagen und ohne ein Wort darüber zu verlieren, weder sprachlos noch stumm sind, zumindest dichte ich ihnen dieses nun, nach Rücksprache mit einem Wissenden, an. Ich berufe mich, lautlos, aber trotz alledem wortreich gestikulierend, auf beredte Quellen, erhebe mich zwecks Ermangelung Dritter nun zum Sprachrohr der Pantomimen.

Sie stehen wortlos vor mir, rügen mich ob meiner nichtssagenden Sätze, welche verschachtelt und verspachtelt vor Ihnen liegen, löcherstopfend und Löcher aufreissend. Sie haben Recht, das Recht des Stärkeren, des wortlastigen Stärkeren, zwingen mich auf meine geschundenen Knie. Verwünschen Sie mich, verdammen Sie mich, verfluchen Sie mich, zurück in mein Pandämonium begrenzter Eitelkeiten, zeitlich begrenzt und räumlich umgrenzt, in mein eigenes kleines selbstverfasstes Reich pandämonischer Pantomime, dorthin, wo gottlose Götter dicht gedrängt auf dem Olymp der Sprachlosigkeit sitzen. Allen voran Pan, der Herrscher des Waldes, der oberste Befehlshaber über die Waldgeister. Ist Pan auch Heerführer der Pantomime? Sozusagen von allen guten Geistern verlassen, geistreich geistlos, möglicherweise größter griechischer Waldschrat der Antike, bockiger Mensch oder womöglich sogar menschgewordener Bock? Und wer verbietet mir, weiterhin solch inferioren Bockmist zu schreiben, wenn nicht der stumme Pan, wenn er denn der Beschützer all der Pantomime sein soll, sich auserkoren hat, Sprachrohr der Sprachlosen sein zu wollen.

Oder ist Pan gar kein Gott? Ist Pan einer jener drei Affen, nicht sprechend, nicht sehend, nicht hörend? Doch wo sind die beiden anderen Teile dieses Triumvirates? Wo sind sie hin, die Nicht-Sehenden und Nicht-Hörenden? Im Stich gelassen haben sie ihren Dritten im Bunde, schmählich erdolcht. Sprachlos zurückgelassen inmitten all der Menschenmassen aus Sprechenden, Sehenden und Hörenden. Einsam steht er da, der stumm Rufende und wild Gestikulierende, sieht ihnen traurig nach, den beiden Affen, der eine nicht hörend, der andere nicht sehend.

Von allen guten Geistern verlassen, sieht er den Wald vor lauter Bäumen nicht, dort unten im Olymp meines sprachlosen Pandämoniums. Oder war es weiter oben, sind Pantomime möglicherweise doch jene stillen Wesen, welche abseits der lärmenden Strasse perfide und im Verborgenen, im Stillen sozusagen, vor sich hin stehen, nichtsagende wächserne Wesen in einem unergründlich abgründigen Panoptikum der Zeit. Und ich, bin ich der Wächter dieses Pantomime-Panoptikums? Stehe still und stumm wie ein Männlein im Walde des Pan inmitten all dieser bösen Geister, sehe nichts Böses, sage nichts Böses und höre nichts Böses. Und komme vor lauter nichts sagen, nichts hören und nichts sehen zum Nichtdenken. Und was, wenn ich doch denke? Denke ich Böses und wenn ich Böses denke, was denke ich mir dann dabei, Böses zu denken?

Heißt Böses denken in schwarzen Kategorien denken und sind dann womöglich alle weißen Menschen gute Menschen, weil sie weiß denken und somit gut denken? Und welche Gedanken verbergen sich dann hinter den schwarz-weißen Gesichtern der Pantomime. Denken die in zweierlei Kategorien, einmal gut und einmal böse, abwechselnd weiß und dann wieder schwarz oder denken sie sogar gleichzeitig gut und böse, synchron gut und böse, überlagernd. Und wenn sie gleichzeitig gut und böse denken, denken sie dann grau, vermischen weiße und schwarze Gedanken und denken in Grauzonen, befinden sich in einer meinungsfreien gedanken-entmilitarisierten Denkzone.

Und was, wenn sich Pantomime nur im pannonischen Klima wohlfühlen? Vielleicht können sie nur in gemäßigten und trockenen warmen Grauzonen sprechen, erst dann ihre weiß-schwarzen Gedanken zur Sprache bringen, wenn das Eis von den Straßen geschmolzen ist und die gefrorenen Blätter nicht mehr unter ihren schwarzen Gummisohlen knirschen und unangenehme Geräusche beim Denken machen.

Ich habe keine Ahnung, warum Pantomime nicht sprechen, wenn sie etwas gefragt werden. Vielleicht liegt es daran, daß sie in einer Welt voller nichtssagendem Lärm nicht gehört werden, überhört werden, ungehört bleiben, obwohl sie eigentlich laut schreien.         

14.5.2010

Auszeit…(2. Teil: Der Plan)

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 20:53

Fortsetzung zu Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke) 

Ein lautes Geräusch riß ihn aus seinen Tagträumen. W. kehrte mühsam an die Oberfläche zurück, schwamm mit schnellen hektischen Bewegungen aus den Tiefen seiner Gedankenleere, in welcher er sich seit Jahren am wohlsten fühlte. Dort, im Morast seiner Selbstvergessenheit, in dem er sich suhlend wälzte, jene Parasiten des Lebens, welche ihn tagtäglich bis zur Verzweiflung bissen, aus seinen Gedanken verbannend. Er hielt sich immer noch die stinkenden bräunlichen Fingerkuppen von Daumen und Zeigefinger unter seine von feinen roten und blauen Adern durchzogene Nase, jener untrügliche Indikator von zu viel Alkohol und zu wenig Lebenswillen und blickte verständnislos auf jenes Gerät, aus welchem das unangenehme Geräusch zu kommen schien. 

“W., bist du es?”, hörte er die heisere Stimme von O., als er mühsam die Rufannahme auf seinem Handy fand. Er selbst konnte schon seit Wochen nicht mehr selbst telefonieren, da sich die Telefongesellschaft dazu entschlossen hatte, auf ihn als aktiven Gesprächsteilnehmer zukünftig zu verzichten. Nach mehreren Mahnungen, welche er ungeöffnet im riesigen Berg aus Rechnungen, Werbeprospekten, Gewinnversprechen und sonstigen postalischen Zeugnissen seines Daseins, welche den Tisch bedeckten, verschwinden ließ, dachte er kurzzeitig daran, sich dem Leben und seinen Rechnungen zu stellen. Zwei gute Gründe ließen ihn von diesem heroischen Vorhaben jedoch wieder abkommen. Zum einen kam er zum Schluß, daß er niemanden anrufen wollte, was aber weit schwerer wog, war die Tatsache, daß die Bezahlung einer einzigen Rechnung auch weniger Schnaps bedeutete und dies wollte er keinesfalls riskieren. So blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu warten, daß ihn jemand anrief. Doch wer außer O. tat dies schon und so war W. nicht überrascht, als er die krächzende Stimme von O., welcher bereits zum wiederholten Male, während sich W. seinen Überlegungen hingab, “W., bist du es?” ins Telefon rief.

“Leck mich am Arsch, der ist wieder zugedröhnt“, sagte W. zu sich selbst, bevor er in das Handy “Und wer bitteschön sollte sonst da sein?” lallte. “Na super, der ist jetzt schon wieder bis zum Rand voll!”, O. verdrehte die Augen, als er auf die Uhr sah und die beiden Zeiger vor seinen Augen in schwindelnden Bewegungen zu tanzen begannen. “Wir müssen reden, und zwar gleich. Bevor Du jetzt etwas sagst, sag ich Dir was. Einfach zuhören und Schnauze halten. Also, wir….” “Was heißt Schnauz….” “Du sollst die Schnauze halten und mir zuhören! Also ich komm jetzt zu Dir und dann erklär ich Dir alles. Ich brauch circa eine dreiviertel Stunde, kommt natürlich drauf an, ob mich jemand in der U-Bahn erwischt. Dann wird´s ein bißchen länger dauern! Also nicht davonlaufen! Und hör mit dem Saufen auf!” Es war für einen Moment still in der Leitung. ”Apropos saufen. Kannst Du vielleicht was mitbringen? Ich sitz´ ziemlich auf dem Trockenen!” “Und mit was soll ich zahlen, Herr Gescheit? Also bis dann.”

O. sah zum Fenster hinüber und überlegte, was er anziehen sollte. Er hatte die Wahl zwischen einer Hose, deren Reißverschluß sich nicht mehr hochziehen ließ, auf halbem Weg zwischen oben und unten hatte sich das verdammte Ding so in den dicken Jeansstoff verklemmt, daß es unmöglich war, ihn mit den Fingern zu fassen zu bekommen oder er zog jene dünne Bundfaltenhose an, deren dazugehöriges Sakko so viele Brandlöcher hatte, daß wahrscheinlich sogar ein Dritte-Welt-Laden dankend abgelehnt hätte. Er entschied sich für die Jeans, zog sich seinen einzigen dicken Pullover darüber, dehnte ihn bis über die Oberschenkel und sah an sich herunter. Der Stoff seiner dünnen Socken war an den großen Zehen bereits durchsichtig, würde irgendwann in nächster Zeit reißen, um seine gelben bereits nach unten gekrümmten und ins Fleisch schneidenden Zehennägel preiszugeben. Er zuckte mit den Schultern, verfluchte sich und zog die braunen zerschlissenen Halbschuhe an. Geübt stieg er in hinein, ohne sich zu bücken, denn die ausgetretenen Schuhschäfte boten nur noch wenig Widerstand. Dann nahm er die dünne grün-karierte Sommerjacke, verfluchte sich ein zweites Mal und drückte die Eingangstüre mit einem kräftigen Ruck hinter sich ins Schloß. Ohne sich umzudrehen trat er mit der rechten Ferse dagegen, um sich zu vergewissern, daß sie auch wirklich geschlossen war.

Als er durch das spärlich erleuchtete Stiegenhaus ging, hörte er aus dem Etagenklo zu seiner Linken ein halblautes Blubbern. Hämisch verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen. “Durchfall”, dachte er im Vorbeigehen. “Sicher die Alte vorne rechts. Soll sich anscheißen bis zum Kreuz”. Vergnügt fing er an, “Non, je ne regrette rien” von Edith Piaf zu pfeifen, bevor er auf dem Absatz noch einmal stehenblieb und amüsiert auf das Stöhnen und Ächzen hinter der dünnen Klotüre zu horchen. Dann stieg er vorsichtig die im Halbdunkel liegenden Treppen hinunter, gab dem Hochstämmchen eines kümmerlichen Bäumchens, welcher sich verzweifelt auf einem der Treppenabsätze dem spärlichen Tageslicht entgegenstreckte, einen leisen Tritt. Raschelnd verlor dieser einige verdorrte bräunliche Blätter, welche langsam neben den weißen Übertopf zu dem kleinen Berg bereits abgestreifter toter Blätter fielen. Von oben hörte er, wie ein Mann anfing, laut und obszön zu schreien. Ein kleines Kind begann, gellend und durchdringend zu schreien. Wieder brüllte der Mann, für einen kurzen Moment war es plötzlich still, als ein lautes Krachen ertönte. Holz splitterte, Glas zerbarst, eine Frau fing an, vor Schmerzen aufzuschreien. Wieder fing die Kleine an zu schreien. O. wusste, daß es die Kleine aus dem vierten Stock war, weil die immer schrie, wenn der mit dem blauen Jogginganzug wieder einmal die Frau verprügelte. O. hörte auf, “Non, je ne regrette rien” zu pfeifen, die tote Piaf sang gerade schmerzerfüllt das Ende der zweiten Strophe “…C’est payé, balayé, oublié. Je me fous du passé!” Er hatte das Erdgeschoß erreicht, sein Blick glitt nach oben, an den fleckigen Wänden vorbei, deren Farbe an unzähligen Stellen abgeblättert war und das darunter liegende Mauerwerk schamhaft freigab. Ein Holzpfosten des schweren dunkelbraunen Geländers war eingeknickt, stand abgewinkelt ab. Oben sah er die Silhouette der Frau, schützend hob sie ihre dünnen Arme über ihren Kopf, auf die Knie gesunken kauerte sie im Halbdunkel, über ihr der Jogginganzug, welcher wie rasend auf sie einschlug. Die gellenden Schreie der Kleinen waren aus der Wohnung zu hören, wahrscheinlich stand sie hinter der Türe, die Augen krampfhaft geschlossen, den winzigen Mund mit den weißen Milchzähnen geöffnet, um Angst, Schmerz und Zorn in die Welt aus abgeblätterter Farbe und stummen Holzpfosten zu brüllen. O. suchte den Anfang der dritten Strophe der toten Piaf, achselzuckend ging er weiter, summte “Avec mes souvenirs. J’ai allumé le feu…”, um die schwere Haustüre zu öffnen und, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen, sich auf den Weg zu W., “meinem einzigen Freund in meinem beschissenen Leben” zu begeben.

Als O. das Zimmer von W. betrat, schlug ihm der schwere Atem von W. wie mit der flachen Hand in sein vom pausenlosen Schneesturm eiskaltes und gerötetes Gesicht. Er hatte mehr als 80 Minuten gebraucht, zwei Fahrscheinkontrolleure hatten ihn sogar bis auf die Strasse verfolgt. Beinahe wäre er sogar von einem vorbeifahrenden Auto erwischt worden, als er sich im Zickzack-Kurs an den anderen Fahrgästen auf der Rolltreppe vorbeidrängte und, oben angekommen, sich nach seinen Verfolgern umblickte und dabei versehentlich auf die Fahrbahn geriet. Er hörte das Quietschen, wendete instinktiv und rannte weiter Richtung Fußgängerzone, um in den Massen der Einkaufenden unterzutauchen. Irgendwer schrie ihm “Trottel” hinterher, Menschen blickten sich um und brachten den schnell Laufenden mit dem Schimpfwort in Verbindung, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. So ging er das letzte Stück zu W. zu Fuß, hielt sich immer wieder für ein paar Sekunden mit beiden Händen seine Ohren zu, um sie gegen die beissende Kälte zu schützen. Verstohlen kramte er seinen Hosentaschen, fand die letzte Tablette, nicht wissend, was er in der Hand hielt und schluckte sie hinunter. “Ich brauch dringend Stoff!”, dachte er, während er überlegte, der alten Frau mit der weinroten Wollhaube, auf welcher sich die dichten Schneeflocken schon in mehreren Schichten festgekrallt hatten, die Handtasche zu entreißen und im Gedränge der im Einkaufsrausch dahinvegetierenden Passanten zu verschwinden. Sie bewegte sich vorsichtig und mit kleinen trippelnden Schritten über das glatte Kopfsteinpflaster, sah immer wieder besorgt an ihrer rechten Seite hinunter. Ein kleiner langhaariger Hund, Vorder-, Hinterteil und Kopf hellbraun, der Bauch dunkelgefärbt, tapste neben ihr mit den gleichen unsicheren Schritten über das nass glänzende Pflaster. Sein Bauch zitterte von der Nässe und Kälte, die langen Haare klebten in unordentlichen Strähnen an seinem Körper. Aus verblödeten Augen sah er immer wieder zu der alten Frau mit der roten feuchten Wollhaube auf, blickte sie mit heraushängender Zunge liebevoll an, eine hellblaue Plastikmasche zwischen den Ohren. “Yorkshire-Terrier”, stellte O. fest, während er seine Schritte verlangsamte, um hinter der Alten zu bleiben. Dann überlegte er, ob er sie verfolgen sollte, um den Hund in einem günstigen Moment zu schnappen, um Lösegeld von der Alten zu erpressen. “Nein, wer weiß, wie lange die noch die Gegend stolpert!” Er dachte an die tote Piaf und die schreiende Kleine im vierten Stock und überholte die Alte mit dem Hund. Wirbelnd trugen die Schneeflocken die tote Piaf vor ihm her, sangen “Car ma vie, car mes joies. Aujourd’hui, ça commence avec toi!” “Denn mein Leben, denn meine Freuden. Das beginnt heute mit Dir”, sagte O. halblaut, als er an die Türe von W.´s Zimmer klopfte, seinem einzigen Freund in seinem Leben.   

O. und W. gingen die letzten Details noch einmal Punkt für Punkt durch. Ihr Plan stand fest, ähnelte dem des Banküberfalls vor vielen Jahr fast in sämtlichen Einzelheiten, zwei gravierende Details ausgenommen. Die Verkleidung hatte sich dieses Mal geändert, sie wollten beide Kostüme tragen, um eine mögliche Verbindung zum letzten Überfall zu vertuschen. “Sicher ist sicher“, sagten sie sich. Der zweite Unterschied bestand darin, daß sie sich aufgrund des langen Zeitraumes, welcher zwischen den beiden Überfällen lag, weder an Einzelheiten noch an ihre Vorgehensweise on damals erinnern konnten. Daß hierbei der Drogen- und Alkoholkonsum eine tragende Rolle spielen konnte, wollten sie sich weder eingestehen noch dachten sie im entferntesten daran, diesen Umstand zu berücksichtigen. W. hatte zwei täuschend echte Waffen organisiert, für ihn kein Problem aufgrund seiner immer noch guten und weitreichenden Verbindungen zum Spielzeughandel. Als O. seine Waffe, eine schwarze Wasserspritzpistole bedächtig in der Hand wog, dachte er an seinen Sohn, wie er ihm zu seinem achten oder vielleicht auch neunten Geburtstag solch ein Spielzeug schenkte, sah das lachende Gesicht plötzlich aus dem Nichts des Verdrängten auftauchen, erinnerte sich daran, wie er sich immer auf den flauschigen Wohnzimmerteppich fallen ließ, so oft er von seinem Sohn mit Wasser bespritzt wurde, immer zielte dieser auf die Herzgegend seines Vaters, ein Auge zugekniffen, das andere ihn über den Plastiklauf fixierend. Seine Frau sah aus der Küche herein, tadelte die beiden ob des lauten Gebrülls, um sich wieder befriedigt und glücklich lachend, aber erst, nachdem sie sich umgedreht hatte, der Weihnachtsgans zu widmen. Sie hatten die Bescherung vorgezogen, wollten ihren ganzen Stolz bereits am späten Nachmittag glücklich sehen und erzählten ihrem Sproß, daß der Weihnachtsmann aufgrund eines sehr wichtigen Termins schon am Nachmittag bei ihnen war, um die Geschenke zu bringen.

Es ging gründlich schief, um nicht sogar von einem regelrechten Fiasko sprechen zu wollen. Der rote Mantel, welchen O. zuoberst aus dem dreckigen Berg Wäsche von W. gewählt hatte, W. hatte ihn erst gestern noch getragen, wie er glaubhaft versicherte, war viel zu groß. Nicht nur, daß O. in den tiefen Manteltaschen eine ganze Batterie leerer Flachmänner fand, O. kam musste unvermittelt an den Klassiker “Friedhof der Kuscheltiere” denken, sondern der Gestank war geradezu atemraubend. Als er nach weiteren toten Körpern sprich leeren Flaschen auch die Innentaschen durchsuchte, gruben sich seine Finger in etwas feuchtes Weiches. Erschrocken fuhr er zurück, die Hand kam wieder zum Vorschein, sie war voller Kot, die dazugehörige Unterhose klebte an seinen Fingerkuppen. O. würgte den aufsteigenden Brechreiz wieder nach unten, während er sich die Finger am Bund der viel zu großen Hose angeekelt abwischte.

So kommen wir zum heutigen Schluß der Trilogie Auszeit. Nachdem O. und W. nun also nach ihrem Gedanken auch den dazugehörigen Plan für ihr Vorhaben bewältigt haben, geht es im nächsten und letzten Teil Auszeit…(3. Teil: Das große Sterben) daran, Taten folgen zu lassen. Wenn auch Sie Zeuge werden wollen, mit welch schrecklichem Blutbad, soviel sei an dieser Stelle schon einmal verraten, die Geschichte endet, kommen Sie wieder. Doch bis dahin lassen wir wieder ein paar Tage vergehen.


9.5.2010

Bloggen und Geld - Zeit wird´s!

Abgelegt unter: Zeit ist Geld — Paul Boegle @ 20:47

Blogger schwimmen im Geld…

…mag eine verlockende Vorstellung sein. Blogger sind reich, zumindest wenn es um den Wortschatz geht. Geld ist bei Blogbetreibern im Überfluß vorhanden, es sei denn, sie leben nur vom Bloggen alleine. Blogs finanzieren sich ausschließlich durch astronomische Werbeeinnahmen, sofern sie an die Sterne glauben. Blogger lassen sich fürstliche Honorare für Rezensionen bezahlen, möglicherweise im Land, wo Milch und Honig fließt. Blogger leben in Saus und Braus vom Bloggen, wenn da nicht all die Lebenshaltungskosten wären.

Gerüchte, erstunken und erlogen! Fiktionen, ohne eine Spur Wahrheit! Lügen, erdichtet und erdacht! Denn die traurige Wahrheit sieht leider etwas anders aus, wenn es darum geht, das Thema Bloggen und Geld verdienen auf einen, wenn möglich, sogar gemeinsamen Nenner zu bringen. Nur die wenigsten Blogger können ihrer Umwelt schreiben: “Ja, ich kann vom Bloggen ganz gut leben!” Den meisten wird es so gehen wie mir. Der Wille ist da, alleine die Geldgeber finden sich nicht ein. Und so dümpelt die unermeßlich weite Welt der Blogger-Gemeinde mehr klang- als sanglos vor sich hin, widmet sich notgedrungen den Idealen des Schreibens, ohne dem idealen Schreiben, nämlich dem Schreiben für Geld auch nur einen Euro näher gekommen zu sein.

Sicherlich, der Ideen mangelt es nicht, derer gibt es viele, doch wie meist im Leben klaffen unüberwindbar tiefe Täler zwischen den beiden zu erklimmenden Bergen, deren Gipfel einerseits “Ich schreibe, also bin ich!” und andererseits “Ich schreibe, also verdien ich!” lauten. Ja, liebe Blogger, es ist schon ein Kreuz mit jenem Gipfelkreuz, welches nebelverhangen in unerreichbaren Höhen über einem prangt. Kaum hat sich der Blogger einen Schritt auf dem steinigen Geröll namens “Jetzt weiß ich endlich, wie ich mit dem Bloggen das große Geld verdiene!” vorwärtsbewegt, kommt zack der Blogger von nebenan und stößt einen wieder in den Abgrund der Armut. Ein Ellbogen von rechts, ein Faustschlag von links und ein Tritt mit dem Knie von unten, die Welt der Blogger ist eine ungerechte, erbarmungslose und vollkommen undurchschaubare.

Wenn Darwin das Recht des Stärkeren im Hinblick auf das Überleben im Visier hatte, muß er wohl oder übel die Blogger damit gemeint haben. Nein, ich weiß, ich werfe nun alle Blogger in einen Topf, rühre kräftig um und wen ich gerade zufällig aus diesem blutigen Sud fische, dem sage ich auf den Kopf zu: “Du bist derjenige, welcher das Bloggen einzig und allein mit dem Ziel betreibt, Geld verdienen zu wollen!” Es ist natürlich nicht so, keine Frage, viele Blogger prostituieren sich einfach nur aus Spaß an der Freude. Schreiben, weil schreiben Freude bereitet. Sich anderen mitteilen, weil es ganz einfach viel zu sagen gibt. Im Internet präsent sein, weil die reale Welt einfach keine Spielräume mehr zuläßt.

Ich höre ein leises Dementi? Ja, genau Sie, erste Reihe fußfrei, in der Mitte. Sie schütteln Ihr weises Haupt, glauben nicht wirklich an diese hehren Ideale der riesigen Blogger-Gemeinde. Recht haben Sie, denn wer bloggt, soll auch dafür belohnt werden. Nun, wenn Sie schon so vielsagend blicken, können Sie uns Nichtwissenden sicherlich auch die dazugehörige Antwort auf die Frage aller Fragen geben: “Wie zum Teufel mach ich meinen Blog zu Geld? Genügt es, dem eben erwähnten Fürst der Finsternis meine arme, kleine Blogger-Seele zu verkaufen, um hinter das Geheimnis erfolgreicher Blogger zu kommen, welche sich abartig und im großen Stil, doch dafür im um so kleineren Kreis, obszön mit Euro-Münzen bewerfen, mit Peitschen aus Euro-Scheinen gegenseitig wollüstig geißeln und nebenbei Opfergaben im vierstelligen Bereich darbringen.

Also, ganz im Vertrauen, genau so habe ich es bewerkstelligt. Ich habe mir das Telefonbuch geholt, so etwas gibt es wirklich noch, habe unter “G” wie “Geld verdienen mit Bloggen” nachgeschlagen und ohne nachzudenken die folgende Nummer gewählt: 06666 666 666. Und siehe da, anstatt “Kein Anschluß unter dieser Nummer!” wurde ich ohne Umwege mit dem Sekretariat Seiner Eminenz des rollenden Rubels verbunden. Die einzige Frage der freundlichen Dame mit der sehr rauchigen Stimme lautete: ”Wann können Sie kommen?”, alle anderen Antworten waren schließlich Seiner Eminenz des rollenden Rubels schon bekannt und ich hatte meinen Termin. Ein abschließendes “Und bitte bringen Sie Ihre Seele mit, aber nüchtern, wenn möglich!” und ich war mitten drin im Geschäft. Alles andere darf ich aus Gründen der Geheimhaltung leider nicht preisgeben, sozusagen Insiderwissen, sonst könnte ja jeder daher kommen, um sich eine goldene Nase zu verdienen, ohne seine kleine, bis dato arme Blogger-Seele verkaufen zu müssen.

Natürlich bin ich bereit, Ihnen unter Ihre armen Blooger-Arme zu greifen, was habe ich schließlich noch viel zu verlieren, meine Seele hat bereits Seine Eminenz des rollenden Rubels. Wenn Sie dementsprechend mit Bloggen Geld verdienen wollen, ohne auf Ihr Seelenheil verzichten zu wollen, fassen Sie folgende Möglichkeiten in Ihr geldgetrübtes Auge.

1. Verkaufen Sie auf Teliad Links auf Teufel komm raus! Aber Vorsicht, diese Art, mit Bloggen Geld zu verdienen, ist nicht ganz ungefährlich (siehe dazu meinen Beitrag Teliad, der Marktplatz für Textlinks). Andererseits hat diese Art, seinen Blog zu vermarkten, aufgrund des sehr geringen Arbeitsaufwands durchaus seine Berechtigung, aber bilden Sie sich selbst ein Urteil.

2. Sollten Sie bereits über einen Blog verfügen, welcher sich hoher Besucherzahlen erfreut, hält der Geld-Teufel eine weitere Spielart für Sie bereit, um mit dem eigenen Blog Geld zu verdienen. Affiliate-Marketing lautet das Zauberwort. Was jedoch wieder recht einfach klingt, bedarf schon einiger Erfahrung und Experimentierens, um die richtigen Werbepartner für den eigenen Blog zu finden. Affiliate-Netzwerke gibt es derer einige, so z.B. belboon Partnerprogramm-Netzwerk , Superclix, Zanox oder Affiliwelt Verdienen Sie jetzt Geld mit und ohne Homepage.


Wer also mit dem Gedanken spielt, seine kleine, immer noch arme Seele an eines oder mehrere Affiliate-Netzwerke zu verkaufen, allerdings auch mit der Aussicht auf schöne Einnahmen, dem lege ich zusätzlich meinen Artikel Affiliate-Netzwerk oder Partnerprogramm an´s geldgierige Herz.

3. Bloggen und Geld verdienen mit Schreiben, wer hätte es geglaubt, ist wohl die klassische und wohl auch authentischste Form, sich als Blogger Einnahmen zu sichern. obei gesagt werden muß, was plausibel klingt, steckt im deutschsprachigen Raum erst noch in den Kinderschuhen. Ich möchte deshalb auch nicht lange um den heißen Brei reden, sondern Ihnen gleich die beiden großen Anbieter namens Trigami und Hallimash blog for cash @ hallimash
“zum Fraß vorwerfen”. Wer sich mit diesem Thema des Geld verdienens mit dem eigenen Blog näher auseinandersetzen möchte, sei auf meinen Artikel Geld verdienen mit Bloggen bzw. den eigenen Blog als Geldquelle nutzen verwiesen. Und weil sich damit wirklich Geld verdienen läßt, mögen sich diejenigen, welche sich in Zukunft auf diesem Gebiet betätigen wollen, vorab unter folgendem Link einige bezahlte Rezensionen auf Bio Natur - Der Weblog anschauen, um eine Vorstellung zu bekommen, wie so etwas aussieht.

Aufgrund der Tatsache, daß ich selbst nur mit diesen genannten Formen Erfahrungen gesammelt habe, wie der eigene Blog zum Geld verdienen genutzt werden kann, möchte ich auf die Besprechung weiterer Möglichkeiten verzichten. Man sollte sich, zumindest wenn es um meine bescheidene Meinung geht, nur mit solchen Dingen beschäftigen, welche man zumindest schon selbst einmal getestet hat. In diesem Sinne wünsche ich erfolgreiches Bloggen, zumindest ein paar Euro in die eigene Tasche, aber vor allem wünsche ich Ihnen eines. Bleiben Sie, trotz oder vor allem wegen der Tatsache, daß die Verlockungen groß sind, sich anhand und mit des eigenen Blogs etwas zu bereichern, einfach Sie selbst. Sie werden sehen, der Erfolg stellt sich dann auch automatisch ein.    

4.5.2010

Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke)

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 19:14

…dachten die beiden

fast gleichzeitig, obwohl sie in diesem Moment noch gar nicht wissen konnten, was der jeweils andere gerade dachte. Sie arbeiteten nun schon so lange Hand in Hand, daß es beiden wie eine Ewigkeit vorkam und sie sich, wenn auch im Unterbewußtsein verankert, ein Leben ohne den anderen nicht mehr vorstellen konnten. Nein, sie hatten keine sexuelle Beziehung, waren weder ein Paar noch dachten sie jemals daran, daß irgendwann ein mehr daraus werden könnte als es ohnehin schon war. Es war gemeinhin das, was sich die Gesellschaft unter einer über lange Zeit gewachsenen Freundschaft vorstellte, eine auf festem Fundament stehende Sympathie, welche meist nicht vieler Worte bedurfte.

Obwohl sie sich selten sahen, um nicht sogar von sehr seltenen Momenten zu sprechen, wenige Male nur im Jahr kreuzten sich ihre Wege und dann auch nur als eine Art Zufallsprodukt ihrer Tätigkeit, wussten sie doch so ziemlich alles voneinander. Der eine kannte die Vorlieben des anderen, wusste genau, was dem jeweils anderen mißfiel, worüber er sich ärgern konnte und womit man ihm eine Freude machen konnte. Sie kannten sowohl die eigenen Schwächen als auch jene des Gegenübers, wie ein offenes Buch lagen sie voreinander, hatten wenige Male miteinander, doch die meiste Zeit alleine Seite für Seite im jeweils anderen Buch gelesen. Sie kommunizierten fast ausnahmslos über sogenannte alte Verbindungen, sprichwörtlich alte Kommunikationswege, nicht diese neuen Erfindungen wie Email oder Handy, da es besser war, die Welt über ihr Verhältnis zueinander im Unklaren zu lassen. Obwohl sicherlich nichts Anrüchiges an ihrer Beziehung war, hielten sie es stillschweigend für besser, Außenstehende über Details ihrer Partnerschaft im Dunkeln zu lassen. Aber trotzdem mussten auch sie sich dieser neuen Welt stellen, sozusagen “mit der Zeit gehen”. Und so hatten sie seit längerer Zeit beide ein Handy, ein Computer kam allerdings niemals in Frage, aber zumindest so ein Telefon, welches sie überall hin mitnehmen konnten, sie waren beide aufgrund ihres Berufes viel unterwegs, hatte seine Vorteile. Wenngleich sich kaum jemand die Mühe machte, weder den einen noch den anderen mit irgendwelchen Dingen zu belästigen, belanglosen Anrufen wie “Sie gehören möglicherweise zu den Gewinnern einer Heizdecke” oder “Darf ich Ihnen eine Gratisprobe unserer neuen Hautcreme zukommen lassen?”. Aber manchmal, gerade dann, wenn die Stille wieder einmal besonders unheimlich still über ihren Köpfen lastete, wünschten sie sich doch, nur insgeheim und ohne es laut auszusprechen, daß irgendwer ihre Nummer wählte, um einfach nur zu sagen, daß sie zu den möglichen Gewinnern für eine Heizdecke gehörten. Aber es meldete sich eben niemand, tagaus, tagein lag das Handy vergessen in irgendeinem Eck, auf irgendeinem Tisch, wobei beide eigentlich sowohl wenig Ecken als auch wenige Tische in ihren Behausungen hatten. Um genau zu sein, hatten sie gezählte vier Ecken und einen einzigen Tisch zur Verfügung, auf und in denen sich das Handy befinden konnte, nicht mehr und nicht weniger. 

“Auszeit!” schoß es dem Kleineren der beiden wieder durch den Kopf. “So kann es einfach nicht mehr weitergehen!” Seine mageren Hände griffen mechanisch nach dem nächsten zerbrechlichen Gegenstand, um ihn mit Kennerblick von allen Seiten zu betrachten und einer schnellen, aber doch eingehenden Prüfung zu unterziehen. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen betrachteten im trüben Licht der einsam über seinem Kopf an zwei Drähten hängenden Glühbirne das filigrane Werk, anerkennend murmelte er ein “Sehr schön!”, während er mit zusammengekniffenen Augen das kostbare Gut gegen das helle Tageslicht hielt, um etwaige Haarrisse erkennen zu können. Wobei gesagt werden muß, daß die dreckige Scheibe des einzigen Fensters wenig Tageslicht in die Einsamkeit seiner Wohnung zuließ, aber für ihn genügte es, um zu erkennen, ob das Produkt seinen hohen Ansprüchen genügte oder sich als minderwertig erwies. Er registrierte beiläufig, ohne es eigentlich wirklich zu sehen, daß dicke Schneeflocken auf dem Fenster Platz nahmen, neugierig sahen sie zu ihm herein, als sie sich auf der Fensterscheibe niederließen, um in langsamen Bahnen, eine kleine nasse Spur hinter sich herziehend, von der Schwerkraft nach unten gezogen zu werden. Bedächtig und mit geübten Griffen ließ er das fertige Produkt in einen großen Behälter gleiten, welcher sorgsam ausgepolstert neben ihm auf einem zweiten abgenutzten Sessel stand, um noch so kleinste Beschädigungen zu vermeiden.

“Auszeit!” war der erste Gedanke von W., als er sich schwerfällig aus seinem kalten Bett erhob. Die Sonne erhob sich in dem Moment hinter dem fernen eisgrauen Horizont, welcher sich als graue Masse hinter den Hochhäusern der Stadt nur erahnen ließ, als auch er sich mit einem langen schmerzvollen Seufzer aus dem alten Holzbett erhob. Die alte Matratze gab unter seinem Gewicht nach, widerwillig und unwirsch gab das Holzgestell fast menschliche Töne von sich. Lange blieb er auf der durchgelegenen Unterlage sitzen, ein dicker Schwall aus Schweiß, Alter und Ungepflegtheit kroch unter der Decke hervor, um sich heimlich im ungelüfteten Zimmer mit den anderen unangenehmen Gerüchen aus kaltem Rauch, den Ausdünstungen der Nacht, welche heimlich aus dem Gesäß, den Genitalien und den Achselhöhlen des Alten während der Nacht krochen, zu vermischen. Der modrige Geruch ungewaschener Kleidungsstücken, welche wahllos im Zimmer verstreut auf den drei Sesseln und auf dem ungehobelten Dielenboden lagen, ergänzte dieses Potpourri, vermengte sich mit der bleiernen Stille, welche das Haus umgab und seine dichten Tropfen aus gefrorenem Wasser als Vorboten eines nahenden kalten Tages schickte. Mit unendlich langsamen Bewegungen stand W. auf, stützte sich dabei mit seinen beiden von tiefen Altersfurchen durchzogenen Händen auf der Bettkante ab. Blaue, manchmal schon violette Adern quollen auf seinen Handrücken hervor, bildeten ein Gewirr aus gefangenem Blut, welches langsam strömend und leise pulsierend den alten Körper am Leben erhielt, erinnerten an ein Flußdelta, welches seine einzelnen Ströme sammelte, um sich dann in einer letzten Verzweiflung im unendlich tiefen Meer der Eitelkeiten zu versenken, selbst aufzulösen, um anderen Strömen Platz zu machen. Ein leichtes Schwindelgefühl erfasste ihn, als er im Zimmer stand und sich gedankenverloren durch den ungepflegten langen Bart strich, welcher die Farben des eisgrauen Winterhimmels hatte. Eine Hand griff mechanisch nach hinten, mit Daumen und Zeigefinger löste er die fleckige Unterhose von den eingetrockneten klebenden stinkenden Exkrementen und Ausscheidungen. Dann führte er die Hand zur Nase, roch längere Zeit daran, um zu beschließen, in nächster Zeit wieder einmal zu duschen.

Immer und immer wieder griff O. mit immer gleichen flüssigen Bewegungen in die scheinbar unendlich tiefe Kiste, um ein Kleinod nach dem anderen herauszuholen, zu betrachten, auf Produktionsfehler zu prüfen und beim kleinsten Anzeichen von Unregelmäßigkeiten achtlos in eine kleinere Kiste zu werfen, welche aber nur mit wenig Ausschußware gefüllt war. Jedes Teil glich dem nächsten wie ein Ei dem anderen, alleine die verschiedenen Farben ließen gewisse Unterschiede auch für den Laien erkennen. Ächzend legte er wieder ein fertiges Teil in die gepolsterte Kiste, mehr ein großer Korb aus geflochtenem Bast, um sich dann eine kleine Pause zu gönnen. Er wusste, daß er unter Zeitdruck stand, denn die komplette Lieferung musste in weniger als vier Monaten fertig sein. Für einen Fremden klang dieser Liefertermin nach reichlich Zeit, doch wer, wie O. es eben tat, wusste, was noch alles bis dahin zu erledigen war, der sah das Unternehmen mit anderen Augen. Suchend glitt sein flackernder ruheloser Blick durch die kleine Werkstatt, fand endlich die kleine Pfeife. Aus einem kleinen Beutel nahm er sich eine entsprechende Portion Opium, um mit zitternden Fingern die kleine Pfeife zu stopfen. Mit gierigen Zügen zündete er die kleine Pfeife an, inhalierte den Rauch mit geschlossenen Augen, um endlich zufrieden verzückt die Wirkung der Droge durch seinen abgemagerten Körper fließen zu lassen. Dann fiel sein Körper zurück, wohlig kratzte er seinen Rücken an der abgeschabten Rückenlehne, sah ein weiteres Mal in das trübe Grau des beginnenden Tages, um einen letzten Zug des Giftes in seine Lunge fließen zu lassen.

W. sah mit einem kurzen gewohnheitsmäßigen Blick auf den Wecker, welcher mit ruhigem Tick-tack die Zeit langsam aus seinem Leben wischte. Die Striche phosphoreszierten im Halbdunkel des Zimmers, begegneten seinem trüben Blick gelassen, um sich sogleich wieder ihrer eigentlichen Bestimmung, dem Messen der verrinnenden Minuten und Stunden zu widmen. Für einen kurzen Moment flackerte in seinem Gedächtnis eine ferne fast vergessene Vergangenheit auf, schob sich unmerklich, aber doch machtvoll in den Vordergrund seines Dämmerzustandes. Das Bild seiner seit ewigen Zeiten von ihm geschiedenen Frau tauchte auf, um sich in langsamen Kreisen um die Bilder seiner Kinder zu drehen, welche nun wahrscheinlich selbst schon eigene Kinder in die Welt gesetzt hatten, womöglich sogar selbst schon eigene Enkel hatten, lauter Generationen neuer W.´s, welche sich auf den Weg machten, alles anders, alles besser zu machen als es W. tat. Seit er sich damals auf den völlig absurden Plan, nein der Plan war gar nicht schlecht, von O. eingelassen hatte, die Got Tistot-Bank auszurauben, ging es stetig bergab mit ihm. Die Freude über den plötzlichen Reichtum hielt nur für kurze Zeit. “Nein, geschnappt haben die uns nie!”, dachte er grimmig und voller Stolz, während er sich einen kleinen Schnaps mit bebenden Händen, welche mit zahllosen braunen Altersflecken gesprenkelt waren, in ein viel zu großes Glas einschenkte, um nichts zu verschütten. “Scheiße, könnten wir es schön haben!”, wehmütig dachte er an das viele Geld, als die klare Flüssigkeit brennend durch seine Kehle rann. W. verzog sein Gesicht zu einer angeekelten Fratze und leise zischend entwich die Atemluft, als er den Schmerz des Alkohols in der Magengegend spürte. “Wie kann man an einem einzigen Abend so viel Geld verspielen?”, gedankenverloren schenkte er sich ein zweites Glas ein, dieses Mal schon etwas mehr, weil er das Zittern seiner Hände, deren Haut fahl grau im Licht des kalten Dezembertages wie Pergamentpapier hörbar knisterte, schnellstens unter Kontrolle bringen wollte, denn er hatte einen langen harten Arbeitstag vor sich. “Jeder hat uns damals gewarnt und uns gesagt, daß die großen Drei mit falschen Karten spielen. Aber nein, wir wussten es wieder einmal besser! Wir waren wirklich die größten Arschlöcher!”. Der Schnaps hatte währendessen seinen gewohnten Weg in die Speiseröhre von W. gefunden, fand ohne Hilfe in den von brennenden Geschwüren belagerten Magen, bahnte sich sofort seinen bekannten Weg in die leise pulsierenden Blutbahnen, um sogleich mit einem wohltuenden Pochen an den Schläfen seines Schädels anzuklopfen und “Guten Morgen” zu wispern.

Zufrieden grinsend saß O. auf seinem durchgewetzten Sessel. Plötzlich fing er an, grundlos laut zu lachen. Sein Sitzplatz schwebte mit ihm durch das kalte Zimmer, krampfhaft hielt er sich an den beiden gepolsterten Armlehnen an, um nicht herunterzufallen, ein stolzer Kapitän in einem stürmischen Opiummeer. Notdürftig hatte O. immer wieder die größer werdenden Brandlöcher ausgebessert, welche er im Delirium seines permanenten Drogenrausches mit seinen hastig gewickelten Joints in den Stoff gesengt hatte. Jetzt saß er vornübergebeugt über der schäbigen, von vielen Kerben, dunklen Brandlöchern und eingetrockneten Essensresten übersäten Arbeitsplatte, sog mit einem kleinen Geldschein, große hatte er in Ermangelung seiner zu finanzierenden Drogensucht sehr selten zur Verfügung, eine kleine Spur Kokain durch die Nase und ließ den wirren Gedanken in seinem drogenumnebelten Hirn freien Lauf. “Wir sollten es noch einmal probieren. Was einmal funktioniert hat, funktioniert immer!”, dachte O., während er schniefend die letzten Reste des Kokains durch die entzündeten Schleimhäute seiner Nase sog. “Scheiß drauf, was soll schon großartig passieren. Entweder hop oder top!”, lächelte er glückselig, als er das Zusammenspiel von Opium und Kokain als neben sich Stehender beobachtete. Dann klopfte er sich selbst auf die Schulter, zog sich taumelnd vom Sessel und nahm sich bei der Hand. Vorsichtig erhob er sich, fing an, mit langsamen Schritten und unsicheren Bewegungen zwischen den Fertigerzeugnissen zu tanzen. Mit glasigen starren Augen betrachtete er seine Waren, dachte an den Liefertermin, dachte an den Schuldenberg, welcher sich zwischen ihm und dem Leben dort draußen auftürmte, in den vielen Jahren angehäuft und seine kleine ausgemergelte Gestalt meterhoch überragend, kaum mehr zu überblicken, ein riesiger Haufen an konsumiertem Opium, Marihuana, Haschisch, Kokain, teurem Heroin und vielen bunten Pillen. Jeden Tag standen seine Gläubiger vor der Türe, belieferten ihn nur noch widerwillig mit dem, was er zum Leben, zum Überleben brauchte. Nur mit Bitten und Betteln, leeren Versprechungen, nicht einzuhaltenden Zusagen und kleinen Diebstählen konnte er an seinen dringend benötigten Stoff kommen. Mehrmals, in letzter Zeit immer öfter im Monat, je nachdem, wie es seine finanzielle Lage zuließ, kreuzten die großen Drei auf, um die verbliebenen Restschulden jene unsäglicher Nacht einzutreiben, ohne daß der geschuldete Geldbetrag nur um einen Millimeter schrumpfte. “Es ist zum Kotzen, es muß etwas geschehen. Wir brauchen Kohle!”, sagte er zu sich, während er an W. dachte, seinen einzigen Freund im Leben.

Mit blutunterlaufenen Augen hatte sich W. wieder auf sein Bett gesetzt, die Flasche mit dem billigen Schnaps bereits zu zwei Dritteln geleert, saß er mit hängenden Schultern da, eine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand, den großen bräunlich-gelben Nikotinfleck verdeckend. Langsam fraß sich die Glut durch das weiße Zigarettenpapier, hinterließ eine immer längere Spur filigraner unregelmäßig geformter Asche, einzelne Partikel lösten sich unter ihrem Eigengewicht, schwebten träge auf das dreckige Laken zu, um sich vor ihn, zwischen seine dicht behaarten Schenkel zu setzen. Das Glas lag zerbrochen neben dem Bett, verständnislos blickte er auf den Boden, um den Grund für die Scherben zu erfassen. Die Wirkung des Alkohols hatte bereits eingesetzt, aber aus langjähriger Erfahrung wusste W., daß er zumindest noch eine Flasche brauchte, um wenigstens den Vormittag einigermaßen anständig, besser gesagt anstandslos, zu überstehen. Doch er wusste, daß dies seine letzte Flasche war. Und ohne Geld kein Alkohol, wurde ihm unbewußt, aber messerscharf klar. “Scheiße, so kann´s nicht weitergehen“, sein Nacken fiel nach hinten, während er die Flasche an den Mund führte und gierig trank. Der Schnaps rann links und rechts von seinen Mundwinkeln herunter, mit dem Handrücken seiner blaugeäderten faltigen furchigen stinkenden altersfleckigen nikotingelben Hand wischte er die scharfe farblose Flüssigkeit ab, schleckte begierig darüber , um auch nicht den kleinsten Rest an betäubender Wirkung zu verlieren. Vorgestern waren die großen Drei da, ein paar Schläge in die Magengegend, wortlos und ohne Vorankündigung, und W. gab bereitwillig die letzten Scheine und Münzen her. Er sah ihnen dann lange nach, als sie in die vor dem Fenster parkende Limousine stiegen und mit freundlichem Gruß, ironisch gönnerhaft, winkten. “Es ist zum Kotzen, es muß was geschehen. Wir brauchen Kohle!”, murmelte W, während er sich durch sein wirres schuppiges fettiges Haar fuhr und an O. dachte, seinen einzigen Freund im Leben. Er erhob sich ein zweites Mal von seinem Bett, fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger zwischen Unterhose und Gesäß, um erneut die vertrockneten Reste an Exkrementen und fauligen Ausscheidungen zu lösen. Unbewußt und gedankenverloren führte er seine Hand zur Nase, roch ausgiebig daran, um zu beschließen, in nächster Zeit wieder einmal zu duschen.

Sie sind gespannt darauf, wie sich O. und W. weiter durch ihr Leben schlagen? Die Antwort gibt Ihnen selbstverständlich die Fortsetzung mit dem Titel Auszeit…(2.Teil: Der Plan). Aber bis dahin müssen Sie sich noch etwas in Geduld üben, wobei ich Ihnen bereits jetzt schon, immerhin bin ich Verfasser dieser Kurztrilogie, glaubhaft versichern kann und darf, daß der dritte und letzte Teil mit dem Titel Auszeit…(3. Teil: Das große Sterben) nichts für schwache Gemüter sein wird.

2.5.2010

Theodizee oder…

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 03:25

der Gute, der Böse und der Atheist

unterhalten sich über Gott respektive wie kann einem übermenschlichen, allmächtigen, allwissenden und vor allem gütigen Wesen Sinn und Sinnhaftigkeit zuerkannt werden in einer Welt, welche von Leid, Elend, Kriegen, Umweltkatastrophen und Hungersnöten geprägt ist. Inspiriert zu diesem reißerischen Titel hat mich der 1966 von Sergio Leone (Regie) gedrehte Italo-Western Il buono, il brutto, il cattivo (englischer Originalitel: The Good, the Bad and the Ugly) oder eben übersetzt “Der Schöne, der Böse und der Hässliche”. Die Älteren unter uns werden sich an diese sogenannten und oftmals respektlos bezeichneten Spaghetti-Western erinnern, welche sich immer innerhalb bestimmter Grenzen und anhand vorgezeichneter Schemata bewegten. Der strahlende gut aussehende Held auf der einen Seite, ihm gegenüber der eiskalte berechnende Bösewicht und zwischen den beiden Protagonisten ein zwischen Gut und Böse hin- und hergerissener einfältiger Darsteller, von den beiden Hauptdarstellern zu gleichen Teilen zu ihren zugegebenermaßen egoistischen Zwecken benutzt.

Manch ein Liebhaber dieser Kategorie Film wird sich nun die berechtigte Frage stellen: “Von welchen Film spricht dieser Bögle bitteschön jetzt schon wieder, noch nie davon gehört?” Sie haben natürlich wie immer vollkommen recht. Aber wenn ich nun sage, daß dieser auf Zelluloid gebannte Streifen in den deutschen Kinos unter dem Titel “Zwei glorreiche Halunken” lief, werden die meisten jetzt “Aha, ja den kenn ich!” ausrufen. Ich möchte jetzt auch gar nicht auf Handlung und die zahlreichen Wendungen eingehen, denn die Kenner des Metiers werden sich gedanklich wohl bereits auf die Seite des namenlosen Blonden, gespielt vom unvergleichlichen Clint Eastwood, gestellt haben und werden ihren Finger locker lässig am Abzug ihres Peacemakers haben, um sich gegen den immer grausam böse lächelnden Lee van Cleef, einen skrupellosen Kopfgeldjäger namens Sentenza, zur Wehr zu setzen. Und dann haben wir natürlich noch Tuco, einen Mexikaner, unfreiwillig freiwillig herrlich komisch von Eli Wallach dargestellt. Alleine die Szene, als er, in der Wüste von Clint Eastwood ausgesetzt, nach Irrungen und Wirrungen in einem Waffengeschäft aus verschiedenen Revolvern die für ihn perfekte Waffe zusammenbastelt, um danach den Händler galant seines Bargeldes zu berauben, geradezu köstlich, um nicht sogar den etwas hochtrabenden Begriff grenzgenial zu verwenden. Aber ich möchte nun nicht weiter in den alten Zeiten herumkramen geschweige denn will ich die heutige hochsensible Jugend dazu anstiften, sich solch blutrünstige und gewalttätige Produkte der Filmgeschichte anzusehen.

Widmen wir uns dementsprechend unserem eigentlichen Thema, der Theodizee. Der im Gegensatz zu mir bewanderte Philosoph, sowohl weiblicher als auch männlicher “Machart”, wird wahrscheinlich im Geiste müde lächelnd seinen Kopf bedeutsam schütteln und sich wieder bedeutenderen Dingen zuwenden. Möglicherweise wird sie/er noch den Begriff Theodizee (französisch théodizée) aus dem Griechischen theos (Gott) und dike (Gerechtigkeit) herleiten, um sich dann die Frage stellen, warum schon wieder über solch ungelösten Fragen grübeln, wo wir noch nicht einmal wissen, ob Gut und Böse überhaupt existieren. Nun, um genauer zu sagen: Es läßt sich wohl kaum in Abrede stellen, daß das Böse auf und in dieser Welt vorhanden ist, von den mannigfaltigen Interpretationen und Definitionen einmal abgesehen, doch wie um Himmels willen konnte solch ein grundgütiger Gott diesem Bösen Tür und Tor öffnen? Doch genau mit dieser Problematik müssen wir Menschen uns wohl oder übel bereits seit dem biblischen Sündenfall unserer verbrecherischen Ur-ur-und ich weiß nicht wieviel noch Ur-urahnen, welche uns als Adam und Eva bekannt sein dürften, auseinandersetzen.

Die Theodizee oder lassen Sie mich sagen jenes Problem einer Rechtfertigung für die Güte Gottes wurde 1710 vom Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz begrifflich in die Welt gesetzt, das Bestreben, diesem Paradoxon aus philosophisch-erkenntnistheoretischer Sicht Herr zu werden, beschäftigt den Menschen wohl bereits mit seiner vermeintlichen Vertreibung aus dem Paradies und der damit gleichzeitig verbundenen Menschwerdung im Sinne von Freiheit. Unter dem Aspekt der Logik haben wir es mit dem Widerspruch zu tun, auf der einen Seite an jenen von der Bibel proklamierten Gott als gütiges allwissendes und allmächtiges Wesen zu glauben, andererseits aber zugeben und die alltägliche Erfahrung machen zu müssen, daß es das Böse ebenfalls in unserer Welt gibt. Wie ist aber demnach möglich, daß ein in seiner Macht unbeschränkter Gott es zulassen kann, daß sich das Übel in unserer schönen Welt Zugang verschaffen konnte?

Ich möchte nun nicht auf die für ein tieferes Verständnis der Theodizee notwendige Unterscheidung moralischer und natürlicher Übel eingehen. Anzumerken sei hierbei nur, daß natürliche Übel im Wesentlichen jene Klasse darstellen, welche losgelöst vom amoralischen bzw. unmoralischen und schuldhaften Handeln eines Individuums stehen, also allgemein im menschlichen Sprachgebrauch für Naturkatastrophen (Erdbeben, Seuchen, Epidemien usw.) stehen. Demgegenüber läßt sich die Kategorie schuldhaften bzw. unmoralischen Handelns am treffensten mit all jenen Phänomenen menschlicher Abgründe umschreiben, wie sie von Neid, Mißgunst, Habgier oder vorsätzlichem Mord hervorgerufen werden (siehe dazu z.B. Norbert Hoerster: Unlösbarkeit des Theodizee-Problems). Inwiefern jedoch in unserer heutigen Gesellschaft, welche sich aufgrund unseres Wertewandels und der Umdeutung und Neuinterpretation moralischer Grenzen durch Raubbau an der Natur, Gentechnik und dem rücksichtslosen Ausbeuten noch vorhandener Ressourcen stark gewandelt hat, jene ursprünglich als natürliches Übel bezeichneten Katastrophen auf die moralischen Übel der Welt einwirken oder diese sogar sublimieren und unter günstigen Umständen substituieren, bedarf sicherlich noch weitergehender und tieferer Untersuchungen. Als Beispiel sei hier auf die immer stärker um sich greifende Problematik des Trinkwassermangels verwiesen, ein an sich natürliches Problem, welches sich aber aufgrund moderner Nuklearwaffen und Atomraketen zu einem Bösen der moralischen Kategorie entwickeln wird, da Habgier, Neid, Profitgier, ineffektive Bewässerungstechniken, aber auch der Kampf um das Überleben dem Menschen plötzlich Mittel an die Hand geben, ein natürliches Problem nun mit moralisch nicht gerechtfertigten Mitteln bzw. Sanktionen durchzusetzen. Doch selbst diese Deutung läßt sich noch wesentlich verschärfen, indem man als Grundlage unmoralischen menschlichen Handelns nicht das Druckmittel an sich, die Androhung oder schlimmstenfalls den Einsatz von Massenvernichtungswaffen als unmoralisches Tun betrachtet, sondern, wie schon erwähnt, bereits die Profitgier und den Neid als Amoralität primärer Ordnung sieht.       

Leibniz war beileibe nicht der erste, welcher diese Ambivalenz von Allmacht oder Ohnmacht eines göttlichen Wesens hinterfragte und auch in Frage stellte. Oder wesentlich schärfer ausgedrückt: Darf es dem seit der Vertreibung aus dem Paradies in seinen Entscheidungen freien Menschen gestattet sein, einen Gott, welcher den Katalog menschlicher Grausamkeiten und Umweltkatastrophen Tag für Tag um eine Vielzahl an Einträgen füllt, auf die Anklagebank setzen? Dürfen wir uns plötzlich selbst, in unserer Eigenschaft und Funktion als Untergebene einer Macht, welche uns einst willkürlich oder aus einem Akt der Gnade heraus das Leben geschenkt hat, zum Richter aufschwingen?  Ist es nicht nur legitim, sondern sogar notwendig, sich anstelle des Schöpfers, welcher ursprünglich als Kläger und Richter in der Rolle einer überirdischen Instanz fungierte, sich selbst zum Ankläger über jenen Gott zu stellen, der aufgrund seines offensichtlichen Versagens und Scheitern plötzlich auf die Stufe menschlicher Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheit herabsteigt anstatt sich hinter der ihm aufgrund vom gottgläubigen Menschen zugedachten imaginären und unangreifbaren Souveränität und Unantastbarkeit zu verstecken? Hat der Mensch sowohl das Recht als auch die Pflicht, um seiner selbst willen jenem Überirdischen ein Ende zu setzen, nicht als Sinnbild oder Produkt einer Palastrevolution, sondern einzig und allein aus jenem Grunde, um seinen eigenen Fortbestand außerhalb einer nicht mehr funktionierenden und vor allem nicht mehr zu kontrollierenden guten Macht zu sichern, welche ohnmächtig und hilflos jenen Mächten des Bösen gegenübersteht.  

Leibniz löst dieses Problem weniger als er es vielmehr umgeht. Meines Erachtens bemüht er sich weniger um Transparenz, d.h. um Auflösung jenes gordischen Knotens von Allmächtigkeit des Guten und gleichzeitiger Existenz des Bösen, welches jedoch eben aufgrund der Prämisse dieser Allmacht keinerlei Anspruch auf ein Vorhandensein besitzt. Leibniz entscheidet sich dafür, diese theistische Transzendenz mit der Inferenz der bestmöglichen Welt zu begründen. Gott hat sich laut Leibniz dafür entschieden, jene Welt dem Menschen zur Verfügung zu stellen, zu erschaffen, welche mit dem geringstmöglichen Übel behaftet ist. “Wir leben in der besten aller möglichen Welten!“, folgert Leibniz und verweist damit auf die Notwendigkeit, aber ebenfalls auch Erklärbarkeit des Bösen, welches in anderen Welten wesentlich größere Freiräume genießt als in der von Gott geschaffenen Welt, welcher wir den Namen Erde gaben. Wir müssen also dankbar sein, daß der Herr sechs Tage an seinem zwar nicht vollkommenen, aber für ihn zufriedenstellenden Werk gebastelt hat und uns insgeheim sagen: “Woanders würde es uns noch viel schlimmer gehen, seien wir also dankbar und zufrieden für das, was wir bekommen haben”.

Diese Interpretation der uns von Gott zur Verfügung gestellten Welt hat jedoch noch einen anderen Vorteil. Hätte das Böse in dieser Welt keinen Platz, würde dies die Konklusion implizieren, das von Gott Geschaffene wäre bereits vollkommen und der Mensch als Teil dieses von Gott Geschaffenen hätte bereits die Stufe der Vollkommenheit erreicht und befindet sich demnach auf derselben Stufe wie Gott selbst. Um also diesem Dilemma nicht gestatteter Allmacht und Allwissenheit des Menschen, welche ansonsten die Existenz Gottes als überflüssig erscheinen läßt, zu entgehen, ist es unabdingbar, daß der Mensch die Unterscheidung von Gut und Böse als stetigen Lernprozess begreift, um daraus wiederum die ihm übergeordnete Institution als höchste Instanz zu akzeptieren. So dient also die Erschaffung des Bösen, welches als externe Kraft dem Menschen erst die Erkenntnis des Gegensatzes von Gut und Schlecht ermöglicht, dazu, seiner möglichen Abkehr von Gott entgegenzuwirken. Und, um dem Ganzen nun noch die Krone (der Schöpfung) aufzusetzen, wir werden sogar dazu angehalten, Böses zu tun. Denn nur derjenige Mensch, welcher im Bewußtsein, Böses getan zu haben, wird diesen Lernprozeß erfolgreich bewältigen und sich reumütig wieder Gott zuwenden und um Vergebung bitten können. Nur wer den Verlockungen von Verboten erliegt, hat Anspruch auf göttliche Unterstützung.

Andererseits impliziert aber gerade dieses erste Verbot, welches Gott aussprach, nämlich vom Baum der Erkenntnis zu naschen, erstmals die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu können. Möchte ich als Adam wissen, welche Folgen mein Tabubruch nach sich zieht? Der erste Mensch steht nun zum ersten Mal vor der Wahl, sich zwischen mehreren Wegen entscheiden zu können, unabhängig davon, ob er diese möglichen Entscheidungen auch in die Tat umsetzt. Es ist weniger die Verlockung, von der süßen Frucht tatsächlich zu naschen, es ist die Möglichkeit, es tun zu können oder bleiben zu lassen. Das einzelne Individuum tritt zum ersten Male aus dem Schatten der gemeinschaftlichen Einheit heraus, um sich selbst im Licht selbst gewählten, frei bestimmten Handelns zu bestaunen. Der Mensch setzt zum allerersten Schritt über den Abgrund an, jenen Abgrund namens Mensch, welchen Nietzsche als Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, bezeichnete. Siehe dazu meine beiden Artikel Nietzsche und die katholische Kirche und Gott ist tot ! Willkommen Homo superior.  

Deshalb muß die Frage erlaubt sein: Ist das Essen der verbotenen Frucht die erste böse Tat der Menschheit oder muß nicht Gott selbst in die Verantwortung genommen werden, weil er als allmächtige und allwissende Instanz dem Menschen selbst diesen Baum zur Verfügung gestellt hat und somit selbst das Böse erschaffen hat? Nicht das Naschen war der Akt des Bösen, sondern bereits der Baum der Versuchung oder eben Baum der Erkenntnis wird begreifbar als Ursache des Übels. Hat nicht Gott selbst durch Aussprechen des Verbotes den Menschen darin beflügelt, sich aus seinen Fesseln der Unselbständigkeit und dem Diktat des Gehorsams zu befreien, indem er ihn vor die Wahl stellte, aus mehreren vorhandenen Möglichkeiten zu wählen? Die Erkenntnis, in den individuellen Entscheidungen frei zu sein, natürlich auch mit der daraus resultierenden Verantwortlichkeit für das entsprechende Handeln und den möglichen Konsequenzen, den Geboten Gottes zuwiderzuhandeln, ist deshalb auch in erster Linie auf jenen von Gott verhängten Akt des Verbotes zurückzuführen und nicht eine Forderung des Menschen, frei sein zu wollen. Es steht außer Frage, daß sich Adam auch gottgefällig hätte entscheiden können, aber erst der Baum der Erkenntnis als Werkzeug des Bösen, von Gott zur Verfügung gestellt, ließ eine Unterscheidung von bösen und guten Handlungen zu, welche bis zum Sündenfall unbekannt waren. Wurde Adam in Versuchung geführt oder sollte sich nicht Gott vielmehr die Frage stellen, ob er der Versuchung, Adam in Versuchung führen zu wollen, selbst nicht widerstehen konnte?

Doch warum ermöglichte gerade ein gütiger allwissender Gott diese Möglichkeit, wenn doch keine Notwendigkeit dazu bestand? Müssen wir deshalb nicht sogar weiter gehen und Gott als Ursprung allen Übels selbst hinstellen? Wer, wenn nicht das Böse selbst, ist bestrebt, dem Bösen Vorschub zu leisten? Womöglich diente der Baum der Erkenntnis vielmehr dazu, die Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheit des nur in unseren Köpfen vorhandenen allmächtigen, gütigen und allwissenden Wesens zu kaschieren, im Wissen darum, daß der Mensch früher oder später jenem Lügenkonstrukt sowieso auf die Schliche gekommen wäre. Die Frucht von diesem Baume ist möglicherweise kein symbolischer Apfel, welcher den Menschen geradewegs aus dem Paradies hinauskatapultiert hat, sondern entspricht dem berühmten faulen Apfel, welcher bereits das Böse in die Welt trug, lange noch bevor sich der Mensch aufmachte, dieses Übel aus seinem schlummernden Dämmerzustand zu befreien. Nicht die Schlange führte den Menschen in Versuchung, sondern Gott benützte den Menschen als Katalysator, als Brandbeschleuniger, um den Flächenbrand des als Sündenfall getarnten Übels vom Mikrokosmos des Garten Edens über die Welt zu verbreiten. Konsequenterweise darf demnach nicht der Mensch als die Quelle allen Übels angesehen werden, sondern einzig und allein als willenloses Werkzeug, welcher möglicherweise doch nicht so vollkommen unabhängig in seiner Entscheidungsfreiheit war.

Das Problem Theodizee oder übersetzt “Rechtfertigung Gottes” ist nicht neu und, was wahrscheinlich weit schwerer wiegt, es ist nicht gelöst. Am besten beschreibt dieses Paradoxon folgender Gedankengang, welcher ursprünglich dem griechischen Philosophen Epikur zugeschrieben wurde, wahrscheinlich aber nicht epikureischen Ursprungs ist, lange noch bevor Gottes Sohn sich aufmachte, den Menschen befreien zu wollen.

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
oder er kann es und will es nicht:
dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
oder er will es nicht und kann es nicht:
dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?

Was bleibt nun als Resümee? Ich habe endlich wieder einmal Lust auf frisches Obst! Mir schwebt dabei einer schöner roter Apfel vor, am besten selbst gepflückt aus Nachbar´s Garten. Sollte ich dabei erwischt werden, werde ich aber selbstverständlich die Frechheit besitzen, mich auf Adam und Eva zu berufen. Oder sollte ich letzten Endes für mein Tun und Handeln selbst verantwortlich gemacht werden, wenn es doch wesentlich bequemer ist, mich auf das Böse in dieser Welt zu berufen, unabhängig davon, wieviel Schlangen sich gierig nach mir verzehren.

läuft stressfrei mit WordPress ( WordPress.de )