Auszeit…(3. Teil: Das große Sterben)
Wir nähern uns heute gemeinsam dem Ende unserer tragischen Geschichte um die traurigen Helden O. und W., zwei vom Leben nicht gerade übervorteilte Kreaturen, Gestalten und im Verborgenen lebende Wesen, keine Lichtgestalten, sondern Schattenwesen, aber dazu am Ende dieser Geschichte mehr. Wer sich erst jetzt in die Kurztrilogie mit dem Titel “Auszeit” eingefunden hat, den möchte ich bitten, natürlich nur des besseren Verständnisses wegen, sich in die Vergangenheit zu begeben, und die beiden ersten Teile Auszeit…(1.Teil: Der Gedanke) und danach Auszeit…(2. Teil: Der Plan) zu lesen. Für alle anderen geht es nun dort weiter, wo sich O. und W. zuletzt befanden, nämlich in W.´s armseliger Behausung.
Ein ums andere Mal trat O. auf den Mantelsaum, nur mühsam konnte er sein Gleichgewicht halten, mit ein Grund waren möglicherweise auch die sieben LSD-Tabletten, welche er zur Beruhigung zwanzig Minuten vorher nahm, ein Vorschuß des Dealers seines Vertrauens, wobei O. mittlerweile, streng genommen, keine großen Optionen in der Wahl seiner Drogenlieferanten offen standen. Der weiße Bart rutschte ihm andauernd nach oben, verdeckte die ohnehin schon vernebelten Augen bis zur Gänze, wobei ihm mit jedem Atemzug ein Schwall an eingetrocknetem Erbrochenen entgegenströmte, welches sich aus der flaumigen ehemals weißen kindlichen Illusion heiler Welt löste und in kleinen Krümeln langsam in sein Hemd rieselte. Der große Sack, welche für die Beute gedacht war, hatte ein riesiges und mehrere kleine Löcher, ausgerfranste Überbleibsel von vier Flaschen Cognac, welche nach W.´s letztem Arbeitstag ihren illegalen Weg in den Sack fanden und eigentlich für eine Betriebsfeier gedacht waren. O. hatte behelfsmäßig einige Streifen Isolierband über das größte der Löcher geklebt, aber aufgrund der rauhen Oberfläche lösten sich bereits nach wenigen Augenblicken die Ränder.
Ursprünglich waren es sechs volle Flaschen. Feinster französischer Cognac, für die verwöhnten Gaumen der in fröhlicher Weihnachtsstimmung befindlichen Damen und Herren jener Firma bestimmt, welche ihn gebucht hatte, woher sie seine Adresse hatten, wusste er bis heute noch nicht, aber er durfte in Zeiten wie diesen nicht mehr wählerisch sein. In einem unbemerkten Augenblick griff W. zu, packte sozusagen die Gelegenheit auf eine mindestens zwei Tage andauernde Volltrunkenheit beim Schopf und ließ die sechs mit der bernsteinfarbenen verführerisch glitzernden Flüssigkeit gefüllten Flaschen im großen Sack seines sachlichen und von Nüchternheit und einem Hang zum Pragmatismus, sah man von seinem Dauerrauschzustand einmal ab, geprägten Lebens verschwinden. Sein Auftritt war ein voller Erfolg, denn trotz seiner Volltrunkenheit schaffte er es, zwar lallend und unter dem Gelächter der Anwesenden, sein “Hohoho, von draussssn, vomm Lald komm ich, hohoho” aufzusagen. Danach kam sein Redefluß für einen kurzen Moment ins Stocken, mühsam sah er sich unter den Gästen um, bis sein Blick auf ein riesiges Mosaik fiel, welches an irgendwelche Höhlenmalereien erinnerte. Orange- und Brauntöne dominierten das Wandrelief und plötzlich, einer inneren Eingebung folgend, führte W. seinen Zeigefinger zur Nase, blickte mit verklärtem Blick auf die bräunlich-gelbe Fingerspitze und begann mit langsam kreisenden Bewegungen, Figuren in die Luft zu malen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er mühsam sagte: “Das ist Rrurudi, mmein Scheiß-Rentier! Undd dasss issst eine rrode Nassse! Abba die gehöhört mir, ihr Aschlööcher!” Als ihn sanft, doch bestimmt kräftige Arme an beiden Seiten packten, versuchte er sich loszuschütteln. Doch der Druck wurde stärker und so verließ er unter lautem Protest, der sich in “Ihr Ssscheiß-Aschlööcher!” äußerte, die Empfangshalle.
Als ihm der kalte Wind der nächtlichen Stadt mit eiserner schneeweißer Faust in sein aufgedunsenes Gesicht schlug, stellte er den Sack, in welchem sich Attrappen bunter Geschenke befanden, so heftig auf der betonierten Insel seiner Einsamkeit ab, daß vier der sechs Flaschen voller Schmerz aufschrien und im nächsten Moment bereits ihr hochprozentiges Blut über den Gehsteig sickerte. W. versuchte zu retten, was zu retten war. Mit bloßen Händen griff er in den Tumult schiffbrüchiger Scherben, grub sich bis zu den beiden eingeschlossenen Überlebenden vor und packte beherzt und mit blutverschmierten Fingern zu. Die ausgelaufene Flüssigkeit brannte in den Schnittwunden, welche ihm die in ihrer Agonie verharrenden Flaschenhälse zufügten, aus toten scharf gezackten Schlündern schrien sie ihm seine Zukunft in sein gefrorenes Gesicht, gruben sich in die speicheltriefende weiße Illusion ein, um ihn letztendlich alleine in der Welt voller hohler Geschenke und billiger bunter nichtssagender Verpackungen zurückzulassen.
Doch während O. in einer Art Hassliebe mit dem zu großen Kostüm verschmolzen war, konnte sich W. mit dem von O. ausgeliehenen Kostüm ebenfalls überhaupt nicht anfreunden. Immer wieder verhedderte sich der buschige Stummelschwanz zwischen seinen Beinen, rieb sich an seinem After, vermischte sich mit den Ausdünstungen und brachte ihn ein ums andere Mal fast zu Fall, wobei bei genauerer Überlegung auch die zwei Flaschen Selbstgebrannter ihre Wirkung nicht verfehlen mochten, welche er sich zur Beruhigung innerhalb von 52 Minuten einflößte. Die engen Ärmel schnürten ihm das Blut oberhalb der Ellbogen ab, packten ihn mit ihren unbarmherzigen Zangen aus braunem Stoff und pumpten ihre 36,5 °C warme rote Brühe aus seiner mit Brachialgewalt angereicherten Gefühlslosigkeit. Immer wieder versuchte er durch schnelles Schütteln der Arme die eingeschlafenen Gliedmaßen zum Leben zu erwecken, schüttelte die lähmende Leere seines Gehirns polternd nach links und rechts. Die flauschigen Hosenbeine verdeckten kaum seine Knöchel, aber bei jedem Schritt zwickte die enge Hose in seiner stinkenden gottlosen Genitalität, trieb den verdorrten Samen in die Kanäle vergangener Fortpflanzungsbereitschaft und trieb einen riesigen Pfropfen zwischen sich und einen längst vergessenen Zeugungsakt. Nach vier oder fünf Schritten griff sich W. jedesmal zwischen seine Beine, um die drückenden Hoden mit Daumen und Zeigefinger aus ihrer Beengtheit zu befreien.
Es war bereits dunkel, als sie vorsichtig die Wohnung verließen. Sich nach allen Seiten umschauend, schlugen sie den Weg zur Got Tistot-Bank ein, welche seit zwei Jahren eine große Filiale gleich um die Ecke betrieb. Menschen hasteten tief vermummt an ihnen vorüber, manche schauten erstaunt die beiden Gestalten an, welche sich durch das einsetzende Schneetreiben an ihnen vorbeidrängten, ohne ihnen jedoch weiter Beachtung zu schenken. Die Temperaturen waren wieder unter die Null-Grad-Grenze gesunken, ein eiskalter Nordwind zeigte den beiden seine kälteste Schulter. “Scheiße”, fluchte W. plötzlich leise, als sie bereits die ersten hellerleuchteten Fenster der Bank vor sich im dämmrigen Licht der Straßenbeleuchtung sahen. O. blickte ihn sorgenvoll und mißtrauisch von der Seite an, die Schnapsfahne war sogar sprichwörtlich gegen den Wind zu riechen. “Was ist?”, wollte O. wissen, als W. plötzlich stehen blieb und fieberhaft sein enges Kostüm abtastete, ohne zu finden, was er suchte. “Ich hab die Pistole auf dem Tisch liegen lassen”, sagte er kleinlaut, ohne O. dabei anzublicken. O. suchte in seinem wabernden, vom LSD benebelten Hirn nach der Bedeutung des Wortes Pistole, als sich endlich, nach einigen Sekunden intensiven Nachdenkens, der Begriff mit dem dazugehörigen Bild einstellte. “Ich glaub´s nicht! Du bist wirklich das dümmste, versoffenste Arschloch! Und mit so einem Trottel geh ich Banken knacken! Kein Wunder, daß Du bis zum 24. nicht fertig wirst! Also das ganze noch einmal von vorne. Los, hol die verdammte Spritzpistole, bevor Dir noch Dein gottverdammtes Hirn komplett einfriert!” O. schrie die letzten beiden Sätze, ohne auf die vorbeieilenden Passanten zu achten, welche sich neugierig nach den beiden umdrehten, aber aufgrund der beißenden Kälte ihre Schritte nicht verlangsamten. “Geht nicht, der Hausschlüssel liegt auch zuhause!”, W. wich zwei Meter zur Seite, um sich, wenn nötig, in Sicherheit bringen zu können. O. stand wortlos da, überlegte wieder einige Augenblicke, um dann unbeirrt seinen Weg fortzusetzen. Langsam folgte ihm W., murmelte etwas von “Kein Wunder, wenn nichts zu trinken da ist, wie soll ich da denken!”
Vor dem Haupteingang der Bank drehte sich O. um, verfing sich zum x-ten Male im viel zu langen roten Mantel, dessen Saum von der nassen Straße bereits völlig durchweicht und schmutzig braun war. Er wartete geduldig auf W., der mit langsamen und unsicheren Schritten auf ihn zuwankte, ohne ihn anzusehen. “Also, wie besprochen. Wir gehen beide rein, Du bleibst beim Eingang stehen, laß am besten eine Hand unter dem Kostüm, das schaut dann wie eine Pistole aus. Ich geh´nach vorne, hol die Kohle und wir sind schon wieder weg, ehe die überhaupt wissen, was los is´. Verstanden?” Noch bevor W. antworten konnte, stieg er stolpernd die Treppe zum Haupteingang hinauf, während W. zum letzten Mal mit Daumen und Zeigefinger das viel zu enge Kostüm aus seinen Hoden fischte und sich ausgiebig die eingetrockneten Exkremente aus der Furche seines Hintern kratzte. Danach führte er die Hand zur Nase, roch ausgiebig daran und beschloß im Stillen, wieder einmal zu duschen.
Was O. und W. in diesem Moment nicht sahen, war ein schwerfälliger gepanzerter Wagen, welcher sich in den abendlichen Verkehr der Stadt einfädelte, um die Einnahmen der Bank in die Hauptfiliale zu bringen. Vier schwerbewaffnete Männer saßen schweigend mit kugelsicheren Westen im Inneren und freuten sich, in einer Stunde zuhause bei ihren Familien den Abend verbringen zu dürfen. So stolperten die beiden in den Schalterrraum der Bank und gerade, als sich O. mit erhobener Waffe zu den Schaltern begeben wollte, trat W. auf den viel zu langen roten vom Schnee der Straße schwer gewordenen Mantel von O.. Ruckartig wurde O. in der Vorwärtsbewegung gestoppt, mit einem lauten Fluchen fiel er nach hinten, die schwarze Plastikpistole entglitt seiner Hand und mit einem scheppernden Geräusch schlitterte sie etwa drei Meter in den Schalterrraum der Bank.
Die Gespräche der Kunden verstummten, Bankangestellte hörten auf, Geldscheine zu zählen, andere blickten verwundert von ihren Computern auf. Ein junges Paar, welches gerade einen Wohnkredit zu völlig überhöhten Zinsen unterschreiben wollte, drehte sich um, die junge Frau erblickte die Waffe und mit einem spitzen Schrei lenkte sie die Blicke der Anwesenden auf den schwarzen Gegenstand, welcher nun einsam bedrohlich mitten im Raum lag. Geistesgegenwärtig drückte eine Frau einen unter einem Tisch versteckten Alarmknopf und ebenso geistesgegenwärtig stieß O. seinen einzigen Freund im Leben zum Ausgang hin, robbte zu der am Boden liegenden Waffe und richtete diese auf ein unbestimmtes Ziel im Raum. Sekundenlang herrschte Schweigen, Menschen starrten auf die Waffe, O. starrte auf die Menschen und W. starrte auf O.. Dann, nach unendlich langen zäh verrinnenden Sekunden begann O. zu sprechen: “Ddies iiist ein Üüberfall! HäHäHände hoch!” Dutzende Male hatte er sich diese zwei Sätze zurechtgelegt, auf dem Weg von W.´s Wohnung bis zur Bank immer wieder vor sich hingesprochen. Und jetzt stand er da, stotternd und zitternd. Eine alte Frau mit einer weinroten Wollhaube verlor das Interesse an ihm, bückte sich zu ihrem Yorkshire-Terrier, welcher sie aus verblödeten Augen und mit heraushängender rosa Zunge, eine hellblaue Plastikmasche zwischen den Ohren, anblickte, und tätschelte ihn mit ruhiger Hand. Dann erhob sie sich wieder und mit ihrer Fistelstimme sagte sie zu der Bankangestellten: “Haben Sie schon die Polizei angerufen? Weil Daisy hat Hunger und ich muß noch einkaufen!” Die junge Frau blickte sie aus entsetzten Augen an, schüttelte unmerklich und mit weit aufgerissenen Augen den Kopf und machte sich hinter der kleinen alten Frau noch kleiner. Glitzernd lagen kleine Schneekristalle auf der roten Wollhaube, schmolzen unendlich langsam durch das Leben der versammelten Menschen, um schließlich durch die warme Röte in die Schädeldecke der alten Frau einzudringen und ihre schmelzenden Körpern mit den Gedanken der Alten zu vereinigen. O. schüttelte ebenfalls seinen Kopf, resigniert und heimlich W. verfluchend ging er mit langsamen Schritten auf die erste kleine Schlange vor einem der Schalter zu. W. kratzte sich gedankenverloren an seinem Hintern, befühlte die verkrusteten Spuren eingetrockneter Exkremente in seiner Unterhose, welche er durch das dünne Kostüm ertastete und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, ob der Wasserhahn seiner Dusche tropfte. Wieder führte er die Hand zur Nase, beroch sie ausgiebig und beschloß, mit dem Duschen noch bis morgen zu warten, denn ihm fiel ein, daß er kein Duschgel, Seife oder sonstiges zuhause hatte, das fehlende warme Wasser aufgrund unbezahlter Rechnungen ignorierte er schon seit langer Zeit. Erst brauchte er einen ordentlichen Schluck Selbstgebrannten und gleichzeitig dachte er, während er sehnsüchtig mit der Zunge schnalzte: “Scheiß Welt, die geht mir voll auf den Sack!”
Zwischen Drücken des stillen Alarms, immer noch verschwendeten weder O. noch W. einen einzigen Gedanken an Flucht, und der nun sabbernden und verständnislos aus blöden Augen glotzenden Daisy waren kaum 90 Sekunden vergangen, aber schon hörten alle Anwesenden die Polizeisirenen, welche rasend schnell näher kamen. Erste helle blaue Lichtblitze, welche sich als verschwommene Irrlichter ihren Weg durch die großen Fenster in den Schalterraum bahnten, kündigten das Kommen der Polizei an, schleuderten erst zaghaft, dann immer vehementer ihr Blau in die Bank. Wieder schüttelte O. resigniert seinen Kopf, verwünschte seinen einzigen Freund und blieb plötzlich stehen. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung, wünschte sich sehnlichst eine kleine Spur Kokain, nur soviel, um wieder klar denken zu können. Oder wenigstens seine Opiumpfeife oder zumindest einen Zug aus einem schönen Joint, nur einen einzigen Zug. Aber so musste er improvisieren, musste zum ersten Mal seit Jahrzehnten, wahrscheinlich sogar seit Jahrhunderten, dachte er pathetisch, ein Problem ohne Drogen lösen. “Scheiß Welt, die geht mir voll auf die Eier!”, dachte er insgeheim und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart, wo ein orgiastisches Konzert an kreischendem Blau Einzug in das Leben der Anwesenden hielt.
Und dann hatte er eine Idee und mit dieser Idee beschloß das Verhängnis, zum Grande Finale anzusetzen. Als allerletzten Ausweg, eigentlich war jedoch alles schon zu spät, nahmen sie drei Geiseln. Zu allem entschlossen, aber letztendlich mit dem Rücken zur Wand stehend, der Fluchtweg abgeschnitten, das Geld verloren, drängte O. drei Bankkunden, welche gerade heimlich hinter seinem Rücken die Bank verlassen wollten, mit der Spielzeugpistole Richtung Ausgang. Die einzige Genugtuung bestand darin, daß es sich um die großen Drei handelte, wie O. jetzt erkannte, welche gerade ihre redlich verdienten Einnahmen aus ihren Auslandsgeschäften auf die Bank trugen. “Setzen!”, herrschte er die großen Drei an, die ihn aus verständnislosen Augen anblickten. “Setzen!”, schrie er und richtete die Waffe auf den Kopf des vordersten. Langsam ließen sie sich nieder, während alle anderen ihrem Beispiel folgen wollten. “Nein, stehen bleiben!”, schrie O. in die Runde und sah nicht, daß sich auch W. hinter seinem Rücken setzen wollte. Alle hielten in der Bewegung inne und langsam erhoben sie sich wieder, auch die großen Drei. “Nein, Ihr setzt Euch und alle anderen bleiben stehen!”. Die Verzweiflung stand in O.´s Gesicht, während er mit seiner Pistole, wie ein Dirigent sein Orchester, den Taktstock auf und nieder schlug. “Sie, herkommen!” winkte er die alte Frau mit der weinroten Wollmütze und der blöd schauenden Daisy zu sich her. “Sie gehen jetzt da raus”, er deutete mit der Spielzeugpistole Richtung Ausgang. “Und dann erzählen Sie den Bullen, daß wir bewaffnet sind und jede Stunde eine der Geiseln erschießen werden. Und dann sagen Sie, daß wir ein Fluchtauto brauchen. Die sollen es direkt vor der Bank hinstellen. Und dann, dann, ja dann melde ich mich. Also, raus jetzt!” “Komm Daisy, der nette Herr hat gesagt, wir dürfen nach Hause gehen.” “Nein, Sie sollen den Bullen sagen, daß wir ein Auto brauchen. Und wenn nicht, erschießen wir die Leute. Wissen Sie was, der Hund bleibt da. Den kriegen Sie wieder, wenn das Auto vor der Türe steht.”
Mit einer schnellen Bewegung riß O. der alten Frau die Leine aus der Hand, schob sie vor sich her, zerrte den röchelnden Hund rücksichtslos hinter sich her und, ehe sie noch etwas erwidern konnte, deutete er W., die Türe zu öffnen und schob sie, selbst rückwärts gehend, vor die Bank. Dann schloß er die Türe selbst, sah resigniert auf seinen einzigen Freund und überlegte gleichzeitig, ob der junge Bankangestellte, der mit dem glasigen Blick, wohl auf Drogen war und vielleicht noch etwas übrig hatte. Währendessen roch W. beim Hinausgehen anerkennend die Schnapsfahne der alten Frau und überlegte, ob sie möglicherweise in ihrer Handtasche einen kleinen Flachmann versteckt hatte.
Die Verhandlungen zogen sich nun schon seit Stunden dahin. Doch sie verliefen ohne nennenswerte Ergebnisse. Forderungen wurden gestellt, Versprechen gemacht, Zusagen nicht eingehalten, weitere Forderungen gestellt, scheinbar endlos und ewig drehten sich die Parteien im Kreis, belauerten sich, tasteten die Grenzen ab, ohne jedoch einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Von den umliegenden Dächern zielten Scharfschützen auf die beiden Bankräuber, welche jedoch geschickt hinter ihren Geiseln standen und Deckung suchten. Die zähen Verhandlungen wurden fortgeführt, welche jedoch mit Fortdauer der Nacht in eine Sackgasse führten. O. und W., welche von den großen Drei sofort erkannt wurden, mussten sich als Dilettanten verhöhnen lassen. “Ihr könnt ja noch nicht einmal kleine Kinder bestehlen, ihr Versager!”, waren noch die freundlichsten Worte, welche die großen Drei für sie übrig hatten. O. und W. hatten mittlerweile sämtliche Bankangestellte und die Kunden aus ihrer Geiselhaft entlassen, alleine blieben sie mit ihren drei Geiseln in dem großen neonbeleuchteten Schalterrraum zurück. Plötzlich, die Wirkung des LSD hatte nachgelassen, kam O. auf die Idee, die drei Geiseln zu durchsuchen. Zwei kleinkalibrige Waffen, mehrere Schlagringe, ein paar Goldstücke sowie zwei kleine Plastikbeutel mit undefinierbaren Substanzen kamen zum Vorschein, als W. mit seinen schweren Händen die Kleidung der Geiseln abklopfte. Sofort öffnete O. die beiden Beutel, in der Hoffnung auf neue bewußtseinserweiternde Hilfsmittel, welche sich positiv auf sein Seelenleben und in weiterer Folge natürlich auf ihre aussichtslose Lage auswirken konnten. Doch zu seiner Enttäuschung handelte es sich nur um ein klebriges Harz und irgendwelche Räucherstäbchen, deren Duft ihn an die Kirche erinnerten, eine Vorstellung, die ihn frösteln ließ.
Trotzdem fletschte er seine großen vorstehenden Schneidezähne, höhnisch blickte er auf die nun zusammengesunkenen Gestalten vor ihm, die jetzt ihrer letzten Hoffnung beraubt waren. “Na, ihr kleinen Arschlöcher, und jetzt blasen wir euch euer Scheißhirn aus eurem Scheißschädel!” W. hatte sich währendessen zu einem der Fenster begeben, vorsichtig schaute er auf die Straße, welche vom Widerschein der unzähligen Blaulichter bizarr erleuchtet war. Sein Kopf begann zu schmerzen, als er daran erinnert wurde, daß er nun bereits seit Stunden nichts mehr Vernünftiges getrunken hatte. Er dachte sehnsüchtig an einen Liter Selbstgebrannten, während ihm die Zunge am fauligen stinkenden Gaumen klebte. Das Fluchtfahrzeug war direkt vor der Bank abgestellt worden, ein Polizist entfernte sich gerade mit erhobenen Händen vom Wagen.
Gedankenverloren sang er leise einen Refrain eines Liedes vor sich hin, immer wieder murmelte er “Je ne regrette rien!” Den Rest des Textes hatte er aus seinem Gedächtnis katapultiert, genauso wie den Namen des Interpreten. Oder war es eine Sängerin? Er wusste es nicht mehr, dachte nur daran, daß ihm die Melodie gefiel. Mit der rechten Hand schlug er den Takt der Melodie dazu, bedächtig und der Situation angemessen. Dann löste sich ein Schuß. Die Pistole, welche W. in der rechten Hand hielt, war ungesichert. Die Kugel schlug mit einem lauten Knall in der Schädeldecke einer der Geiseln ein, grub sich hinter der Stirn ein, überhalb des oberen Nasenraumes schaufelte sich das Projektil mit schnellen Bewegungen einen geraden schmalen Kanal durch den Hypothalamus, räumte kleine Mengen des Stirnlappens fein säuberlich auf die Seite, um endlich im Stammhirn seine rasende glühende Fahrt zu stoppen. Wortlos kippte der sitzende Körper zur Seite, fiel auf den sauberen Granitboden, um dort regungslos liegenzubleiben. Kleine rote Spritzer kokettierten mit dem glänzenden Stein, langsam züngelnd kroch eine dünne rote Natter aus dem kreisrunden Loch des Toten, räkelte sich lüstern auf der harten Oberfläche, obszön beschienen von der gelblichen Neonbeleuchtung. Das grüne Licht einer Notbeleuchtung gesellte sich hinzu, blickte neugierig von oben über die Schulter des Schützen auf den Leichnam, um sogleich wieder mit dem flackernden Blaulicht der Einsatzfahrzeuge zu tanzen.
So hob das große Sterben an, ein Blutvergießen sondergleichen. Im Kugelhagel starb einer nach dem anderen, sank nieder oder starb im Sitzen, von der heißen Glut der Projektile großkalibriger Waffen getroffen, welche durch die gläserne Leichtigkeit der Scheiben berstend in den weichen Körpern einschlugen. Von Kugeln durchbohrt, taumelnd, mit schwindelerregenden Kreisen, die erstaunten Münder erstaunt geöffnet, stumm mit den grünen und blauen Lichtern tanzend, Pirouetten drehend, baten sie zum Tanze. Sie liebkosten das Blei, welches pfeifend nach ihren Gedärmen suchte, engumschlungen sein heißes Stahl in Nieren und Leber füllte, Rippen splitternd sprengte und die breiigen Gedanken, welche viel zu lange schon hinter den Schädeln nach Freiheit schrien, aufbegehrten gegen ihr Gefangensein, langsam und zäh fließend über den blanken harten Stein ergoß.
Ich lasse Sie nun wieder einmal allein, kehre aber noch ein allerletztes Mal zurück, um Ihnen in einem kurzen Epilog die ganze Tragweite dieser Geschichte näherzubringen. Bis dahin sage respektive schreibe ich zum wiederholten Male: Bleiben Sie mir gewogen!
Ihr Paul Bögle

