Freie Zeit, freie Meinung, freie Gedanken

26.6.2010

6. Teil: Homo cyberspace - die Gefahr Internet

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 23:47


Was war nun schlussendlich Sinn dieses Experiments?

Es sollte die These überprüft werden, ob sich bei entsprechendem Einsatz von für den “normalen” Internet-User zugänglichen, finanzierbaren und vor allem legalen Mitteln selbst definierte Halbwahrheiten, in meinem Fall kann man sogar von einer Lüge sprechen, welche auf den ersten Blick als durchaus im Bereich des Möglichen und damit als glaubhaft angesehen werden, so verbreiten lassen, daß sie jene Eigendynamik entwickeln, welche notwendigerweise für die Verbreitung eines Gerüchtes Voraussetzung ist.

1873 schrieb Friedrich Nietzsche in seinem Werk Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (siehe z.B. Projekt Gutenberg): “Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen, und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt.”

Der Mensch verbietet es sich geradezu, einen Blick auf die Wahrheit werfen zu wollen. Im Bewußtsein, zu wissen, daß eben dieser Blick des Wissen-wollens zu der Erkenntnis führen wird, die eigene Existenz damit nicht nur in Frage zu stellen, sondern vielmehr führt dieser Blick durch das Schlüsselloch des Bewußtseinszimmers, wie Nietzsche diesen Bereich aus Illusionen und Täuschungen nannte, dazu, die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen und letzten Endes die eigene Daseinsberechtigung zu verlieren. Im Unterschied zu meinem verbreiteten Gerücht, welches sich als bewußt intendierte Lüge herausstellte, einzig und allein darauf ausgerichtet, willentlich und wissentlich andere Individuen zu täuschen, sieht Nietzsche die Lüge als Lebensnotwendigkeit. Da nach Meinung von Nietzsche der Mensch nicht stark genug ist, aus eben diesem Bewußtseinszimmer auszubrechen, ein Verlassen dieses metaphorischen Raumes aus Fiktion und Lüge würde unweigerlich den Menschen bei der Bewältigung seines Daseins scheitern lassen, ist die von Nietzsche definierte Lüge ein notwendiges Konstrukt des Überlebens. Aus eben diesem Grunde wurden jene kollektiven Lügen entworfen, nennen wir sie Kulturlügen, denn nur anhand dieser geschönten und beschönigenden Glaubenssätze und Prämissen ist es dem Menschen möglich, effektive Überlebensstrategien zu entwickeln, welche den Fortbestand der Spezies Mensch auf Dauer sichern.

“Der Mensch benötigt die Wahrheit nicht um der Erkenntnis willen, sondern aus sozialen Motiven. Die “Wahrheit” ist ein anderes Wort für die Notwendigkeit, daß sich Menschen auf etwas einigen müssen, wollen sie halbwegs friedlich zusammenleben. Der Trieb zur Wahrheit ist in Wahrheit der Trieb zum Überleben.” Konrad Paul Liessmann (siehe Der Wille zum Schein. Über Wahrheit und Lüge Eröffnungsvortrag des 8. Philosophicum Lech am 16. September 2004 in Lech/Arlberg Seite 3) interpretiert diese Antwort von Nietzsche auf die Frage “Woher bei dieser Lust an der Illusion ein Trieb zur Wahrheit?” dahingehend, daß der Mensch die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen benötigt, also Wahrheit als Triebfeder, um Erkenntnis zu erlangen, sondern die Wahrheit beruht auf getroffenen Konventionen, welche sich dann einstellen, wenn der von Thomas Hobbes bezeichnete Urzustand des permanenten Krieges alle gegen alle beendet ist. Diese friedliche Koexistenz der Menschen untereinander und miteinander kann sich erst dann einstellen, wenn diese Sozietät aufgrund fundamentaler Konventionen untermauert ist. Der Lügner ist dabei derjenige, welcher gegen diese grundsätzliche Vereinbarungen der Bedeutung von Worten verstößt. Oder anders ausgedrückt: Nicht die Wahrheit um des Friedens willen ist von eminenter Bedeutung, sondern erst die Lüge verhilft den Menschen zu ihrem Anrecht auf friedliches Miteinander. Wer unausgesprochene Wahrheiten publik macht, welche kontraproduktiv diesen notwendigen gesellschaftlichen Lügen gegenüberstehen, wird als Lügner entlarvt und leider auch geächtet. Das Paradoxon besteht darin, daß der Wahrheit Sprechende und nach Wahrhaftigkeit Suchende als Lügner abgestempelt wird und sich dementsprechend außerhalb der gesellschaftlichen Normen befindet, wohingegen sich dieses Geflecht aus Lügen zu einer allgemeingültigen und von jedermann sanktionierten Wahrheit umfunktionieren lässt (weiterführend dazu Konrad Paul Liessmann Philosophie des verbotenen Wissens Friedrich Nietzsche und die schwarzen Seiten des Denkens 2000 Paul Zsolnay Verlag, Wien Genehmigte Lizenzausgabe für Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG, Hamburg, 2009 Kapitel B. Nietzsches Wille zur Unwissenheit S. 120 ff.)

Die Lüge, das Gerücht, untrennbare Metapher für Wahrheit und Wahrhaftigkeit? Eigentlich nichts Neues und schon gar nicht erst in Zeiten des Internets ein immer wieder aufkommendes Problem. Politischer, sozialer und gesellschaftlicher Missbrauch durch den bewußten Einsatz von Lügen, Denunzierung von Menschen durch das geschickte Einstreuen und Platzieren von Gerüchten, unser täglicher Umgang mit den verschiedensten Formen der Werbeversprechen und riesigen Wahlpropaganda-Maschinen, und als wohl bekanntestes, gravierendstes und grausamstes Beispiel die Ausschwitz-Lüge, der Mensch trifft jeden Tag Entscheidungen, welche auf der Grundlage von externen, nicht zu überprüfenden Informationen gefällt werden. Wenngleich der von mir als Homo cyberspace so bezeichnete Mensch mit dieser Problematik der Massenkommunikation durch das weltumspannende Internet, welche eine Unterscheidung von richtig oder falsch, von wahr oder gelogen, nur noch mittels eigener, oftmals langwieriger und zeitraubender Recherchen und Nachforschungen erschwert, befasste sich bereits die Antike mit diesem Phänomen des an die Wahrheit angelehnten und doch von der Wahrheit so weit entfernten und entrückten Mittel des Gerüchtes.

So streue ich nun kein Gerücht, wenn ich für heute schließe und Sie noch auf den siebten und letzten Teil: Das Gerücht bei Vergil aufmerksam mache, welches in einem kurzen Rückblick zeigt, dass sich bereits die Menschen weit vor Erfindung des Internets der Gefahren, aber auch der Zweckmäßigkeit und Bedeutsamkeit eines gut lancierten Gerüchtes bewusst waren und dies auch entsprechend zu nutzen wussten.

19.6.2010

Geld tanken…

Abgelegt unter: Zeit ist Geld — Paul Boegle @ 22:45


…an Benzinbanken

Nachdem ich mich die letzte Zeit doch sehr mit den dunklen Seiten des Lebens beschäftigt habe, die geneigte Leserschaft wird sicherlich noch mit Schrecken an die beiden unglücklichen, um nicht sogar das unselige Wort unglückseligen in den wordgewandten Mund zu nehmen, Gestalten meiner Kurztrilogie Auszeit zurückdenken, muß ich mich jetzt wieder einmal den Freuden des Lebens zuwenden. Und welch größte Freude hat wohl der Mensch? Sozusagen die Freude schöner Freudefunken, der Superlativ jedes guten Freudianers, quasi der Götterfunken für Fortgeschrittene. Na, wer weiß es?

“Ja, Sie da in der zweiten Reihe! Was meinen Sie, was ist die allergrößte Freude, welche uns zuteil werden kann?” “Mmmmmh tssssss undddd mmmmh” “Wie bitte, ich habe Sie nicht verstanden?” ”Mmmhmm sllllln Ehhhh mmmh” “Bitte reden Sie etwas lauter. Und vor allem deutlicher. Man versteht kein Wort von dem, was Sie sagen.” “Also, für mich ist meine glückliche Ehe die größte Freude auf Erden!” “Wie bitte? Habe ich Sie richtig verstanden? Die Ehe? Mit der eigenen Frau? Die größte Freude? Auf Erden? Oh Mann, was ist mit Ihnen los? Setzen, ungenügend! Der nächste bitte! Ja, Sie, der Herr mit dem Damenbart.” ”Entschuldigung, ich bin kein Herr mit Damenbart, ich bin eine Dame mit Herrenbart.” “Ja, schon gut, also gnä´Frau, was ist die größte Freude, welch uns zuteil werden kann? Aber sagen Sie jetzt bitte nicht, ein Rasierapparat.” “Naja, also für mich, also jetzt ganz ehrlich, nicht daß Sie mich falsch verstehen, aber, also, ich denke, natürlich gilt das nur für mich, weil…” “O.k., vergessen Sie´s. Ich sag´s Ihnen, sonst sitzen wir noch morgen da! Also, aufgepasst! Die größte Freude ist die Werbung. Denn, und jetzt alle aufgepasst, durch die Werbung läßt sich heutzutage richtig Geld verdienen. Ich will es Ihnen erklären!”

Bevor ich nun fremde Lorbeeren auf falsche Königshäupter setze, wobei mich manche bereits als Sonnengott sehen, nicht Sonnenkönig, nein Sonnengott, Sie haben schon richtig gelesen, darf ich eines voranstellen. Die Idee für den folgenden Plan, der in meinen Augen weit effektiver ist als das Geld verdienen mit Bloggen, habe ich eigentlich zweierlei Dingen zu verdanken. Zum einen meinem über alles geliebten Alter ego, welches mich tagtäglich in den schwersten Stunden meines Da-, Hier-, Dort- und Gespaltenseins begleitet, also eigentlich immer und zweitens dem Artikel Oi OI OIL!, welchen ich allerdings ohne mein zweites Ich vollkommen selbständig verfasst habe und der mir geradezu meine geldgierigen BP-Augen geöffnet hat.  

Und jetzt starte ich wieder einmal voll durch, setze an zu einem jener gefürchteten Endlosmonologe, welche manchen meiner Mitmenschen schon traumatische Erlebnisse beschert haben. Aber was habe ich schon viel zu verlieren? Ich erkläre Ihnen deshalb jetzt, wie Sie anhand der Werbung zum ultimativen Sieger in Sachen Geld werden. Wer jetzt genau aufpasst, wird die Chancen erkennen, welche sich Ihnen bei der Umsetzung meiner Idee bieten. Ein Potential sondergleichen, ein potenziertes Potential quasipraktisch. Wer sich zu mir ins virtuelle Auto setzt, ist sozusagen auf der Überholspur des Lebens gelandet, immer mit Vollgas geradeaus. Die Idee ist also folgende.

Bei uns im Österreich gibt es Werbung. “Aha“, werden Sie sich denken und die Fernbedienung gelangweilt in die Hand nehmen. Moment, nicht so schnell, bleiben Sie dran, denn es kommt noch besser. ” Hallo, Sie da in der vorletzten Reihe! Ich sehe alles, also hören Sie auf mit dem Gezappe. Und wenn Sie schon zappen müssen, dann zappeln Sie wenigstens nicht beim Zappen!” Also, wie gesagt, es gibt in Österreich Werbung und diese rieselt natürlich aus dem Fernseher. Und von dort rieselt sie dann in mein Hirn. Und jetzt kommt´s!

Es gibt eine ganz bestimmte Werbung, auf die ich abziele. Es geht hierbei um eine sensationelle Kooperation zwischen einer österreichischen Bankengruppe und einem österreichischen Erdöl- und Erdgaskonzern, welcher eines seiner Kerngeschäfte im Betreiben zahlloser Tankstellen sieht. Namen sind in diesem Falle uninteressant, sozusagen wie Schall und Rauch oder Benzin und Blei oder Vollgas und Verkehrstote oder Öl und Golf von Mexiko oder Öl und Katastrophe. Wichtig ist nur, daß Sie mir jetzt genauestens zuhören. Also, besagter Tankstellengroßgrundbesitzbetreibergeldeintreiber und die schon erwähnte Geldmelkscheinekuhgroßkapitalverzinsungsgesellschaft wohnen nun unter einem Dach, unter einem schönen großen windschiefen Tankstellengroßgrundbesitzbetreibergeldeintreiber-Geldmelkscheinekuhgroßkapitalverzinsungsgesellschafts-Dach. Und dort, ich will es der Einfachheit halber im folgenden “Das stille Örtchen” nennen, schließlich haben wir es ja mit einem lautlosen Platz der Bargeldbeschaffung zu tun, dort eröffnen sich Ihnen ungeahnte Möglichkeiten. Sie wissen ja gar nicht, was Sie in Zukunft für Geldquellen anzapfen können. Aber deshalb haben Sie mich. Ich möchte mich beileibe nicht rühmen, aber wenn Sie mich Robin Hood der Ölbarone und Geldhaie nennen wollen, fühle ich mich geschmeichelt und nehme natürlich gerne ein paar Prozente mehr von Ihnen, und sei es auch nur unter der Hand in die aufgehaltene Hand. 

Wie schon erwähnt, die Kooperation der beiden besteht darin, daß Sie beim Tanken gleich die Banken haben. Soll heißen, Sie gehen oder besser gesagt Sie fahren zur Tankstelle ums Eck, sagen wir einmal, um sich Zigaretten zu kaufen, schließlich muß die Raucherlunge geschont und das Auto bewegt werden. Alles andere würde keinen Sinn machen. Wer ist schon so blöd, in Wien sagen wir “deppert”, und würde sein Auto schonen und die Raucherlunge freiwillig bewegen. Während Sie also Zigaretten kaufen und nebenbei Ihr Auto mit dem teuren Sprit auffüllen, gehen Sie einfach kurz ums Eck, holen sich Ihr Geld vom Bankomaten und tragen dieses dann zum freundlichen Zapfsäulenmeister, der hier allerdings ein sehr zwielichter Typ weiblichen oder männlichen Geschlechts sein muß. Denn einerseits handelt es sich um eine Person, welche zum einen Benzinzapfsäulengroßmeister ist, aber ebenfalls die Funktion des Geldautomatenverwaltungsinspektors innehat. Ich hoffe, Sie folgen mir immer noch, doch in Österreich muß ich auf die korrekte Titelwahl bestehen, denn nirgends gibt es so viele Titel wie bei uns. Übrigens, ein kleiner Tipp: Wer bei uns keinen Titel hat, der existiert nicht. Ohne einen Hofrat oder zumindest Oberamtsinspektor brauchen Sie erst gar keinen Wohnsitz in Österreich beantragen. Geburtsurkunde? Ohne Frau Doktor und Herr Kommerzialrat nehmen Sie am besten Ihr Feuerzeug, rauchen die letzte Zigarette von der Tankstelle nebenan und verbrennen Sie jenes Zeugnis Ihres unwürdigen titellosen Da-, Hier-, Dort- und Gespaltenseins. Wollen Sie also unser schönes Land der Cordoba-Vergangenheitsschwelger besuchen, Sie wissen schon, das waren noch fußballerische Gustostückerln, damals, als eine ganze Nation “narrisch” wurde wegen eines mehr geschossenen Tores gegen Deutschland, legen Sie sich einen Titel zu. Und sei es nur, daß Sie sich statt Tamara Schmid oder Justin Müller in Tamara Doktor bzw. Justin Hofrat umbenennen. Die ganze österreichische Welt wird Ihnen die größtmögliche Wertschätzung entgegenbringen, wenn wir Sie mit Frau Doktor und Herr Hofrat ansprechen dürfen. Ich möchte Ihnen jetzt nicht zuviel versprechen, aber möglicherweise werden wir Ihnen sogar zu Füssen liegen. Kommt allerdings immer auf unsere Tagesverfassung an. Wenn die Kreuzschmerzen unerträglich sind oder eine Oberlandesüberdrüberombudsfrau bzw. ein Ministerialbundeslandesbezirksvorzurücksteher sich unglücklicherweise in Ihrer Nähe aufhalten, werden wir es bei einem angedeuteten Bückling belassen und unsere Weichteile lieber devot der Alphafrau und dem Betamännchen hinstrecken. So, ich sehe schon, ich bin wieder einmal völlig vom Weg abgekommen vor lauter Wiener Hofräten und Hofratten. 

 ”Tank bei der Bank” lautet das Motto. So, aber jetzt komme ich und meine grandiose Idee ins Spiel. Was wäre, wenn Sie den Spieß einfach umdrehen? Meine Idee ist die folgende. Eines vorab: Wer sich nun nicht vollkommen in die Illegalität begeben möchte, hört jetzt besser auf, weiter zu lesen. Denn alles, was nun geschrieben steht, ist so streng geheim und abseits der Gesetzteskonformität, daß es nur für jene Menschen gedacht ist, welche sich zum schändlichsten hartgesottensten skrupellosesten verkommensten Verbrecher berufen fühlen. Nein, Sie sollen sich nicht für einen Managerposten bei der Bank bewerben, es kommt noch wesentlich schlimmer. Ich sehe schon, die Reihen lichten sich. Ja, liebe Leser, das Leben schenkt einem auch überhaupt nichts. Also, gehen Sie bitte, mit Ihnen kann ich sowieso nichts anfangen. So, das heißt, es bleiben nur noch Sie und ich übrig! Nun gut, dann ziehen wir das Ding eben zu zweit durch, brauchen wir nicht viel zu teilen. Also, kommen Sie ganz nah zu mir, damit ich nicht so laut schreiben muß. Noch näher, es braucht keiner wissen, was ich Ihnen jetzt schreibe. Ja, gottverdammt, jetzt kommen Sie endlich zum Bildschirm, je leiser wir miteinander schreiben, desto weniger schauen zu. So ist es gut! Sie müssen sich eines merken: Nur wer schreibt, der bleibt!

Was brauchen wir beiden Hübschen und zu allen nur erdenklichen und unbedenklichen Schandtaten vordiplomierten Verbrecher? Zuallererst einmal ein Auto. Und je weniger im Tank ist, desto besser. Wir fahren also ganz gemächlich zu jener in der Werbung erwähnten Tankstelle, welche mit der ebenfalls in der Werbung genannten Bank kooperiert. Dort angekommen, steigen wir aus und sondieren. Ja, ganz richtig: Wir sondieren! Hört sich mächtig wichtig an, dieses Sondieren! Wir sondieren erst einmal die Lage. Wer wie ich sämtliche Agentenfilme und die Elf, Zwölf, Dreizehn und ich weiß nicht wieviele Helden aus dem Ozean der Hollywoodverbrechen gesehen hat, selbstverständlich in High Definition, 16:9, 32:18 und 48:27 gleichzeitig und die Sondierungsszenen natürlich in Superzeitlupe, wird wissen, daß Sondieren das A und O jedes erfolgreichen Verbrechens ist. Ein Verbrecher, der nicht zum Sondieren fähig ist, ist wie ein Hund, welcher sich nicht selbst die Eier leckt. Entschuldigen Sie diesen drastischen Vergleich, aber wir sind schließlich unter uns. Zumindest hoffe ich, daß uns keiner beim Schreiben abhört.

So, wenn wir also vom Sondieren genug haben, wobei ein erfolgreicher Verbrecher eigentlich niemals seine Sondiernase voll genug bekommen kann, eher würde er zugunsten des Sondierens auf das geplante Verbrechen verzichten, dann schreiten wir endlich zur Tat. Wir betreten gemeinsam die Bank-Tankstelle, das stille Örtchen, wie wir es bereits genannt haben. Sie sehen, das macht schon einen gewaltigen Wind, so ein Geheimcode. Wenn Ihnen stilles Örtchen zu langatmig ist, bei Ihrer Raucherlunge kein Wunder, dann können Sie natürlich auch WC sagen. Jeder Unkundige würde bei WC jetzt an ein stilles Örtchen denken, aber wir beiden langsam in die Illegalität Abwandernden wissen selbstverständlich, daß ein WC kein stilles Örtchen ist, sondern für Warm Cash (warmer Geldregen) steht.

Moment, jetzt habe ich Sie überlistet! Nicht wir beide betreten die Tank-Bank, sondern natürlich nur der Kopf des Verbrechersyndikats, also ich. Daß unser Syndikat derzeit nur aus zwei Synopsen besteht, oder wie das auch immer heißt, vielleicht heißen wir auch Syntaxen, was weiß ich, spielt keine entscheidende Rolle. Sie bleiben draußen und tanken den Wagen voll. Oder was glauben Sie, wie wir sonst hier wegkommen? Also, Abmarsch und volltanken! Danach kommen Sie rein, aber den Tankdeckel wieder draufschrauben nicht vergessen. Ich warte beim Bankomaten und tue so, als verstünde ich die Gebrauchsanweisung nicht. Fällt mir nicht schwer, ich bin es vom Möbel zusammenbauen so gewohnt. Aber Schwedisch war noch nie mein Ding, was soll ich machen. Also, Sie kommen rein und ich frage Sie: “Verzeihung, können Sie mir weiterhelfen?” Sie schauen mich nur mitleidig an und gehen einfach weiter. Denken Sie doch daran, wie Ihre Frau Sie ansieht, wenn Sie nach vollzogenem Liebesakt sagen: “Und, wie war ich?” Na sehen Sie, der Blick ist geradezu perfekt. “Wie bitte, Sie denken lieber daran, was meine Frau über mich nach dem gemeinsamen Liebesspiel sagt? Aber hallo!”

Also, Sie gehen an mir vorbei zum Tankstellenüberwachungszahlmeister weiblicher oder männlicher Form und dann sagen Sie mit der männlichsten Stimme, die Sie aus den Tiefen Ihres Stimmbändersarkophags hervorzaubern können: “Hände hoch, dies ist ein Tankstellen-Bankstellen-Überfall! Geld her!”

Danach hängen wir den Bankomaten an unser vollgetanktes Auto und ab geht´s Richtung Südamerika. “He, wo wollen Sie hin? Wie bitte, so ein Scheiß-Plan? Was bitte, das funktioniert nie! Kommen Sie zurück! Hierher, hab ich gesagt! Wissen Sie was, dann zieh ich´s alleine durch. Aber ich brauch Ihr Auto. Und vielleicht ein langes Seil. Ach ja, und den George Clooney und den Brat Pitt. Und natürlich die Julia Roberts. Und dann noch irgendwas gegen meine Flugangst. Und wie geht der Tank überhaupt auf? Und was muß ich tanken? Und andere Schuhe, weil mit diesen kann ich nicht fahren. Und meine Brille, weil ich bin nachtblind.         

13.6.2010

4. Teil: Auch Gerüchte sind Information

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 21:05


Jene LeserInnen, welche nun die entstandene Lücke zwischen den beiden Artikeln 2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit und dem vorliegenden 4. Teil beanstanden, darf ich versichern, daß es sich hierbei um einen gewollten Zickzack-Kurs, um nicht sogar von einem aus den Ufern geratenen Schlingerkurs zu sprechen, handelt. Ich bin ein sehr wankelmütiger Mensch und diese Charaktereigenschaft, nennen Sie es ruhig Schwäche, zwingt mich, sowohl auf diesem Blog zu schreiben als auch mein anderes virtuelles Kind mit dem Titel Weblog Bio Natur zu hegen und zu pflegen. Und dementsprechend springe ich zwischen diesen meinen kindlichen Welten hin und her, schreibe einmal hier, veröffentliche ein anderes Mal dort. Kurze Rede, langer Sinn: Den 1. Teil: Das Internet - wahr, gelogen oder wahrgelogen? und den 3. Teil: Die Gerüchteküche brodelt finden Sie auf eben diesem Blog und ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen die Lektüre der vorangegangenen Teile an Ihr Herz legen darf. Sollten Sie bereit in Kenntnis der ersten drei Teile gespannt auf Teil vier warten, so fahren wir fort in unseren Betrachtungen. 

In meinen fingierten Meldungen über die Existenz außerirdischen Lebens (siehe Bio Natur: Extraterrestrisches Leben entdeckt und Bio Natur: Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher) stellt sich deshalb auch nicht die Frage nach dem zugrundeliegenden Wahrheitsgehalt, sondern vielmehr, wie ich das Kollektiv Internet so für meine Zwecke manipulieren, um nicht zu sagen, sogar in höchstem Maße mißbrauchen kann, diese Meldungen möglichst schnell zu reproduzieren und in die virtuellen Weiten weiterzutragen. Ich suche im wahrsten Sinne des Wortes Befehlsempfänger oder besser Befehls-Empfänger, wobei ich in diesem Zusammenhang den (stillschweigenden) Befehl an eine Vielzahl gutgläubiger Menschen erteile, mein gestreutes Gerücht durch dessen Glaubhaftigkeit und Plausibilität immer weiter zu verbreiten. Je mehr Quellen diese Nachricht aufnehmen und in weiterer Folge an andere Adressaten kommunizieren, um so zu deren Verbreitung beizutragen, desto schwieriger wird es, den Urheber dieser Meldung auszumachen und zurückzuverfolgen. Aber, und hier liegt die Schwierigkeit, um ein Gerücht erfolgreich als Wahrheit verkaufen zu können, muß die Gerüchteküche brodeln. Oder anders gesprochen: Die Pawlow´schen Hunde, in unserem Fall die Adressaten unseres Gerüchts, unabhängig davon, ob sie sich auf eben der Suche nach entsprechenden Informationen befinden oder, was wahrscheinlicher ist, daß das Zusammentreffen von Gerücht und Adressat einem Zufall entspringt, müssen dahingehend konditioniert werden, daß ihr Interesse für das Gerücht geweckt wird. Erst wenn diese Virtualität sich in einer geglaubten und für wahr befundenen Nicht-Virtualität manifestiert, das Gerücht als reales Ereignis im Kopf des Adressaten Wirklichkeit wird, dann fängt die Gerüchteküche an zu brodeln.

Jeder hat sich insgeheim schon mit der Fragestellung beschäftigt: ”Gibt es außer uns noch anderes Leben irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Weltraums?” Und gerade diese Lust, diese Gier nach Neuem, Außergewöhnlichem, sensationellen Ereignissen treibt viele an, selbst nun zum Knotenpunkt zu werden und sich vom ehemaligen Adressaten zum neuen Informanten zu wandeln. Das Internet wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft immer weniger hinsichtlich Wahrheitsgehalt und Plausibilität hinterfragt werden. Was durch das Netz geistert, muß ganz einfach einen realen Hintergrund haben. Und da eben diese Quellen mit Fortdauer nicht mehr eruierbar sind, wird weitergegeben, was als erwähnenswert erachtet wird. Reale Virtualität wird somit zu einem transzendenten medialen Ereignis, welches die Unterscheidbarkeit zur virtuellen Realität schlichtweg unmöglich machen wird.

Mit dieser Verschiebung der Wertigkeiten von scheinbar Möglichem und real Existierendem wird sich dementsprechend auch unser Anspruch auf Wahrheit verlagern. Über unsere Verhaltensmuster, welche wir uns im Laufe der Jahrhunderte angeeignet haben, werden sich vollkommen neue Denkschablonen lagern. Das Medium Internet, möglicherweise nur ein erster Ausgangspunkt für fortschrittlichere Technologien, welchen wir uns in Zukunft stellen müssen, wird uns neue Wahrheitsmatrizen aufzwingen. Unsere Denkmuster werden nicht mehr mit den Begriffen “wahr” oder “falsch” gemessen werden, sondern es wird sich in Zukunft nur noch die Frage stellen: “Ist das Gedachte und im Internet verbreitete Gerücht fiktive Realität oder reale Fiktion?” Wir werden uns nicht mehr darauf berufen können, nur selbst Erlebtes, selbst Gesehenes und von externen Quellen beglaubigtes Material als Wahrheit anzuerkennen, sondern diese Verflechtung von Bild und Abbild wird es uns unmöglich machen, Lüge und Wahrheit noch zu unterscheiden.

Vielleicht lässt sich diese Diskrepanz mit dem Begriff Internet-Ontologie umschreiben, wobei ich es den Philosophen überlasse, sich mit diesem Begriff anzufreunden. Ich verstehe darunter, daß die bewußten oder auch unbewußten Fälschungen, welche mit Hilfe des Internets kanalisiert werden, zu einer neuen Wahrheit heranreifen, möglicherweise sogar mutieren. Was einst als völlig unmöglich erschien, wird nun im Cyberspace weiß gewaschen, um nicht zu sagen wahrgelogen. Eng verwandt dazu ist sicherlich die oftmals gebräuchliche selbsterfüllende Prophezeiung, doch während sich hierbei der an die Prophezeiung Glaubende meist unbewusst so verhält, daß diese sich auch erfüllen muß, wird, ontologisch betrachtet, die Internet-Lüge zu einer allumfassenden verlogenen Wahrheit, d.h. die Lüge birgt in sich selbst bereits ihre Selbsterfüllung, unabhängig davon, wie sich das Indididuum verhält. Was der Wahrheitsfindung dient, wird nicht mehr vom verstandesmäßigen und vernunftbegabten Homo sapiens bestimmt, sondern einzig und allein von einem theoretischen Konstrukt namens Gerücht. Die Problematik wird jedoch für zukünftige Generationen sein, nicht mehr selbst entscheiden zu dürfen, dieses Gerücht anhand eindeutiger semantischer und vor allem logischer Definitionen annehmen oder zurückweisen zu können, sondern es wird darauf ankommen, diese Lüge als Wahrheit so anzunehmen, ohne daran zu zerbrechen. Der Mensch der Zukunft, wobei diese Annahme für unsere Gegenwart ebenfalls schon von großer Bedeutung ist, wird sich also in Lügen flüchten müssen, und diese werden paradoxerweise der Wahrheitsfindung dienen. Hat Nietzsche diesen als Übermenschen bezeichnet, bezeichnen heutige Wissenschaftler diesen durchaus legitimen Nachfolger unserer Spezies als Homo superior, warum aber nicht gleich Homo cyberspace, den Menschen der virtuellen Welt. Schließlich wird sich unsere Zukunft nur noch mit der Frage beschäftigen müssen, den größtmöglichen Nutzen aus dem attraktiven Angebot der Internet-Lügen zu ziehen. (Über eine daraus resultierende räumliche Trennung von Geist und Körper möchte ich in diesem Zusammenhang lieber nicht nachdenken.)

So hätten wir für heute wieder einmal ein kleines Stückchen gemeinsamen Weges beschritten, jene Straße voller Wendungen, Kurven und möglicherweise auch kurzer Geraden, vollgepflastert mit Irrungen und Wirrungen, welche auf die hochtrabenden und wohlklingenden Namen Wahrheit, Lügen und eben auch Gerüchte hören. Weiter geht es in Kürze. Und wie immer, wenn es sich um einen ungeraden Teil der Artikelserie handelt, auf meiner anderen Gerüchteküche, meiner grünen virtuellen Giftspritze Bio Natur - Der Weblog. Titel wird sein: 5. Teil: Gerüchtefalle Internet. Bis dahin erlaube ich mir, Sie für ein paar Tage aus den Augen zu verlieren und gebe mich hingebungsvoll meinem Brodeln hin, natürlich permanent schwankend zwischen Hoffen und Bangen, nicht in jenen reißenden Fluten zu versinken, welche sich über jeden von uns Tag für Tag ergießen.     

7.6.2010

2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit

Abgelegt unter: Zeit-los — Paul Boegle @ 23:53

Ich hoffe, daß Sie nicht übermäßig irritiert sind, wenn ich Sie mit der Fortsetzung des auf meinem Blog Bio Natur - Der Weblog publizierten Artikels 1. Teil: Das Internet - wahr, gelogen oder wahrgelogen? auf meinen zweiten Blog mit dem wohlklingenden Namen Freie Zeit leite und hoffentlich auch langfristig an mich und mein geschriebenes und in weiterer Folge auch publiziertes Wort binde und fessle. Sie sollten jetzt aber keinesfalls daran denken, mein geschriebenes Wort auf die berühmte Goldwaage zu legen. Einerseits deshalb, da es sich bei eben diesem um kein gewichtiges Wort handelt, es ist mehr ein freies Wort, welches ich fortlaufend von mir gebe, andererseits aber hat es die Bewandtnis, daß es sich bei dieser kontinuierlichen Handlung meines Spielens mit dem Wort, was aber keinesfalls mit Wortspielereien zu verwechseln ist, in den wenigsten Fällen um die Wiedergabe eines einzigen Wortes handelt. Selbst wenn Sie nun mit dem, zugegebenermaßen eine sehr gute Argumentation, Begriff des geflügelten Wortes auf mich herabschweben, nehme ich mir die Freiheit, Sie trotz alledem höflich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, daß meine Wortspielereien, jetzt also doch, werden Sie berechtigterweise seufzen, in keinem einzigen mir bekannten Fall, und ich kenne mich bezüglich des geschriebenen Wortes in so ziemlich allen vier Fällen aus, weit mehr als nur ein einziges Wort beinhalten. So, ich habe es nun tatsächlich zuwege gebracht, diesen Absatz mit gerade einmal vier Sätzen, sieht man von diesem letzten Satz ab, welcher sozusagen konkurrenzlos dasteht, zu beenden und so möchte ich dieses endlich auch tun und dort fortfahren, wo ich den ersten Teil beendet habe. 

Während unserer Suche nach Informationen stoßen wir unweigerlich auf unzählige unbestätigte vermeindliche Wahrheiten, gemeinhin auch kolportierte Meldungen oder eben Gerüchte genannt. Wir wissen in den meisten Fällen weder, wer der Absender dieser verbreiteten Texte oder auch Bilder bzw. Videos ist, noch hinterfragen wir deren Wahrheitsgehalt, da wir mit einer unüberschaubaren Menge an Daten und Informationsflut ertränkt werden, so daß es unmöglich ist oder zumindest als unmöglich erscheint, diese in ihrer Singularität zu hinterfragen. Vielmehr verlassen wir uns in vielen Fällen auf unseren Spürsinn respektive auf unseren “gesunden Menschenverstand”. Wenn sich jedoch eine Meldung wiederholt und wir diese mehrfach über das im hier gewählten Beispiel Internet aufnehmen, wird aus möglichen anfänglichen Zweifeln schnell die Gewissheit: “Da muß etwas Wahres dran sein!” Zurück zu meinem Beispiel (siehe dazu die fiktiven Meldungen Extraterrestrisches Leben entdeckt und Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher).  

Wer zwischen den Zeilen liest, wird schnell bemerkt haben, daß ich niemals die Forschungsgruppe selbst als Urheber benannt habe, sondern bereits zu Anfang von einer der Emmy-Noether-Forschungsgruppe “nahestehenden ausländischen Forschergruppe” sprach. Desweiteren nenne ich niemals Namen noch berufe ich mich auf den Urheber dieser Presseaussendung, lapidar leite ich meine Sensation mit “Ich bin auf eine wirklich interessante Meldung im Internet gestossen” ein. Ich schreibe lediglich vom Leiter der Forschungsgruppe bzw. der stellvertretenden Leiterin, hantiere dabei mit pseudo-wissenschaftlichen Begriffen wie “Mikro-Alpha-Transzendenz-Wellenbereich“, “methodische Rückkopplung” oder “Nutzung bipolarer Energiefelder“, welche bei näherer Betrachtung und entsprechender Recherche vollkommen absurd im Kontext zum Geschriebenen stehen, teils weil sie aus vollkommen anderen Wissenschaftsfeldern entnommen wurden, teils weil es sich geradezu um abenteuerliche Wortkombinationen handelt.

Kommunikation auf zwischenmenschlicher Basis folgt im allgemeinen einem bestimmten Grundmuster, es sei nun einmal dahingestellt, ob es sich dabei um verbale oder nonverbale Kommunikation im weitesten Sinnne handelt. Einem Sender steht ein Empfänger gegenüber, ein Mitteilender aus Ausgangspunkt einer Nachricht versucht, seine Sendung mithilfe verschlüsselter Zeichen einem Adressaten zu übermitteln, wobei im Normalfall der Empfänger der Nachricht im Besitz des zur Entschlüsselung notwendigen Codes ist. Sender und Empfänger verfügen also über Hilfsmittel, in unserem Falle die Kenntnis, Buchstaben auf Senderseite semantisch und syntaktisch so aneinanderzureihen bzw. auf Empfängerseite diese Buchstaben aufgrund gelernter grammatikalischer Regeln wieder zu dechiffrieren, daß die intendierte Botschaft des Sendenden beim Nachrichtenempfänger umgesetzt und dementsprechend auch verstanden wird.Niklas Luhmann definiert Kommunikation als Einheit aus den drei Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen, wobei er Sender und Empfänger der Nachricht als zwei informationsverarbeitende Prozessoren sieht. Diese Sender-Empfänger-Relation bezeichnet Luhmann als Alter und Ego, wobei Alter als Sender einer Nachricht für die beiden Selektionsprozesse Information und Mitteilung verantwortlich zeichnet, während der Prozess des Verstehens ausschließlich bei Ego, dem Empfänger der Nachricht, abläuft. Ein Gerücht ist demzufolge ebenfalls eine Art der Kommunikation, wobei jedoch Alter als Versender einer Nachricht der wesentlich komplexere Teil dieser beiden Eckpunkte zukommt. Ein Gerücht wird im wesentlichen dadurch bestimmt, daß ein bestimmtes Verstehen der mitgeteilten Information bereits zugrundegelegt wird, d.h. der Sender selektiert im vorhinein bereits bestimmte nur ihm bekannte Informationen und filtert aus diesen jene Bedingungen heraus, welche für das zu erzielende Ergebnis von Relevanz sind. Gerüchte sollen ein vorher definiertes Ergebnis in die dafür notwendigen Bahnen lenken, nur jene zweckdienlichen Informationen, welche diesem Selbstzweck, dem Eingreifen in eine bewußt oder auch unbewußt verfälschte Wirklichkeit, förderlich sind, werden hierbei in den Kreislauf Information-Mitteilung-Verstehen aufgenommen.Die Verbreitung effektiver Gerüchte kann getrost als wohdurchdachte Inszenierung betrachtet werden mit einem kleinen, und doch so großen Unterschied: Das Ende, wenn es denn ein solches überhaupt gibt, geht oftmals einher mit katastrophalen Folgen. Die uns allen wohlbekannte Floskel: “Aber bitte sag das keinem weiter!” ist wohl jener Brandbeschleuniger, welcher geradezu prädestiniert ist, zur Potenzierung eines Gerüchtes beizutragen. Es sei nun dahingestellt, ob der Drang des Homo sapiens, Gerüchte zu verbreiten, bereits aus einer evolutionsbedingten Notwendigkeit heraus entstanden ist, als Mittel zum Zweck des Überlebens oder sogar der Weitergabe der eigenen Gene, wie es der US-Psychologe Frank McAndrew vom Knox College (Illinois) in seiner Studie sieht oder ob es einfach nur die Lust des Menschen an Was-wäre-wenn-Szenarien ist. Fakt ist: Das Internet als Multiplikator gut gestreuter Gerüchte ist in unserer heutigen Zeit der Marktplatz des Dorfes mit Namen Welt. Hier finden sich die Menschen ein, tauschen sich aus, teilen Klatsch und Tratsch. Ein Gerücht kann niemals auf harten Fakten beruhen, nicht die Tatsachen stehen im Vordergrund, sondern der Gaukler, der Märchenerzähler und sein Geschick, dieses so nah an der Wahrheit und doch so unendlich daran vorbeigehende Gesagte oder Geschriebene mit Überzeugungskraft zu übermitteln.

Und so wie ich es mit meinem Gerücht über das Vorhandensein außerirdischen Lebens auf Gliese 581 getan habe, entsteht ein brauchbares Gerücht. Ich bin selbst nur Erzähler, welcher das Erzählte wiederum von anderen Erzählern übernommen hat. Nicht ich bin es, der mit Wahrheiten glänzt, sondern die Wahrheit kommt immer aus dem Bedürfnis heraus, Unbeglaubigtes als Wahrheit zu verkaufen ohne allerdings den Anspruch zu haben, selbst für deren Wahrheitsfindung verantwortlich zu sein. Nicht ich möchte Ursprung und Quelle sein, sondern nur derjenige, welcher sagt, was bereits alle sagen. Und wenn alle sagen, was auch ich sage, muß wahr sein, was ich sage. Ich bin Anwesender und Abwesender in einer Person, ich stehe für die Wahrheiten anderer ein, ohne selbst als offensichtlicher Lügner in Erscheinung zu treten. Nicht ich bin der Zeitgeist, ich bin vielmehr derjenige, welcher als Spiegelbild fungiert, ich bin allenfalls eine Karikatur einer Persiflage, aber umso glaubwürdiger, desto mehr Anhänger sich in dieser subtilen, oder sollte man sogar sublimen sagen, Welt aus Schein ohne Sein einfinden. Je größer ein Gerücht seine Runde macht, desto großartiger und ergo glaubhafter wird es.

Oder wie es Jean-Noël Kapferer ausdrückt: “Es müssen zwei religiöse Voraussetzungen erfüllt sein, nämlich die, glauben zu können, und die, glauben zu wollen.” Um Sie nun in Ihrem Glauben an Lüge, Wahrheit und den dazwischenliegenden Drahtseilakt namens Gerüchte zu lassen: Den dritten Teil mit dem Titel 3. Teil: Die Gerüchteküche brodelt finden Sie demnächst wieder auf meinem giftgrünen Blog Bio Natur.  

1.6.2010

Auszeit Epilog

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 02:23

Epilog zur Kurztrilogie “Auszeit”. Wir erinnern uns, daß die Geschichte damit begann, daß O. und W. den selben Gedanken zur selben Zeit hatten (siehe Auszeit 1.Teil: Der Gedanke), daß aus diesem Gedanken jener verhängnisvolle Plan (siehe Auszeit 2. Teil: Der Plan) erwuchs, welcher letztendlich zum großen Sterben führte (siehe Auszeit 3. Teil: Das große Sterben). 

Es herrschte gespanntes Schweigen, als am nächsten Morgen der Polizeipräsident persönlich um 8:07 Uhr die eilig einberufene Pressekonferenz eröffnete. Sessel scharrten auf dem abgewetzten Steinboden, als sich die Reporter und Fotografen zurechtsetzten, um den kleingewachsenen Mann mit den dunkelbraunen Augen, welche müde in die Runde blickten, erwartungsvoll anzublicken. Es geschah selten, daß zu solch früher Stunde der ranghöchste Exekutivbeamte das Wort ergriff. Meist saßen sie einem steifen Beamten gegenüber, welche ihren Text freudlos und ohne das geringste Interesse vom Blatt ablasen, ohne auch nur ein einziges Mal Luft zu holen. Doch heute musste sich um ein Ereignis von immenser Wichtigkeit handeln, denn es waren viele Pressevertreter ausländischer renommierter und angesehener Blätter anwesend. Das Blitzlichtgewitter legte sich langsam, nur noch vereinzelt schossen einige Fotografen ihre Bilderserien, als der ranghöchste Polizist des Landes nach einem kurzen Klopfen auf das Mikrofon begann:

“Wie Sie alle wissen, wurden gestern Abend bei einem Banküberfall zwei Bankräuber sowie drei Unbeteiligte, welche von den beiden Bankräubern als Geiseln genommen wurden, erschossen. Obwohl wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln versuchten, die Lage unblutig unter Kontrolle zu bringen, gelang es nicht, die Täter zur Aufgabe zu bewegen. Eine Deeskalation der Situation war nach Standpunkt der jetzigen Ermittlungen nicht möglich. Hätten wir nicht sofort eingegriffen, hätte die Gefährdung weiterer unschuldiger Personen nicht ausgeschlossen werden können. Ich möchte jedoch in diesem Punkt den laufenden Ermittlungen noch nicht vorgreifen, da wir den genauen Tathergang in allen Einzelheiten zu rekonstruieren versuchen. Aufgrund der uns vorliegenden Erkenntnisse müssen wir allerdings davon ausgehen, daß es sich bei den beiden Tätern um zwei hochrangige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens handelt, weshalb wir gezwungen sind, sowohl Interpol als auch verschiedene Geheimdienste in unsere weiteren Ermittlungen einzubeziehen. Es kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden, daß die von den beiden Tätern als Geiseln genommenen und im Zuge des Feuergefechts erschossenen Bankkunden ebenso hochrangige Personen des öffentlichen Lebens sind. Aufgrund dieser Tatsachen, welche aber noch weiterer und vor allem weitreichender Erhebungen bedürfen, sind unser Herr Bundeskanzler und die sehr verehrte Außenministerin in beiderseitigem Einvernehmen zum Entschluß gekommen, dem geplanten Weltwirtschaftsgipfel fernzubleiben, um etwaigen Unruhen und Irritationen, welche nun infolge dieser höchst prekären Lage entstehen könnten, durch ihre Anwesenheit in unserem Land vorzubeugen. Auch darf ich Ihnen mitteilen, daß sich seit 2:00 Uhr Ortszeit unser Land im Ausnahmezustand befindet und sämtliche zur Verfügung stehenden militärischen Kräfte in Alarmbereitschaft versetzt wurden. Dies gilt in erster Linie für unsere Bodentruppen, welche jedoch in diesen Minuten von der Luftwaffe und Teilen der Marine unterstützt werden. Ebenfalls wurde von der Bundesregierung ein Ausgangsverbot verhängt, welches sich von 20:00 Uhr bis 6:00 Uhr erstreckt und für sämtliche Teile der Bevölkerung uneingeschränkte Gültigkeit hat und bis auf Widerruf verhängt wurde. Ausgenommen von dieser Regelung sind nur die für die Aufrechterhaltung der Sicherheit unseres Landes bestimmten Personen und Organisationen, welche ich Ihnen noch im einzelnen verlesen werde.”

Die Unruhe unter den Journalisten und Reportern nahm zu, erstaunte leise Rufe waren zu vernehmen, Getuschel machte sich im Saal breit, als der Polizeipräsident nach dem neben sich stehenden Wasserglas griff und einen tiefen Schluck machte. Doch bevor das immer lauter werdende Gemurmel Überhand nahm, klopte er bereits wieder auf das Mikrofon, um die Anwesenden zur Ruhe zu mahnen.

“Ich bitte Sie, meine Damen und Herren! Bitte Ruhe, ich bitte um Ruhe!” Es verstrichen einige Sekunden. Mit beschwichtigenden Gesten seiner viel zu großen Hände versuchte der Polizist, die Aufmerksamkeit der Zuhörer wieder auf sich zu lenken. “Ich darf Ihnen versichern, daß wir sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen werden, um diese schwere Krise, welche jedoch nicht nur unser eigenes Land, sondern viele Staaten dieser Erde betrifft, unter Kontrolle zu bringen und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auch in kürzester Zeit bewältigen werden. Alleine die Tatsache, daß der amerikanische Präsident und sämtliche am G7-Gipfel teilnehmenden Staaten uns ihre Hilfe zugesichert haben und bereits im Laufe dieses Vormittags hier eintreffen werden, zeigt Ihnen, daß wir alle in dieser Schicksalsstunde nicht alleine gelassen werden. Auch darf ich Ihnen hiermit mitteilen, daß sich sämtliche NATO-Staaten zur Zusammenarbeit mit unseren Militärkräften bereit erklärt haben und im Laufe der nächsten Woche bereits die ersten Flugzeugträger vor unserer Küste stationiert werden. Wie mir unsere Frau Verteidigungsministerin in einem kurzen Telefonat mitteilte, sind alle unsere Mittelstreckenraketen mit atomaren Sprenkköpfen bestückt und bereits in Stellung gebracht worden und vier Jagdgeschwader unserer benachbarten verbündeten Länder kontrollieren ständig unseren Luftraum. Ich möchte Sie deshalb um eines bitten! Bewahren Sie Ruhe und versuchen Sie durch eine sachliche, vernünftige und vor allem neutrale Berichterstattung, die Ängste der Bevölkerung ihrer Länder und vor allem die großen Sorgen der Kinder und der arbeitenden Bevölkerung nicht unnötig zu schüren. Ich danke Ihnen.”

Halbherzig versuchte die auf dem Podium sitzende Kommission aufzustehen, als auch schon die ersten Fragen aus dem abgedunkelten Raum laut wurden. “Wir wollen Namen wissen. Um wen handelt es sich bei dem beiden erschossenen Tätern?” Ein junger Mann war aufgestanden, den Schreibblock in der rechten Hand und mit dem Kugelschreiber in der Linken erwartungsvoll und aufgeregt auf den Stenoblock klopfend. Ein anderer stand ebenfalls auf und schrie: “Ja, Namen! Und wer sind die Geiseln, die von den beiden erschossen wurden?” Beifälliges Murmeln und Nicken begleitete die Forderungen der Stehenden, während andere dem Beispiel der beiden folgten und sich ebenfalls von ihren Sesseln erhoben.

Seufzend nahm der Polizeipräsident wieder Platz, beriet sich kurz mit dem neben ihm Sitzenden, in dem er mit vorgehaltener Hand wenige Worte flüsterte und nach einer kurzen Antwort seines Gesprächspartners fuhr er dann fort. “Nach dem Stand der derzeitigen Ermittlungen kann ich Ihnen nur folgendes sagen. Aufgrund der Dokumente, welche wir bei den erschossenen Geiseln gefunden haben, handelt es sich um drei ausländische Geschäftsmänner. Herkunft dürfte wahrscheinlich das Morgenland sein, wobei dies im Moment jedoch nur Spekulationen sind. Die Reisepässe lassen im Moment nur die Vermutung zu, daß es sich um drei Herren namens Caspar, Melchior und Balthasar handelt. Mehr wissen wir aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.”

“Und die Namen der Täter?”, eine junge Frau mit modischem Kurzhaarschnitt und einem atemberaubenden enganliegenden Kostüm zog die Blicke der Anwesenden auf sich. Sie war so energisch aufgestanden, daß ihr Sessel für einige Augenblicke auf den hinteren Beinen vor und zurück wippte, um dann langsam nach hinten zu kippen und auf den Kniescheiben des hinter ihr Sitzenden landete. Ohne den Fluch des Getroffenen weiter zu beachten, stellte sie die nächste Frage: “Um wen handelt es sich bei den beiden erschossenen Bankräubern?”

Wieder nahm der Polizeipräsident einen tiefen Schluck aus seinem Wasserglas, bevor er mit schnellem Blick in die Runde schaute und einen Bleistift zwischen seinen dicken Fingern drehte. Dann lockerte er seine Krawatte, Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, welche nur noch spärlich mit einzelnen Strähnen dünner grauer Haare bedeckt war. Seine Stimme zitterte unmerklich, als er sich räuspernd über das Mikrofon beugte und leise weitersprach.

“Nun, wie ich Ihnen bereits sagte, wir können zum jetzigen Zeitpunkt unserer Ermittlungen noch keine genauen Details bekanntgeben. Aber wie es im Moment aussieht, handelt es sich bei den beiden Tätern um einen Drogensüchtigen und einen Alkoholiker, zumindest lassen erste Ergebnisse der Pathologie darauf schließen. Aber weitere Ergebnisse liegen mir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor.”

“Bevor wir nicht die Namen der beiden wissen, gehen wir hier nicht raus!” Ein großer, bereits in die Jahr gekommener Mann hatte sich schwerfällig erhoben, sah dem Polizeipräsidenten entschlossen in die Augen und verschränkte zum Zeichen der Ernsthaftigkeit seiner Forderung die Arme vor seiner Brust. Beifälliges Murmeln begleitete ihn. Mit einem Seufzen beugte sich der Präsident nach links, um sich eingehend und flüsternd mit einem bisher schweigenden Mann um die 40 zu beraten. Unbewegt saß der Unbekannte da, hörte sich die hastig vorgebrachten Argumente des Sprechers an, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Als der Präsident fertig war, stand der Mann langsam von seinem Sessel auf, die Muskeln seines drahtigen durchtrainierten Körpers spannten sich deutlich unter dem hellgrauen maßgeschneiderten Anzug. Sein kantiges Kinn unter dem schmalen Mund war makellos glatt rasiert. Er erinnerte unweigerlich an jene Detektivgestalten von Raymond Chandler, als er ruhig und gelassen vor den nach Informationen hechelnden Frauen und Männern stand. Mit ruhigen Augen blickte er jedem der anwesenden Journalisten in die Augen, eine Ewigkeit an Augenblicken, während sich unheimliche Stille breit machte. Seine steinernen Züge verrieten keinerlei Regung, als er mit ruhiger Stimme, ohne Zuhilfenahme des Mikrofons, sagte:

“Bei den beiden erschossenen Bankräubern handelt es sich aller Voraussicht nach um den O.sterhasen und den W.eihnachtsmann! Ich darf Ihnen deshalb mitteilen, daß bis auf weiteres sämtliche Weihnachts- und Osterfeste ausfallen. Ebenfalls möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, daß neben diesen ersatzlos gestrichenen Feiertagen auch der gesetzliche Feiertag der Heiligen Drei Könige entfällt, bis entsprechende Lösungen gefunden werden.”

Um 9:28 Uhr flogen die ersten Steine. Vermummte kleine Gestalten zogen mit Maschinengewehren und Raketenwerfern bewaffnet durch die Strassen, schossen auf alles, was größer als 1,55 Meter war. Vagabundierend und mordend ließen sie ihrer Wut freien Lauf, MG-Salven ratterten todbringend, zerfetzten die in panischer Angst Davonstürmenden. Erste Panzer rollten achtlos über die Leichenberge, zerdrückten mit ihren schweren Ketten die Schädel, zermalmten Knochen und trennten ausgestreckte Gliedmaßen von den leblosen Körpern ab. Erste grelle Blitze detonierten in den Randbezirken, füllten die Luft mit ihren atomaren Ladungen und fegten wie Feuerstürme über das Land. Der Krieg der Kinder gegen die Erwachsenen hatte endlich begonnen. Man schrieb den 24. Dezember.  

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