2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit
Ich hoffe, daß Sie nicht übermäßig irritiert sind, wenn ich Sie mit der Fortsetzung des auf meinem Blog Bio Natur - Der Weblog publizierten Artikels 1. Teil: Das Internet - wahr, gelogen oder wahrgelogen? auf meinen zweiten Blog mit dem wohlklingenden Namen Freie Zeit leite und hoffentlich auch langfristig an mich und mein geschriebenes und in weiterer Folge auch publiziertes Wort binde und fessle. Sie sollten jetzt aber keinesfalls daran denken, mein geschriebenes Wort auf die berühmte Goldwaage zu legen. Einerseits deshalb, da es sich bei eben diesem um kein gewichtiges Wort handelt, es ist mehr ein freies Wort, welches ich fortlaufend von mir gebe, andererseits aber hat es die Bewandtnis, daß es sich bei dieser kontinuierlichen Handlung meines Spielens mit dem Wort, was aber keinesfalls mit Wortspielereien zu verwechseln ist, in den wenigsten Fällen um die Wiedergabe eines einzigen Wortes handelt. Selbst wenn Sie nun mit dem, zugegebenermaßen eine sehr gute Argumentation, Begriff des geflügelten Wortes auf mich herabschweben, nehme ich mir die Freiheit, Sie trotz alledem höflich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, daß meine Wortspielereien, jetzt also doch, werden Sie berechtigterweise seufzen, in keinem einzigen mir bekannten Fall, und ich kenne mich bezüglich des geschriebenen Wortes in so ziemlich allen vier Fällen aus, weit mehr als nur ein einziges Wort beinhalten. So, ich habe es nun tatsächlich zuwege gebracht, diesen Absatz mit gerade einmal vier Sätzen, sieht man von diesem letzten Satz ab, welcher sozusagen konkurrenzlos dasteht, zu beenden und so möchte ich dieses endlich auch tun und dort fortfahren, wo ich den ersten Teil beendet habe.
Während unserer Suche nach Informationen stoßen wir unweigerlich auf unzählige unbestätigte vermeindliche Wahrheiten, gemeinhin auch kolportierte Meldungen oder eben Gerüchte genannt. Wir wissen in den meisten Fällen weder, wer der Absender dieser verbreiteten Texte oder auch Bilder bzw. Videos ist, noch hinterfragen wir deren Wahrheitsgehalt, da wir mit einer unüberschaubaren Menge an Daten und Informationsflut ertränkt werden, so daß es unmöglich ist oder zumindest als unmöglich erscheint, diese in ihrer Singularität zu hinterfragen. Vielmehr verlassen wir uns in vielen Fällen auf unseren Spürsinn respektive auf unseren “gesunden Menschenverstand”. Wenn sich jedoch eine Meldung wiederholt und wir diese mehrfach über das im hier gewählten Beispiel Internet aufnehmen, wird aus möglichen anfänglichen Zweifeln schnell die Gewissheit: “Da muß etwas Wahres dran sein!” Zurück zu meinem Beispiel (siehe dazu die fiktiven Meldungen Extraterrestrisches Leben entdeckt und Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher).
Wer zwischen den Zeilen liest, wird schnell bemerkt haben, daß ich niemals die Forschungsgruppe selbst als Urheber benannt habe, sondern bereits zu Anfang von einer der Emmy-Noether-Forschungsgruppe “nahestehenden ausländischen Forschergruppe” sprach. Desweiteren nenne ich niemals Namen noch berufe ich mich auf den Urheber dieser Presseaussendung, lapidar leite ich meine Sensation mit “Ich bin auf eine wirklich interessante Meldung im Internet gestossen” ein. Ich schreibe lediglich vom Leiter der Forschungsgruppe bzw. der stellvertretenden Leiterin, hantiere dabei mit pseudo-wissenschaftlichen Begriffen wie “Mikro-Alpha-Transzendenz-Wellenbereich“, “methodische Rückkopplung” oder “Nutzung bipolarer Energiefelder“, welche bei näherer Betrachtung und entsprechender Recherche vollkommen absurd im Kontext zum Geschriebenen stehen, teils weil sie aus vollkommen anderen Wissenschaftsfeldern entnommen wurden, teils weil es sich geradezu um abenteuerliche Wortkombinationen handelt.
Kommunikation auf zwischenmenschlicher Basis folgt im allgemeinen einem bestimmten Grundmuster, es sei nun einmal dahingestellt, ob es sich dabei um verbale oder nonverbale Kommunikation im weitesten Sinnne handelt. Einem Sender steht ein Empfänger gegenüber, ein Mitteilender aus Ausgangspunkt einer Nachricht versucht, seine Sendung mithilfe verschlüsselter Zeichen einem Adressaten zu übermitteln, wobei im Normalfall der Empfänger der Nachricht im Besitz des zur Entschlüsselung notwendigen Codes ist. Sender und Empfänger verfügen also über Hilfsmittel, in unserem Falle die Kenntnis, Buchstaben auf Senderseite semantisch und syntaktisch so aneinanderzureihen bzw. auf Empfängerseite diese Buchstaben aufgrund gelernter grammatikalischer Regeln wieder zu dechiffrieren, daß die intendierte Botschaft des Sendenden beim Nachrichtenempfänger umgesetzt und dementsprechend auch verstanden wird.Niklas Luhmann definiert Kommunikation als Einheit aus den drei Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen, wobei er Sender und Empfänger der Nachricht als zwei informationsverarbeitende Prozessoren sieht. Diese Sender-Empfänger-Relation bezeichnet Luhmann als Alter und Ego, wobei Alter als Sender einer Nachricht für die beiden Selektionsprozesse Information und Mitteilung verantwortlich zeichnet, während der Prozess des Verstehens ausschließlich bei Ego, dem Empfänger der Nachricht, abläuft. Ein Gerücht ist demzufolge ebenfalls eine Art der Kommunikation, wobei jedoch Alter als Versender einer Nachricht der wesentlich komplexere Teil dieser beiden Eckpunkte zukommt. Ein Gerücht wird im wesentlichen dadurch bestimmt, daß ein bestimmtes Verstehen der mitgeteilten Information bereits zugrundegelegt wird, d.h. der Sender selektiert im vorhinein bereits bestimmte nur ihm bekannte Informationen und filtert aus diesen jene Bedingungen heraus, welche für das zu erzielende Ergebnis von Relevanz sind. Gerüchte sollen ein vorher definiertes Ergebnis in die dafür notwendigen Bahnen lenken, nur jene zweckdienlichen Informationen, welche diesem Selbstzweck, dem Eingreifen in eine bewußt oder auch unbewußt verfälschte Wirklichkeit, förderlich sind, werden hierbei in den Kreislauf Information-Mitteilung-Verstehen aufgenommen.Die Verbreitung effektiver Gerüchte kann getrost als wohdurchdachte Inszenierung betrachtet werden mit einem kleinen, und doch so großen Unterschied: Das Ende, wenn es denn ein solches überhaupt gibt, geht oftmals einher mit katastrophalen Folgen. Die uns allen wohlbekannte Floskel: “Aber bitte sag das keinem weiter!” ist wohl jener Brandbeschleuniger, welcher geradezu prädestiniert ist, zur Potenzierung eines Gerüchtes beizutragen. Es sei nun dahingestellt, ob der Drang des Homo sapiens, Gerüchte zu verbreiten, bereits aus einer evolutionsbedingten Notwendigkeit heraus entstanden ist, als Mittel zum Zweck des Überlebens oder sogar der Weitergabe der eigenen Gene, wie es der US-Psychologe Frank McAndrew vom Knox College (Illinois) in seiner Studie sieht oder ob es einfach nur die Lust des Menschen an Was-wäre-wenn-Szenarien ist. Fakt ist: Das Internet als Multiplikator gut gestreuter Gerüchte ist in unserer heutigen Zeit der Marktplatz des Dorfes mit Namen Welt. Hier finden sich die Menschen ein, tauschen sich aus, teilen Klatsch und Tratsch. Ein Gerücht kann niemals auf harten Fakten beruhen, nicht die Tatsachen stehen im Vordergrund, sondern der Gaukler, der Märchenerzähler und sein Geschick, dieses so nah an der Wahrheit und doch so unendlich daran vorbeigehende Gesagte oder Geschriebene mit Überzeugungskraft zu übermitteln.
Und so wie ich es mit meinem Gerücht über das Vorhandensein außerirdischen Lebens auf Gliese 581 getan habe, entsteht ein brauchbares Gerücht. Ich bin selbst nur Erzähler, welcher das Erzählte wiederum von anderen Erzählern übernommen hat. Nicht ich bin es, der mit Wahrheiten glänzt, sondern die Wahrheit kommt immer aus dem Bedürfnis heraus, Unbeglaubigtes als Wahrheit zu verkaufen ohne allerdings den Anspruch zu haben, selbst für deren Wahrheitsfindung verantwortlich zu sein. Nicht ich möchte Ursprung und Quelle sein, sondern nur derjenige, welcher sagt, was bereits alle sagen. Und wenn alle sagen, was auch ich sage, muß wahr sein, was ich sage. Ich bin Anwesender und Abwesender in einer Person, ich stehe für die Wahrheiten anderer ein, ohne selbst als offensichtlicher Lügner in Erscheinung zu treten. Nicht ich bin der Zeitgeist, ich bin vielmehr derjenige, welcher als Spiegelbild fungiert, ich bin allenfalls eine Karikatur einer Persiflage, aber umso glaubwürdiger, desto mehr Anhänger sich in dieser subtilen, oder sollte man sogar sublimen sagen, Welt aus Schein ohne Sein einfinden. Je größer ein Gerücht seine Runde macht, desto großartiger und ergo glaubhafter wird es.
Oder wie es Jean-Noël Kapferer ausdrückt: “Es müssen zwei religiöse Voraussetzungen erfüllt sein, nämlich die, glauben zu können, und die, glauben zu wollen.” Um Sie nun in Ihrem Glauben an Lüge, Wahrheit und den dazwischenliegenden Drahtseilakt namens Gerüchte zu lassen: Den dritten Teil mit dem Titel 3. Teil: Die Gerüchteküche brodelt finden Sie demnächst wieder auf meinem giftgrünen Blog Bio Natur.

