4. Teil: Auch Gerüchte sind Information
Jene LeserInnen, welche nun die entstandene Lücke zwischen den beiden Artikeln 2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit und dem vorliegenden 4. Teil beanstanden, darf ich versichern, daß es sich hierbei um einen gewollten Zickzack-Kurs, um nicht sogar von einem aus den Ufern geratenen Schlingerkurs zu sprechen, handelt. Ich bin ein sehr wankelmütiger Mensch und diese Charaktereigenschaft, nennen Sie es ruhig Schwäche, zwingt mich, sowohl auf diesem Blog zu schreiben als auch mein anderes virtuelles Kind mit dem Titel Weblog Bio Natur zu hegen und zu pflegen. Und dementsprechend springe ich zwischen diesen meinen kindlichen Welten hin und her, schreibe einmal hier, veröffentliche ein anderes Mal dort. Kurze Rede, langer Sinn: Den 1. Teil: Das Internet - wahr, gelogen oder wahrgelogen? und den 3. Teil: Die Gerüchteküche brodelt finden Sie auf eben diesem Blog und ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen die Lektüre der vorangegangenen Teile an Ihr Herz legen darf. Sollten Sie bereit in Kenntnis der ersten drei Teile gespannt auf Teil vier warten, so fahren wir fort in unseren Betrachtungen.
In meinen fingierten Meldungen über die Existenz außerirdischen Lebens (siehe Bio Natur: Extraterrestrisches Leben entdeckt und Bio Natur: Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher) stellt sich deshalb auch nicht die Frage nach dem zugrundeliegenden Wahrheitsgehalt, sondern vielmehr, wie ich das Kollektiv Internet so für meine Zwecke manipulieren, um nicht zu sagen, sogar in höchstem Maße mißbrauchen kann, diese Meldungen möglichst schnell zu reproduzieren und in die virtuellen Weiten weiterzutragen. Ich suche im wahrsten Sinne des Wortes Befehlsempfänger oder besser Befehls-Empfänger, wobei ich in diesem Zusammenhang den (stillschweigenden) Befehl an eine Vielzahl gutgläubiger Menschen erteile, mein gestreutes Gerücht durch dessen Glaubhaftigkeit und Plausibilität immer weiter zu verbreiten. Je mehr Quellen diese Nachricht aufnehmen und in weiterer Folge an andere Adressaten kommunizieren, um so zu deren Verbreitung beizutragen, desto schwieriger wird es, den Urheber dieser Meldung auszumachen und zurückzuverfolgen. Aber, und hier liegt die Schwierigkeit, um ein Gerücht erfolgreich als Wahrheit verkaufen zu können, muß die Gerüchteküche brodeln. Oder anders gesprochen: Die Pawlow´schen Hunde, in unserem Fall die Adressaten unseres Gerüchts, unabhängig davon, ob sie sich auf eben der Suche nach entsprechenden Informationen befinden oder, was wahrscheinlicher ist, daß das Zusammentreffen von Gerücht und Adressat einem Zufall entspringt, müssen dahingehend konditioniert werden, daß ihr Interesse für das Gerücht geweckt wird. Erst wenn diese Virtualität sich in einer geglaubten und für wahr befundenen Nicht-Virtualität manifestiert, das Gerücht als reales Ereignis im Kopf des Adressaten Wirklichkeit wird, dann fängt die Gerüchteküche an zu brodeln.
Jeder hat sich insgeheim schon mit der Fragestellung beschäftigt: ”Gibt es außer uns noch anderes Leben irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Weltraums?” Und gerade diese Lust, diese Gier nach Neuem, Außergewöhnlichem, sensationellen Ereignissen treibt viele an, selbst nun zum Knotenpunkt zu werden und sich vom ehemaligen Adressaten zum neuen Informanten zu wandeln. Das Internet wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Zukunft immer weniger hinsichtlich Wahrheitsgehalt und Plausibilität hinterfragt werden. Was durch das Netz geistert, muß ganz einfach einen realen Hintergrund haben. Und da eben diese Quellen mit Fortdauer nicht mehr eruierbar sind, wird weitergegeben, was als erwähnenswert erachtet wird. Reale Virtualität wird somit zu einem transzendenten medialen Ereignis, welches die Unterscheidbarkeit zur virtuellen Realität schlichtweg unmöglich machen wird.
Mit dieser Verschiebung der Wertigkeiten von scheinbar Möglichem und real Existierendem wird sich dementsprechend auch unser Anspruch auf Wahrheit verlagern. Über unsere Verhaltensmuster, welche wir uns im Laufe der Jahrhunderte angeeignet haben, werden sich vollkommen neue Denkschablonen lagern. Das Medium Internet, möglicherweise nur ein erster Ausgangspunkt für fortschrittlichere Technologien, welchen wir uns in Zukunft stellen müssen, wird uns neue Wahrheitsmatrizen aufzwingen. Unsere Denkmuster werden nicht mehr mit den Begriffen “wahr” oder “falsch” gemessen werden, sondern es wird sich in Zukunft nur noch die Frage stellen: “Ist das Gedachte und im Internet verbreitete Gerücht fiktive Realität oder reale Fiktion?” Wir werden uns nicht mehr darauf berufen können, nur selbst Erlebtes, selbst Gesehenes und von externen Quellen beglaubigtes Material als Wahrheit anzuerkennen, sondern diese Verflechtung von Bild und Abbild wird es uns unmöglich machen, Lüge und Wahrheit noch zu unterscheiden.
Vielleicht lässt sich diese Diskrepanz mit dem Begriff Internet-Ontologie umschreiben, wobei ich es den Philosophen überlasse, sich mit diesem Begriff anzufreunden. Ich verstehe darunter, daß die bewußten oder auch unbewußten Fälschungen, welche mit Hilfe des Internets kanalisiert werden, zu einer neuen Wahrheit heranreifen, möglicherweise sogar mutieren. Was einst als völlig unmöglich erschien, wird nun im Cyberspace weiß gewaschen, um nicht zu sagen wahrgelogen. Eng verwandt dazu ist sicherlich die oftmals gebräuchliche selbsterfüllende Prophezeiung, doch während sich hierbei der an die Prophezeiung Glaubende meist unbewusst so verhält, daß diese sich auch erfüllen muß, wird, ontologisch betrachtet, die Internet-Lüge zu einer allumfassenden verlogenen Wahrheit, d.h. die Lüge birgt in sich selbst bereits ihre Selbsterfüllung, unabhängig davon, wie sich das Indididuum verhält. Was der Wahrheitsfindung dient, wird nicht mehr vom verstandesmäßigen und vernunftbegabten Homo sapiens bestimmt, sondern einzig und allein von einem theoretischen Konstrukt namens Gerücht. Die Problematik wird jedoch für zukünftige Generationen sein, nicht mehr selbst entscheiden zu dürfen, dieses Gerücht anhand eindeutiger semantischer und vor allem logischer Definitionen annehmen oder zurückweisen zu können, sondern es wird darauf ankommen, diese Lüge als Wahrheit so anzunehmen, ohne daran zu zerbrechen. Der Mensch der Zukunft, wobei diese Annahme für unsere Gegenwart ebenfalls schon von großer Bedeutung ist, wird sich also in Lügen flüchten müssen, und diese werden paradoxerweise der Wahrheitsfindung dienen. Hat Nietzsche diesen als Übermenschen bezeichnet, bezeichnen heutige Wissenschaftler diesen durchaus legitimen Nachfolger unserer Spezies als Homo superior, warum aber nicht gleich Homo cyberspace, den Menschen der virtuellen Welt. Schließlich wird sich unsere Zukunft nur noch mit der Frage beschäftigen müssen, den größtmöglichen Nutzen aus dem attraktiven Angebot der Internet-Lügen zu ziehen. (Über eine daraus resultierende räumliche Trennung von Geist und Körper möchte ich in diesem Zusammenhang lieber nicht nachdenken.)
So hätten wir für heute wieder einmal ein kleines Stückchen gemeinsamen Weges beschritten, jene Straße voller Wendungen, Kurven und möglicherweise auch kurzer Geraden, vollgepflastert mit Irrungen und Wirrungen, welche auf die hochtrabenden und wohlklingenden Namen Wahrheit, Lügen und eben auch Gerüchte hören. Weiter geht es in Kürze. Und wie immer, wenn es sich um einen ungeraden Teil der Artikelserie handelt, auf meiner anderen Gerüchteküche, meiner grünen virtuellen Giftspritze Bio Natur - Der Weblog. Titel wird sein: 5. Teil: Gerüchtefalle Internet. Bis dahin erlaube ich mir, Sie für ein paar Tage aus den Augen zu verlieren und gebe mich hingebungsvoll meinem Brodeln hin, natürlich permanent schwankend zwischen Hoffen und Bangen, nicht in jenen reißenden Fluten zu versinken, welche sich über jeden von uns Tag für Tag ergießen.

