Der Apfelbaum, treuer …
… Wegbegleiter der Menschheit
Was wäre ich, was wären Sie, was wären wir alle gemeinsam ohne unseren treuesten Wegbegleiter, den vielgerühmten und doch so selten beachteten Apfelbaum? Nichts, rein gar nichts! Sie widersprechen mir? Der Hund ist der treueste Wegbegleiter des Menschen? Mitnichten, verehrtes Publikum. Auch der Hund ist ohne den Apfelbaum auf vollkommen verlorenem Posten. Wo sollte ein Hund bitte seine Markierung setzen, wenn nicht unter einem in voller Apfelblüte stehenden Apfelbaum? Er soll es gefälligst dort machen, wo alle Hunde ihr Haxerl heben, an der Hausecke vom Nachbarn und damit basta. Gut, soll so sein, aber für mich ist der Apfelbaum die Nummer 1, wenn es um Treue geht.
Fangen wir doch einmal ganz von vorne an, also in diesem Fall ganz hinten, nämlich am Anbeginn unserer Zeit. Nein, eigentlich weit nach dem Urknall, eher schon 4,5 Millarden Jahre und ein paar mehr oder weniger zerquetschte Millionen danach. Aber zumindest für die gläubigen Menschen unter uns eben ganz vorne, also ganz hinten. Soll heißen, bei diesen beiden Paradiesvögeln, welchen wir die Namen Adam und Eva gaben. Zumindest steht es so im Buch Genesis. Ein kleiner Tipp am Rande: Wenn Sie sich für die berühmte Gutenberg-Bibel interessieren und welcher literarisch zu begeisternde Mensch macht dies nicht, das einzige (von insgesamt vier komplett erhaltenen Exemplaren) in Deutschland befindliche Exponat an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen wurde nun digital aufbereitet und jede einzelne der 1282 Seiten dieser Gutenberg-Bibel kann im Internet unter “Das Projekt Gutenberg Digital“ bewundert und eingesehen werden. Aber Gutenberg hin und Bibel her, wir wollten uns eigentlich mit unseren Ur-Großeltern der Keine-Ahnung-wievielten-Generation befassen, zumindest wird uns dies von verschiedensten Glaubensgemeinschaften suggeriert.
Als Gentleman der alten Schule sage ich natürlich Eva und Adam, erst die Dame, dann der Herr, wie ich es von meinen unmittelbaren Ahnen oft genug zu hören bekam. Also, Eva und Adam sitzen wie jeden Tag im Paradies, langweilen sich ungeheuerlich und machen das, was auch ich am besten kann: Nichts! So gesehen dürfte ich tatsächlich in direkter Linie von den Beiden abstammen, meine Hochachtung dem Buch Genesis. Nun gut, Frau und Mann der ersten Stunde lassen sich die ewige Sonne auf den nackten Bauch brennen, naschen zwischendurch von Kirschen, Birnen, Kiwi und Zuckermelonen, der Saft rinnt ihnen an ihren Mundwinkeln zäh hinunter, tropft auf die gebräunte Haut und trocknet dort unangenehm klebrig auf der samtenen Haut von Eva und der tierisch behaarten Brust von Adam. Alles schön und gut, wäre da nicht die Schlange, diese falsche Schlange. Dieses Kriechtier fadisiert sich in gleicher Weise wie Eva und Adam. Übrigens, wussten Sie, dass Adam aus dem Hebräischen kommt und einerseits “Mensch” als auch “Der von der Erde Genommene” bedeutet? Der von der Erde Genommene. Hört sich für mich sehr unglücklich an. Manche gehen sogar so weit und übersetzen Adam mit “Mensch aus roter Erde”.
Versetzen Sie sich doch einmal in die Situation von damals. Sie sind Adam, egal, ob Sie nun weiblichen oder männlichen Geschlechts sind. Also, im Moment sind Sie weder Adam noch sonst jemand. Sie liegen als ausgedörrtes Stück Lehm irgendwo in Afrika. Afrika deshalb, weil ich diesen Kontinent als Wiege der Menschheit bestimme. Mache ich ganz einfach so, ohne weiter nachzudenken. So, Sie liegen also irgendwo in Afrika, natürlich können Sie auch Mallorca oder Ibiza wählen, liegt sowieso gleich ums Eck die dortigen Urlauber am Strand schauen in etwa so aus wie der Klumpen Lehm, aus welchem Sie gleich erschaffen werden. Verstandesmäßig will ich hierbei den Lehmbatzen allerdings nicht beleidigen, schließlich handelt es sich um Ihr zukünftiges Ich, sozusagen um Ihr Prä-Sie. Schade übrigens, dass sich Präsident nicht Präsiedent schreibt, sonst könnten wir jetzt ein wunderbares Wortspiel auf Ihre Kosten starten. Sie wissen schon, prä für vor, Sie für Sie und dent für Zahn. Aber lassen wir das, sonst sitzen wir morgen noch hier und Gott hat Sie immer noch nicht aus Afrikas Erde erschaffen.
Machen wir es kurz! Von oben greifen also plötzlich zwei große Hände nach Ihnen, nicht wortwörtlich nach Ihnen, sondern eher nach Ihrem zukünftigen Ihnen und beginnen, im Ackerboden zu wühlen. Warum eigentlich von oben? Na, ganz einfach, das unten ist schon besetzt mit der Konkurrenz und will einfach nur seine Ruhe haben. Warum “seine”, warum nicht “ihre” Ruhe? Gute Frage. Aber wenn ich schreibe, dass die da unten ihre Ruhe haben will, wirft man mir wieder Frauenfeindlichkeit vor. Also soll eben er seine Ruhe haben, zum Teufel noch mal! Gut, weiter im Text!
Zwei riesige Hände beginnen also, aus einem Stückchen Dreck irgendetwas zu formen. Sie kneteten und modellierten aus dem Dreckhaufen Adam, den ersten Menschen. Und weil selten ein Misthaufen ohne einen zweiten anzutreffen ist, also ein Miststück ohne ein anderes nicht lebensfähig ist, der allmächtige Kneter wusste dies natürlich, entnahm er dem einen Dreckstück etwas Abfall und formte ein zweites Dreckstück. Und siehe da: Die ersten beiden Menschen bevölkerten diese wunderschöne Erde! Und als der von unten die ganze Sauerei sah, welche der von oben mit einem Haufen Dreck angerichtet hatte, beschloß er nun endgültig, unten zu bleiben und im Fegefeuer der Verdammnis Suizid zu begehen. Vorher befahl er allerdings noch seinem Stellvertreter, welcher seine Zelte nahe Roms aufgeschlagen hatte, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Der aber, ja, die Geschichte ist ziemlich verworren, wollte jedoch aufgrund einer latent-lasziven Ministranten-Un-Unverträglichkeit, also doppelte Verneinung bedeutet Bejahung, seinen Hirtenstab nicht aus der Hand geben und so schickte er in Ermangelung anderer Alternativen seinen besten Kriecher.
Den Rest kennen Sie! Kriecher trifft Dreckstück. Dreckstück delegiert an anderes Dreckstück. Anderes Dreckstück nascht die verbotene Frucht. Kriecher verkriecht sich. Dreckstück spaziert Hand in Hand mit anderem Dreckstück aus dem Paradies. Zurück bleibt der Apfelbaum. Wobei der eigentlich auch kein richtiger Apfelbaum ist, sondern kann genauso ein Holunderstrauch oder von mir aus auch eine Sibirische Zirbelkiefer sein, Hauptsache “malum” ist der Baum, Strauch oder wenn Sie einen Bodendecker wollen, bitte, warum denn nicht. Warum “malum”? Nun, wie der tote Lateiner weiß, bedeutet “malum” zum einen eben “Apfelbaum”, aber andererseits auch “böse”. Ein einziger unbedachter Übersetzungsfehler und die ganze Menschheit glaubt, Eva und Adam wurden wegen eines Apfelbaumes aus dem Garten Eden delogiert. Und in Wahrheit war es so eine kleine hinterlistige Schleifenblume, nehmen Sie einen Gemüsespargel, die sind genauso verkommen, welche die Menschheit aus ihrem Paradies katapultiert hat, genau in die vatikanischen Arme hinein. Nein, nicht Armee, sondern nur Arme, ohne das zweite “e”, sonst stünden wir vor der Schweizer Garde. Und wer will sich schon mit blau-orange gestreiften Herren einlassen, ohne einen bestimmten Grund.
Stellen Sie sich vor, Wilhelm Tell hätte das gewusst. Also das mit der ganzen Freiheit, welche wir fälschlicherweise einem Apfel zu verdanken haben. Ich wette, Schiller hätte sämtliche hohlen Gassen in und um Küssnacht verbarrikadiert und Geßler wäre nicht von einem Pfeil durchbohrt worden, sondern von einer Hellebarde der Schweizer Garde erschlagen worden. Aber so hat Tell seinem Sohn den Apfel vom Schädel geschossen, die Eidgenossen, also nicht die Schweizer im Dienste des Vatikans, haben die Zwingburgen samt menschlichem Inventar geschliffen und dahingemeuchelt und alle lebten ab diesem Zeitpunkt in Freiheit.
Und der Apfel. Lebt sein Dasein weiter, mitten unter uns, unerkannt und unbeachtet fristet er sein kärgliches Leben. Und das alles wegen zweier kleiner Miststücke, welche vor lauter Wissensdurst mein gemütliches Paradies einer falschen Schlange zum Fraß vorwarfen. Und was macht der da unten? Hat es sich doch anders überlegt. Still und heimlich hat er sein Fegefeuer zugeschüttet und hat sich eine Finca auf Mallorca gekauft. Und dort pflanzt er einen Apfelbaum nach dem anderen. Und jeden Tag kommen Menschen vorbei und schlagen sich die Bäuche voll, solange, bis ihnen vor lauter Freiheit schlecht wird. Und in Afrika? Dort ist den Menschen ebenfalls schlecht, aber vor lauter Hunger. Die Fussball-Weltmeisterschaft ist vorbei, also alles zurück nach Europa. Und den Pokal haben wir auch mitgenommen. Sieht übrigens aus wie ein goldener Apfel. Und die modernen Hesperiden namens Wohlstand hüten ihn, unterstützt vom hundertköpfigen Drachen Ladon. Nein, nicht Ladon, sondern Mensch der Ersten Welt.



