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12.8.2010

I will survive in Auschwitz

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 03:08

oder eine Hommage an das (Über)Leben

Auch ich muss gestehen, dass ich zuerst ratlos war, als ich zum ersten Mal das Video (siehe unten) der australischen Künstlerin Jane Korman mit dem Titel “I will survive in Auschwitz” oder auch “I will survive: Dancing Auschwitz” sah. Nein, ich war nicht brüskiert, ich war nicht schockiert, war weder angewidert noch empört, sondern eben schlicht und einfach ratlos. 

Es zeigt ihren 89 Jahre alten Vater Adam (Adolek) Kohn im Kreise seiner Enkel, wie er sich vor den grausamsten Relikten der gesamten Menschheitsgeschichte tanzend und lachend im Takt zu Gloria Gaynor´s “I will survive” bewegt. Vom Rost zerfressene Viehwaggons, der Eingangsbereich des KZ Theresienstadt, die grauenvollsten Assoziationen mit dem Holocaust namens Dachau und Auschwitz, überall tanzt sich Adam Kohn mit seinen Enkeln durch die immer gegenwärtige Vergangenheit, zuerst zögerlich und zaghaft, mit jeder weiteren Sekunde des Films aber unbeschwerter, ausgelassener und fröhlicher. Er posiert mit dem Victory-Zeichen vor einem Verbrennungsofen, wie zum Hohn trägt er ein weisses Shirt mit der Aufschrift “Survivor” zur Schau. Seht her, ich bin ein Überlebender jener Vernichtungsmaschinerie, welche Millionen von Menschen zu toten “I will not survive”-Mahnmalen degradiert hat. Adam Kohn hat die Pforten der Konzentrationslager als Lebender, Über-Lebender, wieder verlassen.

Warum bricht Adam Kohn mit jenen Tabus, welche uns die Gesellschaft Tag für Tag diktiert? Weshalb provoziert uns seine Tochter mit einem Kurzvideo, welches den unheilvollen Titel “I will survive in Auschwitz” trägt? Haben seine Enkel keinen Anstand und Sinn für Pietät, dass sie fröhlich und ausgelassen vor den Überbleibseln des Holocaust tanzen?

Nein, Adam Kohn und seine Familie setzen Zeichen. Wo andere nur betreten schweigen, die Vergangenheit möglichst für alle Zeiten ruhen lassen wollen, treten sie feierlich aus dem Schatten heraus und schreien: “Seht her, das verstehen wir unter Vergangenheitsbewältigung! Ihr sagt, wir dürfen nicht tanzen. Wir werden Euch eines Besseren belehren!”

Wer, wenn nicht Adam Kohn selbst, darf seiner Freude über das Leben Ausdruck verleihen? Ist es sittenwidrig, wenn er sich über alle gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzt, anstatt mit gramgebeugtem Haupt heuchlerisch dazustehen und Kränze niederzulegen? Nein, Adam Kohn bricht weder Tabus noch Regeln, er bittet vielmehr jenen zum Tanz, welcher vor mehr als 60 Jahren Solotänzer war, den Tod höchstpersönlich. Nicht feige grausam und hinterlistig blutrünstig wie die braune Brut, sondern schelmisch blinzelnd und verschmitzt zwinkernd.

Möge Adam Kohn noch viele Jahre mit seiner Tochter und seinen Enkeln tanzen. “I will survive in Auschwitz” ist ein kleines Meisterwerk von Jane Korman. Danke!

I will survive Auschwitz

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