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25.8.2010

Rundumsicht

Abgelegt unter: Zeit-Geschichten — Paul Boegle @ 04:55

Er drückt seinen mageren Körper gegen die riesige schwere braune Holztüre. Von schräg oben, aus der Distanz, emotionslos, geräuscharm, sieht er müde aus. Die helle Hose fleckig, viel zu lang, hängt ihm lose über die abgenutzten Schuhe. So steht er da, fühlt sich sicher neben dieser riesigen schweren braunen Holztüre, welche ihm Schutz bietet. Schutz vor neugierigen Blicken, während er langsam sorgsam sorglos das belegte Brot aus dem zerrissenen Stückchen Papier schält. Ein heftiger Windstoss krallt sich in das ungeschnittene Haar, von schräg oben sieht es ungepflegt aus, aus der Ferne betrachtet, von schräg oben aus gesehen. Er tritt schnell einen weiteren Schritt nach hinten, auf die Seite, auf die rechte Seite, von ihm aus gesehen, von schräg oben gesehen nach links, hin zur Türe, zu dieser riesigen schweren braunen Holztüre.

Langsam fressen sich die Lichter durch die Nacht, beissen sich förmlich fest in dieser Schwärze, reissen Stück für Stück heraus aus der Nacht des Parks, schlucken die Finsternis hinunter und geben den Weg frei, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne. Dann taucht der Wagen auf, schiebt sich von links in das Bild hinein, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne. Sie fahren bereits zum vierten Mal ihre Runde, immer auf der Suche nach Störung, nach Gewalt, nach Gesetzesübertretung. Von rechts kommt eine Gruppe junger Menschen ins Bild, zwanglos lärmend, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne.

Ein junger Mann, ist es ein junger Mann, vielleicht auch eine junge Frau, eine junge Frau mit kurzen Haaren, vielleicht auch nicht, möglicherweise ein junger Mann, eine junge Frau, wer weiss das schon, jetzt um diese Uhrzeit, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet. Bedächtig geht er, geht sie über den Asphalt, aus dem Schatten heraus von hinten kommend, unter das gelbliche Licht der Laternen, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet, um diese Uhrzeit. Links ein grüner Streifen Rasen, jetzt bei Nacht schwarz, ansonsten grün. Daneben der breite Streifen Asphalt, grau, jetzt gelblich-weiss, bei Nacht, beleuchtet durch unsichtbare Laternen, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet, um diese Uhrzeit gelblich-weiss fahl, sonst grau, hellgrau, bei Tageslicht gesehen.

Der alte ärmlich gekleidete Mann hat sein Brot gegessen, direkt neben der riesigen schweren braunen Holztüre. Ratlos steht er inmitten der Überwachung, weiss nichts von seiner nächtlichen Observation, ahnt nichts von den schräg über ihm schwebenden spiegelnden Augen, steht einfach nur da neben der riesigen schweren braunen Holztüre und weiss von nichts, von schräg oben betrachtet.

Der junge Mann drückt sich an der Betonwand entlang, die junge Frau streift dicht an der Wand entlang, wer will es schon wissen, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet. Langsam geht sie aus dem Bild, lautlos verschwindet er, nach oben weg, Szene, Schnitt. Die Augen starren ins Leere, drei Meter hoch angebrachte schwebende spiegelnde Augen.

Rot leuchten die letzten Reste der Rücklichter, leuchten am rechten Rand des Bildschirms, leuchten von leicht unterhalb von vorne. Die Lichter haben sich weitergefressen, Kannibalen auf der Suche nach Gesetzesbrechern, Gesetzeslückenübertretern, Verbrechensbekämpfungsgegnern. Das Auge schaut weiter in die Finsternis, immer auf der Suche, rastlos überwachend, staatstragend, staatsdienend, staatstreu.

Überwachung muss sein, jetzt, um diese Uhrzeit, doch wer weiss das schon. Von schräg oben betrachtet, von vorne betrachtet, leicht unterhalb von vorne, von hinten betrachtet, drei Meter hoch von hinten betrachtet. Die Bildschirme sind leer, jetzt um diese Uhrzeit. Der alte Mann ist satt.  


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